Christoph Bannat | Bücher
Karikatur, Gulbransson, Wolverton

Basil Wolverton-Collection Glenn Bray.
Vielleicht wird man unsere Zeit einmal den 4D-Manierismus nennen - rechnet man als vierte Dimension noch die Zeit in Form des Films hinzu. Jene Zeitgenossen, denen der herrschende Stilpluralismus Sorgen bereitet, können bei Werner Hofmann Trost finden: »Die Karikatur - Von Leonardo bis Picasso« erschienen bei Philo Fine Arts. »Seit ich mich mit Kunstwerken beschäftige, leitet mich das ästhetisch-intellektuelle Bedürfnis, aus den Fakten die Spannung herauszuholen, die sie als produktive Widersprüche in sich tragen«, lautet seine tröstliche Kühlung.

Christoph Jamnitzer, 1563-1618, zwei Männer 1610. Aus Die Karikatur
Werner Hofmann wurde 1928 in Wien geboren. Er ist Kunsthistoriker, Gründungsmitglied des Museum des 20. Jahrhunderts in Wien und war bis 1990 Direktor der Hamburger Kunsthalle. Bereits 1956 erscheint sein »Karikaturen- Buch«, das jetzt neu aufgelegt wurde. Werner Hofmann datiert die Entstehung der Karikatur auf das 17. Jahrhundert. Für ihn stellt die Karikatur einen Gegenentwurf zu jeweils herrschenden Stil- und Schönheitsidealen dar und bietet darüber hinaus die Möglichkeit, sich mit politisch und alltäglichen Inhalten zu beschäftigen. »Wem die Welt als ein vernünftiger Sinnzusammenhang erscheint, in dem das Schöne die höchste Stelle einnimmt, der erlebt alles Niedrige als komisch, alles Alltägliche als grotesk - dem muss sich schließlich die Karikatur als gefährlicher Verstoß gegen die Regeln und provozierender Widerspruch darstellen, kurz: als eine ‘Art Ausschweifung der Einbildungskraft’, wie es in der Encyclopédie von 1751 heißt, mit der man nur zur Unterhaltung und Belustigung Umgang haben dürfte.« Später wird er diese »Ausschweifung der Einbildungskraft«,als Anfänge des Expressionismus entdecken. Dass er die Anfänge der Karikatur, weder im Manierismus noch im Mittelalter ansiedelt (tragen doch Pieter Bruegel oder Giuseppe Arcimboldo bereits alle Merkmale die man mit der Karikatur in Verbindung bringen kann), begründet er damit, dass diese in der Formensprache jener Epochen fest verankert waren. Erst in der Normenverletzung – die in allen Trivialkünsten steckt –, der Subversion gegen ein herrschendes Schönheitsideal, wie es sich im 17. Jahrhundert entwickelt, entsteht die Wirkungsgeschichte der Karikatur als selbstständiges Ausdrucksmittel. Durch die den Museumskünsten anhaftende Ambivalenz aus Befreiung und Entmündigung sieht er die Kraft wachsen (und auch wieder vergehen).

Pierre Puvis de Chavannes, 1826-1898. Aus Die Karikatur"
Denn »... angesichts einer Kunst, die selbst ‘hässlich’, unsinnig, ungeordnet, irrational, anderseits schematisch, stilisiert, fragmentarisch, in sich Maske und Sprechblase geworden ist, von Gegenkunst zu sprechen ist unsinnig«, wie es Giovanni Gurisatti im Vorwort der neuen Auflage schreibt. Kunst selbst ist heute ihre eigene Karikatur. Bezeichnend ist, dass Werner Hofmann Wilhelm Busch als Vorläufer des Zeichentrickfilms nennt, und den Film als jenes Medium, das zu einer Art Gegenkultur werden könnte, eine in der Lebensentwürfe ästhetisch verhandelt werden.
Das Buch besteht aus zwei Vorworten, dem Text von 1956 und über 50 Bildbeispielen mit Erklärungen. Diese sind ein reicher Schatz, brillant gewählt, fordern sie den Bildleser auf, noch einmal genau hin zu sehen.

