Peter Lang | Kritik
Hans-Joachim Schulze
Oder als Beuys mit Langhans in Leipzig zu Besuch war
Hans-Joachim Schulze – Göttinnen und Götter
22. Februar – 9. März 2008
Künstlerhaus Bethanien, Berlin

Irgendwann musste Schulze von Beuys und seinen Strategien gehört haben. Wir kannten den im Osten zwar noch nicht, aber die kollektiven Peformances von Schulze - als solches kann man es von heute aus wohl am besten bezeichnen - machten schon was her. Besonders die Freundinnen Schulzes. Das andere, das eigentlich Gemeinte, ertrug man dann halt mit.

Unter dem Namen Gruppe 37,2 fanden durch Schulze initiiert in Leipzig und anderswo seit 1982 künstlerische Ereignisse der anderen Art statt. Schulze mit seinen manisch langen Haaren war uns schon aus Prinzip nahe, im Gegensatz zu seinen betulichen Professoren, die man immer a priori unter Regimeverdacht hatte. Als Grund reichten schon ihre großen alten Wohnungen und neuen Atelierhäuser, diese zwar hässlich aber vom Staat bezahlt. Schulze waberte bei Auftritten mit unverständlicher Halbphilosophie als Schamane durch die Räume, setzte Maler ein, die mit groben Besen über Papierbahnen zogen, aquirierte bärtige Komponisten der Moderne, die den Saal zerbliesen und lies diplomierte Philosophinnen deklamierend durch die Veranstaltungsräume marschieren. Ich erinnere mich noch deutlich an ein solches Ereignis in einem Jugendclub namens Nato. Der Name war eine Verballhornung der Nationalen Front, einer Rentnerorganisation der DDR.

Schulze zeichnete seine Ideen in Form Steinerscher Diagramme (kannte man damals natürlich auch nicht) auf. Da sollte die Kunst allen Ernstes zur direkten Produktivkraft werden (was haben da die Arbeiter gelacht). Dieses Konstrukt glaubte man damals natürlich schon nicht, aber nett anzusehen war es doch, dieses Tohuwabohu der DDR-Intellektuellen. Hätte man die künstlerischen Strategien des Westens besser gekannt, man hätte gedacht in einer Parallelveranstaltung von Joseph Beuys "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt" (Galerie Schmela, Düsseldorf, 1965) zu sein.

Ja schade nur, dass diese andere Seite der Leipziger Schule, zu deren jetzigen Elogen sich gerade wieder Monopol ein Heft abgerungen hat, nicht in der aktuellen Ausstellung zu sehen ist. Wie gern hätte man Fotos, Filme und natürlich die Zeichnungen und die darauf beruhenden Bilder Schulzes nochmal gesehen. Im Gegensatz zu Hermann Nitsch, den die österreichische Bourgeoisie und ihre Magister nun am liebsten Wiener Herzen (LWH) plattgedrückt hat, und dessen Schmierereien in Schweineblut einem Hofrat mittlerweile gut an der Wand anstehen, ist Schulze in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Seine Kehrtwende ins Esoterische, deren Ergebnisse man im Künstlerhaus Bethanien besichtigen konnte, Titel: „Göttinnen und Götter" - im Katalog liest man, dass Schulze seit 2001 an einer ArbeitslosenOper arbeitet und sich mit dem Thema Wasser beschäftigt - erzeugen nur gähnende Langeweile. Ein paar alte Akte aus dem Leipzig der achtziger Jahre und viele Mädels in Bildern. Da ist Schulze im Rückblick schon lustiger als sozialer Typ und Querulant oder als Ostausgabe von Rainer Langhans.
Ein Fensterputzer in Leipzig sprach immer voller Begeisterung von der Wohnung dieses langhaarigen Waldschrates, in der er wildes Kommuneleben und Orgien vermutete. Zur Eröffnung der Ausstellung spielte übrigens folgerichtig das: INNENSASSINNEN INSOLVENZ ORCHESTER, eine Gruppe von Improvisationsmusikern mit variierender Besetzung.
Peter Lang, 09.03.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Man wird auf seltsame Weise aus seinen privaten Kreisen über bestimmte Aktionen in eine Öffentlichkeit hineinkatapultiert, wo man entweder etwas sagt oder sich überhaupt erst im Lauf von Gesprächen über einiges klar wird.
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