Christoph Bannat | Interview

Muße

Interview mit Dr. Viola Vahrson


Griffelkunst Grafik, Polke u. Richter im Hotel Diana.

Sit-ins, Smoke-ins, Abhängen, Gammeln - in den 70ern wurden diese Begriffe als politischer Widerstand gegen bestehende Umgangsformen ausgelegt. Die Fragen hießen "was bist du?". Ein Jahrzehnt vorher hieß es noch "wo bist du organisiert?". Erst mit Punk wurde gefragt "was machst du?". Heute heißt es "an welchem Projekt arbeitest du gerade?". Fragen eines aufstrebenden Bürgertums, dem das Proletariat mit "was guckst du?" heute fragend antwortet. Dr. Viola Vahrson referiert am 1. April, 20 Uhr in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Oranienstraße 25, zum Thema Muße: ein Geschenk der Götter, ein seltener Augenblick oder ein verstaubter Begriff?


De...montage der Situationisten.

Christoph Bannat (C.B.) Können Sie sich kurz vorstellen, was machen Sie beruflich und wo?
Dr. Viola Vahrson (V.V.) Ich bin Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunstwissenschaftlichen Institut der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Ich gebe Seminare im Bereich Kunstwissenschaft und Ästhetik, arbeite an Ausstellungs- und Forschungsprojekten.
C.B.: Wie sind Sie auf den Begriff der Muße gekommen?
V.V.: Im Rahmen eines Reiseforschungsprojekts mit dem Titel In den Architekturen des Alltags. Gewohnheit, Faulheit, Muße zwischen der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und der Moholy-Nagy-University of Art and Design, Budapest, habe ich gemeinsam mit Hannes Böhringer die verschiedensten Formen des Nichtstuns sowohl theoretisch als auch praktisch erforscht.*
Zunächst interessierte uns die Gewohnheit. Alltägliche, mechanische Abläufe, denen man kaum noch Aufmerksamkeit schenkt. Deren Funktion gerade darin besteht, nicht aufzufallen, reibungslos abzulaufen, um uns Raum für ein freies Handeln zu geben. Gewohnheiten verfestigen sich aber sehr leicht, zwingen uns bewusst oder unbewusst zu starren Abläufen. Schließlich decken sie einen Großteil unseres Handelns ab. Wir werden träge und unzufrieden. Doch es ist schwer, dem eng gestrickten Netz von Gewohnheiten zu entkommen, ihre Notwendigkeit in Frage zu stellen. Und dann gibt es natürlich auch die liebgewonnen Gewohnheiten: eine Tasse Kaffee, eine Zigarette, mit denen wir uns eine Auszeit, eine Pause innerhalb des geschäftigen Alltags gönnen. Solche Augenblicke möchten wir beinahe als Muße bezeichnen. Doch ganz stimmig scheint diese Zuordnung nicht, schwingt doch bei der Muße immer auch der Anspruch an eine geistige Tätigkeit mit. Gerade dieses Zusammenspiel von freier Zeit und geistiger Tätigkeit hat mich an der Muße interessiert. In Muße verbrachte Zeit wird niemals als Verschwendung angesehen, anders als beispielsweise beim Müßiggang oder der Faulheit. Es ist also auch ein Leistungsanspruch mit dem Begriff der Muße verbunden, das macht ihn in meinen Augen so ambivalent.
C.B.: Wie entstand, einerseits geschichtlich, anderseits für Sie als Autoren, die Verbindung mit Kunst (oder dem Willen zur Kunst)?
V.V.: Historisch tritt der Begriff Muße (schole) erstmals im 5. Jahrhundert v. u. Z. auf. Interessanter Weise wird er zunächst im Sinne einer Negation angewandt. Die Protagonisten haben keine Muße, keine Zeit, sich einer Aufgabe zu widmen oder auf ein Gespräch einzulassen. Zudem bezieht sich der Begriff schon in den ersten Quellen auf die Kunst, die Dichtkunst. Pindaros hat keine Geduld, eine Siegeshymne in aller gebotenen Ausführlichkeit auszuformulieren. Also kürzt er sie mit einer eleganten Metapher ab. Er fürchtet auch die Ungeduld des Publikums, ihre Ermüdung und Unaufmerksamkeit. Zwar erfährt die Muße im Laufe der Jahrhunderte noch vielseitige Interpretationen, aber der Kerngehalt bleibt bis