Christoph Bannat | Kritik

Berlin Biennale im Schnelldurchlauf


Pushwagner, Soft City 1969-75, Kunst-Werke.

Mit der 5. Biennale ist die Provinz endgültig in Berlin angekommen. Diese sieht aus wie eine UdK-Jahresausstellung. Wobei eine Funktion von Kunsthochschulen bekanntlich darin besteht, dass nicht alles, was dort gemacht wird, in die Öffentlichkeit gelangt.

Kunst lebt von der Übertreibung. Kunst lebt von ihrer erregenden Ungenauigkeit, bei größtmöglicher formaler Präzision. In diesem Sinne ist die 5. Berlin Biennale ein totaler Reinfall. Ein kleinteiliges Sammelsurium vorgekauter B-Waren, mit dem überschrittenen Verfallsdatum als Signatur. Eine kleinmütige Veranstaltung schlechtverdauter Formfindungen und vereinbarter Bild-(Sprach-)Regelungen.


Pushwagner, Soft City 1969-75. Detail, Kunst-Werke

Dabei erregt und erfrischt einzig das, was am wenigsten als Kunst daherkommt, Arbeiten bei denen der/die KünstlerIn sich nicht weiter um ein Kunst-Wollen kümmert, sondern nach Mitteln sucht, etwas zur Sprache zu bringen. Davon gab es beim ersten schnellen Durchgang nur zwei Arbeiten. Pushwagner mit "Soft City", der sich über die Zeit gerettet hat. Ein 154-Seiten-Bilderroman von 1969 bis 1975, eine Entdeckung. Und Kohei Yoshiyuki, The Park, Teil 1, 1971-1973/2007, voyeuristische Nachtaufnahmen von Parksszenen. Der Mann hat Interesse am Zuschauen, als Fotograf eine notwendige Leidenschaft. Und er schafft es, dass der Betrachter gern eine Komplizenschaft mit ihm eingeht. Die Poesie wird dann von den fotografischen Mitteln, lichtstarkes Filmmaterial und offene Blende, bestimmt. Da seine Fotos bereits als Buch im Handel zu sehen waren, ist der Überraschungseffekt weniger stark.

Ansonsten geht es einem nach einem Schnelldurchgang wie "einmal Kiel geholt wo man eine Äquatortaufe erwartet". Und das wird einem von Ort zu Ort, ausgehend von den Kunst-Werken zur Neuen Nationalgalerie und zum Skulpturenpark, bewusst und zu einer Beleidigung für jedes denkende Auge. Ein Anliegen und etwas gut gemeint zu haben, heißt eben nicht, dass es auch gut gemacht ist, und viele der Künstler meinten es sicherlich gut. Vielleicht zu gut, denn diese Biennale kann auch zur humorfreien Zone erklärt werden.


Wolfgang Tillmans, Hamburger Bahnhof

Zur Erholung ist Wolfgang Tillmans im Hamburger Bahnhof zu empfehlen. Seine von ihm gehängten Ausstellungen sind immer wieder eine Offenbarung. Er baut eine Beziehung zu seinen Bildern auf, in dem er sie immer wieder in Frage stellt. Wie in einer Laborsituation kombiniert er seine Klassiker immer wieder neu, druckt sie auf unterschiedlichen Materialien und in unterschiedlichen Größen aus. Dabei scheint jeder von ihm gestaltete Raum ein eigenes unausgesprochenes Subthema zu haben. Er nutzt vom Billig-Schnappschuss zur Inszenierung und zu monochromen Fehlfarben-Fotoplots die gesamte Breite fototechnischer Bildproduktionen. Andy Warhol, Nan Goldin und Wolfgang Tillmans haben Szenen kreiert. Ihre Arbeiten sind Manifeste der 60er, der 80er und der 90er Jahre. Erst auf ihren Fotos erkannten die Leute, dass sie eine Szene sind, denn die Bilder wirkten wie Ikonen, sie manifestierten etwas unsichtbar übergeordnetes. Dass Tillmans diese Errungenschaft als Szenefotograf, man muß sagen "liebend" in Frage stellt, indem er sie neu und anders kombiniert und ausdruckt, macht ihn zu einem spannenden zeitgenössischen Künstler. Mit "liebend" meine ich nicht den Kick des Verliebtseins, sondern jenen Blick durch die Masken der Zeit auf einen geliebten Körper, der den Glanz des ersten Moments der Begegnung immer mitsieht, ohne den Anblick der letzten Maske zu leugnen. Dieses Moment von Zeit und Liebe, dem auch Schönheit innewohnt, erfährt der Besucher bei dieser Ausstellung.


Grill Royal Toilettenvorraum, uv-r, von Marc Brandenburg, Eröffnung 03.04.08

www.berlinbiennale.de
Wolfgang Tillmans - Lighter: www.hamburgerbahnhof.de
Grill Royal, Friedrichstrasse 105 B, 10117 Berlin.

Christoph Bannat, 04.04.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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