Michael Reuter | Sonstiges

Kehraus im Off Space. Gibt es ein künstlerisches Leben nach Stuttgart 21?


Waggons am Nordbahnhof

„Ich bin schon optimistisch, dass der Mietvertrag häppchenweise verlängert wird.“ Moritz Finkbeiner, letzter Mohikaner des Kunstvereins „Für Flüssigkeiten & Schwingungen“ und seit vielen Jahren bei den im Einbahnstraßengewirr des Nordbahnhofs verborgenen alten Eisenbahn-Waggons aktiv, blinzelt auf der Terrasse seiner Bar in die Wintersonne. Er möchte den Gedanken, dass hier statt Ateliers, Konzerten und kreativem Chaos demnächst eine Containerstadt für Arbeiter der Jahrhundertbaustelle Stuttgart 21 entstehen könnte, am liebsten verdrängen. Doch der Mietvertrag eines der letzten Großstadtbiotope läuft Ende März aus – Verlängerung ungewiss.

Die Bewohner träumen derweil von Tiefladern oder Hubschraubern, die ihre Waggons zu den wenige hundert Meter entfernten Wagenhallen umsetzen. Deren Betrieb scheint vorerst gesichert, aber auch hier leben die 70 Künstler mit Mietverträgen, die jährlich neu vergeben werden. Viele Gerüchte kursieren, aber wie es wirklich weitergeht, weiß keiner. „Off ist hier allenfalls die Lage und der trashige Touch“, merkt Bildhauer Thomas Putze an, der seit eineinhalb Jahren in den Wagenhallen arbeitet. Mit dem Begriff „Off“ mag er sich nicht identifizieren, denn es schwinge zu oft die Konnotation „schlechter als die anderen“ mit. Er schätzt vor allem das gute Klima im Umfeld und die unbegrenzte Verfügbarkeit von rostigen Metallteilen, die er in seine Holzskulpturen integriert.


Atelier Thomas Putze

Noch gibt es viel zu sehen im Stadtteil rund um die Recycling-Firma JKS Karle, die mit 75 Prozent am Kulturbetrieb Wagenhallen beteiligt ist: die Galerie „eigen.art“ des umtriebigen Wolfgang Seitz, die Galerie des Atelierhauses „op nord“, die Galerie „Hausgeburt“. Doch die Reihen lichten sich und die Zeit des Nordbahnhofs als Hort alternativ-künstlerischen Schaffens scheint abzulaufen. Viele Kunstinitiativen wie das „Atelier Unsichtbar“, mit seinem Schriftzug „o poco da morte“ wohl das eindrücklichste Fotomotiv im Viertel, sind bereits Geschichte.
Auch die Galerie im Rocker 33 in der ehemaligen Bahndirektion, die sich durchaus noch als Off Location begreift, sieht durch Stuttgart 21 ihrem nahen Ende entgegen. Im Oktober 2009 läuft hier der Mietvertrag aus. Thorsten Neumann von der Agentur Gold & Wirtschaftswunder, der über die Einnahmen des Clubs die Galerie am Leben hält, ist wenig opimistisch, dass Stuttgart Alternativen zur Verfügung stellen kann und befürchtet einen kreativen Brain Drain: „Junge Künstler gehen immer dahin, wo es billigen Wohnraum gibt und wo die Sadt noch ein Interesse hat, die Leute zu unterstützen.“
Die Hoffnung ruht also auf dem Nachwuchs, der trotz hoher Atelierkosten der Stadt die Treue hält. Immer einen Blick wert sind die unkuratierten Gesamtausstellungen der Kunstakademie, die jedes Jahr für zwei, drei Wochen an wechselnden Orten wie dem ehemaligen Dinkelacker-Gelände am Marienplatz oder in aufgelassenen Möbelhäusern stattfinden. Die Qualität schwankt von Jahr zu Jahr wie ein Elefant auf der Slackline – mit ähnlichem Absturzrisiko.
Seit Anfang 2007 am Start sind die Kunststudenten Alec Barth und Anna Schaible. Sie dürfen die Räumlichkeiten des ehemaligen Künstlertreffs am Leonhardsplatz mietfrei nutzen und versuchen sich nun im „gez. raum für urheber“ an Alternativen zum klassischen Kulturprogramm. Gesucht werden „authentische Positionen“, geboten wurde aber bisher eher Vertrautes: Malerei, eine lustige Performance mit frittierten Videokassetten und ein wenig bemalte Außenfassade.


Interventionsraum

Ein interdisziplinäres Konzept verfolgt seit Oktober 2007 der „Interventionsraum“ in der Marienstraße, gegründet von ehemaligen Studenten der Kunsthochschule und zur Verfügung gestellt von einem spendablen Immobilienbesitzer, dem das Licht der Kunst allemal lieber ist als das Dunkel des Leerstands.
Im Januar stellte Daniel Beerstecher aus, Sehnsuchts-Reisender und Akademiestudent im achten Semester. Er verbrachte die ersten fünf Nächte vor Ort und installierte sein komplettes Schlafzimmer inkl. Bodenbelag und Trennwand, hinter der eine DVD über die Umwandlung eines Frankfurter Hotelzimmers zum wilden Zeltplatz mit Rollrasen, Bäumen und Dosenfutter vom Esbitkocher im Dauerloop lief.
Letzter Spross der nichtkommerziellen Galerien ist „Hermes und der Pfau“ in der Christophstraße. Initiiert von Anne-Sophie Ruckhaberle und Phillip Ziegler, bietet der neue Kunstraum wenig Off aber viel Professionalität.
Alle diese Projekte verdienen Unterstützung. Sie suchen nicht in pittoresken Industriebrachen ihr Heil sondern kehren zurück in die Stadt, geben sich mit kleinen Räumen zufrieden, fragen ungeniert nach privatwirtschaftlicher Unterstützung und erhalten sie. Gefahr droht durch die Abhängigkeit vom Vermieter, der moderne Kunst vielleicht nur schätzt solange sie nicht allzu laut daherkommt, und durch die Schere im Kopf, die den vorhandenen Ort nicht als Chance zum künstlerischen Ungehorsam sondern als Sprungbrett für die eigene Karriere sieht. Dazu passt die Scheu, sich überhaupt als Off Space zu outen. Das Sonnendeck wünscht allen Beteiligten das Beste und viel, viel mehr Mut.

Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 57, März 2008.

Michael Reuter, 04.03.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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