Michael Reuter | Kritik

In der Drachenhöhle

Zeitgenössische Druckgrafik aus China in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen


Yang Shaobin, Untitled (red biting), 2003, Sammlung Huang Liaoyuan, Peking

Der chinesische Drache blendet die Augen, dröhnt in den Ohren, springt garstig dominant aus dem Wirtschaftsteil der Tageszeitung und legt sich als Leichentuch über alle Wünsche des deutschen Michels, es möge doch alles so bleiben, wie es war. Auch in der Kunst startete China raketengleich durch und so werden im Jahr der Olympiade in Peking die Glatzköpfe von Fang Lijung, die fleischig-blutigen Figuren von Yang Shobin, Xu Bings poetische Schrift-Installationen oder Yue Minjuns Bilder des gefrorenen Lachens noch des Öfteren unsere Sehnerven passieren. Den Beginn macht die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen mit einer prächtig ausgestatteten Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Druckgrafik, die noch bis zum 06.04.2008 zu sehen ist. Die etwa 130 Holzschnitte, Radierungen Lithografien und Siebdrucke entstammen überwiegend einer Privatsammlung aus Peking, ergänzt durch Leihgaben aus deutschen und internationalen Sammlungen.

Einige Werke, die nationale Symbole wie den Großen Vorsitzenden Mao Tse-tung oder die Volkskongresshalle in Peking künstlerisch hinterfragten, konnten nur auf Umwegen ihren Weg ins Ländle finden; skeptische Zollbeamte verhängten Ausfuhrverbote und sorgten so beim Galerieteam für zusätzliche Arbeit.
Abseits von Klischees lässt sich hier überprüfen, ob unser Bild von China in den Arbeiten bestätigt oder verworfen wird. Der Europäer sucht reflexartig zuerst nach Systemkritik, nach politischem Aufruhr oder einem malerischen Kotau vor dem westlichen Lebensstil, dem die zu Wohlstand gekommenen chinesischen Malerstars nicht abgeneigt sind. Doch grobe Kritik am System findet nicht statt, dafür gibt es eine beeindruckende Bandbreite von Themen und Stilen. Die eigene Tradition und kulturelle Identität werden ebenso reflektiert wie die kulturrevolutionäre Vergangenheit, die rasenden Umwälzungen der letzten Jahrzehnte oder die westlichen Lebens-, Konsum- und Kunstwelten.


Fang Lijung, 2005, Antonio & Diana Murzi Collection, Courtesy Alexander Ochs Galleries Berlin/Beijing

Der seit der Documenta allgegenwärtige Vorzeigechinese Ai Weiwei schrieb vor einiger Zeit: „Wann immer dieses Land in der Vergangenheit von anderen Völkern und Kulturen erobert und beherrscht wurde, fand es die Kraft, sich inmitten der gewaltigsten politischen Umwälzungen die kulturellen Eigenarten der Besatzer zu eigen zu machen, sich wieder zu erholen und am Ende eine völlig neue Kultur hervorzubringen.“
Besonders hervorzuheben sind die Arbeiten des 1955 geborenen Xu Bings, der sich konzeptuell mit westlichen und östlichen Drucktechniken und Schriftsystemen auseinandersetzt. Er hat über 4.000 verschiedene Schriftzeichen entwickelt und sie über mehrere Jahre in hölzerne Druckstöcke geschnitzt. Die entstandenen, handwerklich wie ästhetisch perfekten Bücher und Installationen lösten in China, dem Mutterland des Holzschnitts, einige Aufregung aus. Die vermeintlichen Schriftzeichen, zentrale Träger der chinesischen Kultur, entpuppten sich bei näherem Hinsehen als rein ästhetische Formen ohne konkrete Wortbedeutung.
Übrigens werden auch zwei chinesische Künstler aus Stuttgart, Xian-Wei Zhu und Yi Sun, ihren Auftritt in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen haben: ab Ende November in der Ausstellung „China goes Stuttgart“.

Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 57, März 2008.

Michael Reuter, 15.03.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Interessanter Beitrag zu einer sicherlich sehr aufschlussreichen und/oder bereichernden Ausstellung. - Es wäre vielleicht noch hilfreich gewesen, bis wann die Ausstellung so besuchen ist oder ein Link auf das Museum/die Galerie? - Ansonsten und wie schon angedeutet. besten Dank für den Beitrag.

bhlogiston [TypeKey Profile Page] | 28.03.08

 

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