Christoph Bannat | Kritik

Plattenspieler Thomas Meinecke u. Daniel Richter

Thomas Meinecke und Daniel Richter legen nach dem Zufallsprinzip ihre Schallplatten auf. Ein gelungener Abend und ein feines Experiment von improvisierter Unterhaltung, leider mit 11 Euro Eintritt zu teuer.

Daniel Richter galt Ende der 80er Jahre als der Pettibon von St. Pauli. Er zeichnete schwarz-weiß kopierte Veranstaltungshinweise von Punkbands, die im „Onkel Otto“ und der "Fabrik" auftraten. Ende der 90er besuchte ich ihn in seiner abstrakten Phase, und er assoziierte HipHop und die gemalten Pattern, mit dem Verweis, dass diese wie zeitgleichlaufende Tonspuren funktionieren. Jetzt hat er das Hamburger Label Buback gekauft.
Thomas Meinecke ist Gründungmitglied der Neue-Deutsche-Welle-Band Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.). Thomas Meinecke arbeitet neben der Band erfolgreich als Schriftsteller. Die anderen Bandmitglieder sind Michaela Melián, bildende Künstlerin, Justin Hoffmann, Direktor des Kunstvereins Wolfsburg und Wilfried Petzi, Fotograf.

Der Abend begann mit Richters Freejazzern Pharoah Sanders, Sun Ra und Ornette Coleman. Meinecke antwortete mit Caspar Brötzmann, um dann zum Künstler als Musiker überzugehen. Das verbot sich Daniel Richter und nannte die Musik ambitioniert dilettantische Kunstkacke, in die bereits beim Machen die Geste der Ironie mit eingeschrieben wurde. Dagegen hielt er die faszinierende "stumpfsinnige und beharrliche Lebensfreude" (Zitat), die, hat sie einmal die Bühne betreten, sich hartnäckig weigert, diese wieder zu verlassen. Es war eine Freude, die 80er-Geste des Hamburger Zitatensyndikats, sozialisiert im Subitos, mit den Meinungsführern Rocko Schamoni, Diedrich Diederichsen, Jutta Koether, Clara Drechsler und den Goldenen Zitronen wieder aufleben zu sehen. Das elegante Switchen zwischen Inhalt und Ästhetik, während gleichzeitig Haltung zu beweisen ist. Seine antimaterialistische Haltung zeigte Richter als er Meinecke noch wiederholt verbot, seinen Vinylfetischismus öffentlich auszuleben. Dabei entwarf Richter ein romantisches Bild von reiner Musik, die man roh, ohne zusätzliches Image wie Cover Art, Mode, Gesten, Ideologien etc., übers Netz bekommt. Es gab dann noch gute Hausmannskost von Throbbing Gristle, The Stranglers, Prince Far I und einer grandiosen Rarität Namens Culturcide. Zwei Männer, die wohngemeinschaftserfahren über bekannte Hits (Bruce Springsteen) kommentierend drübersangen - ein dadaistischer Hochgenuss. Am 20. Juni wird die Autorin und Musikerin Christiane Rösinger (Britta) von Thomas Meinecke an den Plattenteller gebeten.

Christoph Bannat, 16.04.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Schöner Artikel zum Thema auch von Kirsten Riesselmann:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0417/feuilleton/0011/index.html

uebertragung [TypeKey Profile Page] | 07.05.08

 

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0417/feuilleton/0011/index.html

uebertragung [TypeKey Profile Page] | 07.05.08

 

Wenn ich die URL hier nicht reinkopieren kann, dann halt den Artikel

UNTERM STRICH: POP IM HAU
Thomas Meinecke gegen Daniel Richter
Kirsten Riesselmann

These: Wenn der männliche Mensch im Alter zwischen 15 und 25 über Musik redet, geht es nicht vor allen Dingen um Musik. Es geht darum, gewisse diskursive Strategien zu entwickeln, Rechthaben einzuüben, Irgendwas-definitiv-so-und-nicht-anders-zu-finden zu trainieren, Absolutheiten in den Raum zu stellen, am Lautesten zu sein, am Nachdrücklichsten, Undifferenziertesten, am Siegreichsten. Über Musik zu reden ist für den männlichen Adoleszenten eine mindestens dreifach ertragreiche Sache: Leidenschaft wird Wortgewalt wird Machterhalt wird Identität. Gewagte These, sicher, aber vielleicht sogar nicht gänzlich neu.