heute erhalten: Die Entscheidung sich Zeit zu nehmen, sich einer Sache mit Konzentration und Geduld zu widmen und bei sich zu bleiben – nicht von anderen Stimmen ablenken zu lassen oder vor sich selbst zu fliehen. Wir werden heute durch eine Verknappung der Zeit strapaziert. Als Dozenten an einer Kunsthochschule erfahren sowohl Hannes Böhringer als auch ich, dass sich der Zeit- und Erfolgsdruck schon im Studium drastisch bemerkbar macht. Wir hielten es von daher für wichtig, einen Gegenakzent zu setzen, und uns dem Nichtstun, der Muße und der Faulheit zu widmen.
C.B.: Hat der Begriff der Muße heute noch eine Bedeutung? In Zeiten da viele Kulturarbeiter von Projekt zu Projekt denken? Und vor dem Projekt nach dem Projekt ist? Oder sind es gerade die teleologisch sinnfreien, seinsbewußten Zeitinseln zwischen den Projekten, die man als Muße bezeichnen könnte?
V.V.: Der Begriff Muße wirkt heute veraltet und verstaubt. Das sollte uns zu denken geben. Wie kommt es, dass wir einen Begriff und damit seine Eigenschaften und Funktionen derart vernachlässigen, den Aristoteles als den Angelpunkt des Lebens betrachtete und mit ihm wahres Glück verband? Unser heutiges Leitbild ist die Arbeit, früher war es die Muße. Es gab wohl kaum eine Zeit, die zweckmäßiger ausgerichtet ist als die heutige. Muße zwischen der Arbeit halte ich für illusorisch. Zumeist verausgaben wir uns in der Arbeit, in Projekten bis zur Erschöpfung. In der knapp bemessenen freien Zeit müssen wir uns erholen, um für die nächste Aufgabe fit zu sein. Erholung bedeutet aber nicht Muße.
Auch Aristoteles kannte schon dieses Problem:
Er war der Auffassung, dass ohne Lustgefühl und Genuss Muße nicht möglich sei. Die Lust selbst sei 'energeia', aktive Entfaltung, bei der wir unsere Kräfte gebrauchen. Doch erkennt er auch die Gefahr, die im Genussleben liegt, sofern es nicht mehr konkreten, beendbaren Bedürfnissen dient. Aristoteles warnt von daher vor Hemmungslosigkeit wie auch vor Askese. Diese Warnung bezieht sich nicht nur auf die sinnlichen Genüsse, sondern auch auf die geistigen Tätigkeiten. Entsprechend äußert er: "Auch einige freie Künste und Wissenschaft kann man zwar bis zu einem gewissen Grade betreiben, ohne dass es für einen freien Mann ungeziemend wäre; verlegt man sich aber allzu eifrig auf sie, um es zur Meisterschaft in ihnen zu bringen, so würde das die angegebenen Schäden nach sich ziehen." Es gilt also mit den Kräften zu haushalten, sie nicht unnütz zu verschwenden, weder an die Institutionen noch an sich selbst. In allem ist also das richtige Maß anzustreben, ansonsten stellen sich Verausgabung oder Erschöpfung ein. Nicht nur die Trägheit, sondern auch die innere Unruhe, die Rastlosigkeit und auch der Rückzug von der Wirklichkeit durch zu große Intensität, stehen der Muße im Wege.
C.B.: Haben Sie auch recherchiert, von wem der Begriff der Muße, und zu welcher Zeit, be- und genutzt wurde?
V.V.: Zu jeder Zeit gab es Klagen über zu wenig Muße – da stehen wir also nicht alleine da.
C.B.: Wünschen Sie, dass der Begriff der Muße eine Renaissance erlebt, wieder zum Sehnsuchtsbegriff wird?
V.V.: Ich wünsche mir, dass die Muße wieder zu einem größeren Teil unserer Realität wird. Muße fliegt uns nicht zu, sie ist kein Geschenk der Götter, sondern eine bewusste Entscheidung, eine Haltung für die wir uns einsetzen sollten.


*Im Rahmen des Projekts erschien eine Publikation mit dem Titel Faulheit, hrsg. von Viola Vahrson und Hannes Böhringer, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2008.

Nichtstun ... in der neuen Gesellschaft - Die Welt der Muße:
www.ngbk.de
www.mitzeitung.de/veranstaltungen

Christoph Bannat, 29.03.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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