Esther Ernst | wo ich war

WIENER INGRID - BAIRD VANESSA - TRANSMEDIALE 08 - EMIGHOLZ HEINZ - KOUNELLIS JANNIS - ...5 MINUTES LATER

 

WIENER INGRID
Bedingte Wahrscheinlichkeit
Galerie Barbara Wien, Berlin
+ Ingrid Wiener hat für diese Ausstellung einen Notizzettel mit einer mathematischen Formel des Pfarrers Thomas Bayes abgewebt. Es sei ein Versuch, das Bayesche Theorem der bedingten Wahrscheinlichkeit durch diese Tätigkeit zu verstehen.
Versteh ich nicht. Der Transformationsprozess von zerknülltem Papier zu gewobenen Stoff produziert in den 9 (34 x 50 cm) "Teppichen" zwar eine eindrückliche Materialität mit unglaublicher Tiefe, inhaltlich ist mir die Arbeit und Arbeitsweise aber ganz und gar unklar. Der Vorgang, sich eine komplexe Formel durch abweben zu verinnerlichen, ist mir einigermassen ungeheuer...
An den Webstücken mit hölzernen Küchenbrettchen auf seltsam gemusterten Stoffen, auf denen eine Brille liegt, habe ich Gefallen gefunden. Die sind toll schmuddelig und die verschiedenen Stofflichkeiten in gewebter, dichter Form zu sehen, will nicht ganz so viel wie eine verinnerlichte mathematische Formel...

 

BAIRD VANESSA
My father, me – and somewhere else
Galerie c/o - Alte Gerhardsen, Berlin
+ Betten in Ecken in düsteren Räumen, ausgelaugte Frauen mit hängenden Brüsten in vergewaltigten Posen, abgestorbene Baumstümpfe, verweinte Kissen...
Eine seltsame Welt von Vanessa Baird. Ein bisschen zu viel Frauenkram und überhaupt, so genau wollte ich es gar nicht wissen.
Handwerklich sind die Aquarellzeichnungen toll gemacht. Die verschiedenen auf einem Blatt verteilten Szenarien verhalten sich ganz locker zu einander, bleiben skizzenhaft, sind aber doch sehr präzise ausgearbeitet.

 

TRANSMEDIALE 08
Haus der Kulturen der Welt, Berlin
+ letzter Tag und letzte Möglichkeit, die Transmediale zu sehen, eine Ausstellung, bei der ich mir nie ganz sicher bin, ob es sich wirklich lohnt, extra hinzugehen.
Und tatsächlich war da nur blöd ausgedachtes Bastelzeug zu sehen. Schlechte Videos, qualitätslose Bilder, plumpe Konzepte und der Raum sah auch aus wie immer...
Da geh ich nicht mehr hin.

 

EMIGHOLZ HEINZ
Die Basis des Make-Up
Hamburger Bahnhof, Berlin
+ Grundlage für Emigholz’ Schaffen sind seine Skizzenbücher und Notizhefte. Die Hefte sind eng beschrieben und mit kleinen, ausgeschnittenen Bildchen versehen. Sie werden chronologisch bearbeitet und inventarisiert. Die etwas grösseren Skizzenbücher entstehen parallel und ohne Datum. Dort finden sich ebenfalls ausgeschnittene, etwas grössere Bilder und Textfetzen, collageartig bearbeitet.
Bücher und Hefte sind Materialvorlage für hunderte von Zeichnungen (fototechnische Reproduktionen von Zeichnungen?), in denen sich der gesammelte Wahnsinn in fein säuberlichen schwarz-weiss Grafiken zeigt. Man weiss gar nicht, wo anfangen mit Schauen bei den vielen Geschichten und Informationen die einem da entgegen kommen, man springt hin und her, verliert sich dann doch in einzelne Zeichnungen, muss lange schauen, weil die so dicht sind...
Was macht der denn, der Emigholz, der hat ja einen total tollen Knall.
Bin ganz beduselt nach Hause gekommen, das hat sich angefühlt wie sechs Stunden fernsehen...

 

JANNIS KOUNELLIS
Neue Nationalgalerie, Berlin
+ Glocken auf Holztischen, zusammen genähte Juttesäcke, gestapeltes Fundholz unter rohem Marmor, in Blei eingewickelte Stoffstücke, Kohle, überall Kohle und soviel Bedeutung und Aussage. Mäntel an Haken, Bettgestell mit Bleirolle, warnende Schilder vor scharfen Messern, Räume aus Stahlwänden, Hugo, Haare und Wolle und Haare aus geknotetem Stoffbeutel, ein Ei, eine Fliege auf Watte, eine brennende Kerze, Kohlensäcke und Kohle, Kaffe und Bohnen, Bild aus Bahnschwellen, Geruch von Öl und Holz, ich glaub mir wird’s zuviel, zu theatral, zuviel gewollt, das beklemmt mich...

 

...5 MINUTES LATER
Kunst-Werke, Berlin
+ seltsames Ausstellungsvorhaben, Künstler einzuladen, die 5-Minuten-Kunst machen sollen. Weil es doch entweder einfach so passiert, dass man eben mal schnell was Tolles gemacht hat, oder sich plötzlich der Denkknoten löst und die Arbeit zum eigenen Erstaunen in nullkommanichts fertig ist, oder...
Diesen Prozess allerdings zu erzwingen, kann doch eigentlich nur in die Hose gehen. Und ein bisschen zu verkrampft steht dann auch die Kunst in den Kunstwerken rum. Ein Ikea-Bett von Feldmann, in dem sich ein Pärchen fünf Minuten lang geknutscht(?) hat, will doch keiner sehen. Das ist doch langweiliger Mist. Andere haben ein Projekt, welches sie sowieso machen wollten, einfach auf fünf Minuten runter gebrochen... Nachhaltig sind die Exponate kaum, müssen sie ja auch nicht unbedingt sein, dann wünschte ich mir aber wenigstens ein bisschen mehr Humor.
Clemens Wedemeyers Arbeit hat mir gut gefallen. Auf Tonband aufgenommen liesst er seine Absage an die Kuratorin für dieses Ausstellungsprojekt während eines Spaziergangs vor. Diese begründet er mit nicht kompatiblen Arbeitsverhältnissen und betont, dass dieses Statement keine Kunst sei...

Esther Ernst, 21.03.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Eine Anmerkung zum Unverständnis von Ingried Wieners Beitrag: vielleicht ist das Weben einfach ein Tätigkeit, bei der das mantraartige Wiederholen des Faden durchziehens und das Aufsagen von Formeln erhellend für die Gehirntätigkeit ist. Vielleicht bringt ein Selbstversuch mehr Licht in die Verständlichkeit. - ;)

Beverly [TypeKey Profile Page] | 26.03.08

 

Einerseits ist es ja sympathisch, zu lesen: Das verstehe ich nicht. Andererseits wird es Zeit, dass die Kunstrezipienten wieder anfangen zu lernen, einfachste Bilder lesen zu können, das heißt: zu entchiffrieren. Also, Position beziehen. Verstehe ich nicht, kann auch eine blöde Entschuldigung dafür sein, wenn man glaubt, die Welt sei nur noch eine subjektivistische Hölle, in der sich niemand zurechtfinden kann. Sonst besteht die Möglichkeit, dass die Rezensenten irgendwann die ganze Welt unter einem Schleier, "schleierhaft" erleben, wie es zuweilen der Autorin Esther Ernst zu wiederfahren scheint.

joerg [TypeKey Profile Page] | 29.03.08

 

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