Interessant wird die Sache, wenn zwei Männer, dem betreffenden Alter klar entwachsen, ein Re-Enactment dieser postpubertären Ursituation probieren. Zwangsläufig. Weil einer der beiden wie ein pawlowsch abgerichtetes Kleinraubtier in den eingefleischten Mit-einem-Wisch-ist-alles-weg-Diskursmodus kippt, nur weil er sich und dem anderen Musik vorspielt. Und zwar aus der Zeit, in der er 15 bis 25 war.

Zum konkreten Fall.

Der geschätzte Schriftsteller und Musiker Thomas Meinecke lädt ab jetzt im Zweimonatsrhythmus einen Gast ins HAU ein und legt mit ihm respektive ihr vor Publikum Schallplatten auf. Cover, Hüllen und Textblätter können dabei in eine Beamer-Kamera gehalten werden, was das durch die digitalen Revolutionszeiten stark entwöhnte Publikum auch mit der visuellen Möglichkeitsdimension von Tonträgern konfrontiert. Vor allem aber soll natürlich zu Musik und Bild geplaudert, gegrübelt und diskutiert werden. Konzeptuell also eine schöne Mischung aus der Ausübung aussterbender kultureller Praktiken und einem humanistischen Bildungsansatz, vergleichbar vielleicht mit einem aufschlussreich kommentierten Schafescheren auf einem Mittelaltermarkt.

Am Dienstag fand der erste dieser "Plattenspieler"-Abende statt. Gast war der Ex-Hausbesetzer, Goldene-Zitronen-Covergestalter, Label-Betreiber und jetzige New-German-Malerstar Daniel Richter. Der zählt bekanntermaßen nicht zu den maulfaulen Exemplaren. Im HAU wurde er zu einem Paradebeispiel für den eloquent brutalen und egomanischen Musiktalk-Überbügler.

Meinecke versuchte tapfer ein paar Durchbrüche. Mit dem Peter Brötzmann Octet ("Das geht zu weit!"), den Contortions ("Um Gottes Willen, viel zu geschmäcklerisch!"), der NDW-Combo Kirche der Ununterschiedlichkeit um Albert Oehlen und Diedrich Diederichsen ("Künstlerplatten halte ich nicht aus!"), mit Richard Hell und den Voivods ("Richard hat auf dem Cover viel zu kurze Arme, das ist unheimlich!"), sogar den neumodischen Justice ("Ach neeee, dieses Video war doch un-er-träglich.") Zackig moderierte Richter ihn ab oder überhörte freundliche Dialogangebote ("Auf dem Cover der ,20 Jazz Funk Greats' wurde eine nackte, in der Wiese liegende Frau wegretuschiert, heißt es. Was meinst du?"), zog den Regler runter und warf sein eigenes Vinyl, sämtlich aus den Jahren 1977 bis 1987, in ein Rennen, an dem er nur als Solist teilzunehmen gewillt war. Er pries und freute sich wortreich an dem protofaschistisch prolligen Punk von OHL, den Auschwitz-Krematoriumstürmen im Logo von Throbbing Gristle, darüber, dass die Stranglers auch mal ihr Publikum verprügelten ("Warum nicht? Das Publikum lügt und stinkt!"), an Pro-Wiedervereinigungs- und Pro-Masturbationsliedtexten und über sein Original-Vinyl-Fold-Out von Sun Ras "Space is the Place", für das er viel Geld bezahlt hat, aber sowas ist ihm doch egal. Am Schluss setzte er mit einer Platte von Culturcide noch einen richtigen Trumpf drauf, weil Meinecke das Ding nicht kannte und trotzdem gut fand.

Daniel Richter also besiegte Thomas Meinecke in seinem selbstinszenierten Historientheater mit militant vorgebrachtem Wissen, Anti-PC-tum, eloquenter Ätze und Autismus. Eine bombensichere Mischung. Zum Glück wollte Meinecke von Anfang an nicht wirklich gewinnen. Man ging mit Abscheu und Faszination. Und großer Lust auf dieses Culturcide-Album, das allerdings verboten wurde und von dem Daniel Richter eines der wenigen überlebenden Exemplare hat. Oho. Mal bei Soulseek nachsehen.

Möglicherweise wird der nächste "Plattenspieler"-Abend am 20. Juni mit Christiane Rösinger als Gast anders. Verbindlicher vielleicht. Dialogischer. Konstruktiver. Vielleicht aber auch nicht.

uebertragung [TypeKey Profile Page] | 07.05.08

 

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