Georg Cruikshank, 1792-1878, Alle Welt kommt zur Londoner Weltausstellung 1851. Aus: Die Karikatur
Werner Hofman sieht den ersten Höhepunkt der Geschichte der Karikatur bei William Hogarth (1697-1764) in England. Mit Honoré Daumier (1808- 1879) formuliert sich diese in Frankreich künstlerisch aus, um dann mit dem Simplicissimus (1896-1944) in Deutschland noch einmal eine Blüte zu erleben.

»Es War einmal ...« links, rechts: Olaf G., Avant-Verlag.
Olaf Gulbransson (1873- 1958) war der beste Zeichner des Karikaturenblattes Simplicissimus – sicherlich auch, weil er mit seinem Jugendstilstrich diesem verträumten Stildiktat wieder Leben einhauchte. Das Comic Olaf G. der Norweger Lars Fisk und Steffen Kverneland zeigt deren Stipendienreise auf den Spuren des Norwegers Olaf Gulbransson. Der wurde 1902 zum Simplicissimus geholt und arbeitete für diesen, bis zu dessen Ende 1944. Seit seinem Eintritt ins Zeichnerkollektiv des Simpl-Verlags lebte er in Bayern. Am Tegernsee steht heute das Gulbransson- Museum. Die beiden Autoren erzählen Gulbranssons Lebenslauf flüssig und lassen den Leser an ihren Rechercheerlebnissen teilhaben. Stilistisch switchen sie zwischen Peter Bagge (Autorencomic der 90er), Mad-Zeichner Don Martin sowie einem von Fotos inspiriertem Illustrationsstil. Und sie huldigen affirmativ, wenn auch ironisch gebrochen, den Hedonisten und Womenizer Gulbransson. 1933, nach der Machtergreifung der Nazis – hier ist der Comic sehr genau und entwickelt seine eigentliche Stärke – hält sich Gulbransson am Machtpol. Zu dieser Zeit ist Gulbransson bereits Professor an der Münchner Kunsthochschule. Als sein Redakteur Thomas Theodor Heine, der jüdische Vorfahren hat, aus der Redaktion gezwungen wird, zieht Gilbransson daraus keine Konsequenzen. Im selben Jahr wird er von Erika Mann zurückgepfiffen, als er eine Unterschrift gegen Thomas Mann abgibt, den er bereits 30 Jahre lang kannte. Schon Victor Klemperer wusste, dass nicht seine Feinde das »Nazi-Problem« waren, sondern seine Freunde und Kollegen, jene auf die er glaubte sich verlassen zu können. Im Sommer 1933 initiierte Max Liebermann eine Ausstellung zu Gulbranssons 60sten Geburtstag, im gleichen Jahr bekam Liebermann Berufsverbot. 1934 erscheint Es war einmal ..., Gulbranssons gezeichnete Autobiografie. Dieses – in stilistischer Hinsicht – Ausnahmebuch machte mich erst auf den ganzen Gulbransson neugierig. 1944 zeigt das NS-Blatt Munin eine Fotoserie vom Fronturlauber Oscar Bang und dessen Frau bei Gulbranssons zu Besuch entspannt feiernd (Bild im Comic). Gulbransson erscheint hier als Phänotyp am Machtpol, der nicht auf den medialen Anschluss verzichten kann, der – typisch männlich – selbstverständlich seine Macht gebraucht und eben dieser selbstverständliche Gebrauch ist ein Teil dieser Macht.
Das Comic zeigt eine Menge Bilder zwischen denen der Leser selbstständig denkend flanieren kann: Gulbranssons Geschichte ist gerade deshalb interessant, weil er vom linken Szene-Blatt (zeitweise Auflagenhöhe 200.000) zum gleichgeschlteten Simplicissimus wechselt.

Basil Wolverton – Glenn Bray Collection.
Basil Wolverton war ein unvermittelter Schlag in die Magengrube, als ich ihn in MAD entdeckte. Ein Schock. Ein bleibender Eindruck. Und eine lebendiger Beweis von der Kraft der Zeichnung.
www.philo-philofinearts.de
Lars Fiske & Steffen Kverneland, Olaf G., www.avant-verlag.de
Glenn Bray, The Original Art of Basil Wolverton, Grand Central Press
Christoph Bannat, 18.03.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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