Gastbeitrag | Vorschau
Ressourcen und Visionen
Von Dirk Teschner
Nici Wegener
Ressourcen und Visionen
Eröffnung: 2. Mai, 21 Uhr
Cafe TogoErfurt
Jeder kennt sie, die Schaukästen in Innenstädten der DDR. Sie kündigten die neusten Theaterstücke oder je Standpunkt auch die Bademode der Saison an. In den letzten Jahren verschwinden sie immer mehr, in Berlin stehen sie noch vor dem Haus des Lehrers und auf der Karl-Marx-Allee.
In Erfurt, der Landeshauptstadt Thüringens, hat sich seit 2007 die Ressource Group dreier einsamer Kästen vor dem leerstehende Theater angenommen.

Das Gebäude wurde 1897 von der Ressource-Gesellschaft erbaut. Diese Gesellschaft wurde zu Beginn des 19. Hd. als Israelischer Leseverein deutschlandweit gegründet und war als Gegenstück zu den Bildungs- und Geselligkeitsvereinen des nichtjüdischen städtischen Bildungsbürgertums zu verstehen. Bälle und Konzerte – ihr Haus als kulturelles Zentrum der Stadt, so verstand man diese Einrichtung. Bis zum Jahre 1933. Durch die Nazis enteignet zog das Ernährungsamt ein. Nach der Befreiung vom Faschismus 1945 fand zunächst das Theater des Tanzes als erstes deutsches Tanztheater ein Domizil. Nach Sanierungsarbeiten wurde im August 1949 in dem Gebäude das Schauspielhaus eröffnet. Durch den Neubau eines modernen Opernhauses wurde das Schauspielhaus 2003 geschlossen und verfällt seitdem. Am 16. Juni 2003 schrieb Henryk Goldberg in der Thüringer Allgemeinen zur Schließung des Gebäudes: „… ein solches Haus ohne Hüter, ohne darin arbeitenden Künstler, ist wie ein Hirn ohne Blutzufuhr, es wird verfallen und schließlich sterben.“
Nici Wegener von der Ressource Group erklärt zu der künstlerischen Aneignung und dem Werdegang der vor dem Theater stehenden Schaukästen, „Mit der Schließung des Schauspielhauses wurden die Schaukästen von ihrer eigentlichen Form – der Werbung – entbunden und sind zweckloses Straßenmobiliar geworden. Bewusst zur Geltung gekommen ist dieser Zustand erst mit der Zerstörung der Glasscheiben und dem somit in Gang gesetzten ›Plakatierwettstreit‹ der ›Tagger‹. ›Leere Signifikanten‹ infiltrieren die einst leeren Schaukästen. Die Präsenz der Tags trägt dazu bei, den Schaukasten wieder ihren ursprünglichen Sinn zuzuführen, das zur Schaus stellen. Nicht nur im Bezug auf die Tags, sondern auch auf den Leerstand und die Verwahrlosung des Ortes. Eine fotografische Erfassung und anschließende Katalogisierung der in ihnen vorgefundenen ›Reviermarken‹ ist Teil der Dokumentation. Dieses ›Fährtenbuch‹ ermöglicht eine Spurensuche und eine Kartografie ihres weiteren Vorkommens im gesamten Stadtgebiet. Sie gibt Aufschluss über die potenzielle ›Sendereichweiten‹ des Ausgangspunkts Schaukasten und lässt weitere Freiräume erkennen.

Schaukästen werden eingeschlagen und nichts passiert. Die gleichen Schaukästen werden mit unterschiedlichen, selbsthaftenden Folien eingewickelt – und es entsteht etwas. Es kommt zur Wandlung.
Wo eine anfangs transparente Membran aus Dehnfolie die Schaukästen wieder zu dem machen versuchten, was sie ursprünglich waren – dem Blick des Betrachters geöffnete Kommunikationsmöbel – verwandelt ein simpler Wechsel zu weißen, undurchsichtigen Material den Urzustand der Element nun radikal. Der Einsicht beraubt, gleitet der Blick nur noch über die Oberfläche, entlang von Kanten, um eine zur neuen Geltung gekommene Dimension zu erkunden, die der Körper im Raum. Das Gesehene verlagert sich auf das Äußere, das Volumen selbst wird zum Erlebnis.

Warum macht ein Mensch kaputt, was ein anderer Mensch zuvor erschaffen hat? Die zerstörerische Energie – und somit Dynamik – muss bezüglich der Schaukästen als ein Teil ihrer Ressourcen betrachtet werden. Sich ihr zu widersetzen käme einem Sisyphos gleich, sich ihr zu fügen machte jegliches Vorhaben schon im Keim zunichte. Fernöstliche Kampfkunst findet ihre Stärke in der Nutzung der gegnerischen Energie. So soll, für die Verwandlung der Schaukästen, nun ein Versuch gestartet werden: Im Laufe der bisherigen Entwicklung der Schaukästen kam es immer wieder zu scheinbar mutwilligem Vandalismus. Die Folien-Membranen wurden mit verlässlicher Regelmäßigkeit durchlöchert, Kästeninhalte regelrecht vernichtet.

Ziel der nunmehr verwandelten und eingehüllten Kästen ist ihre Enthüllung, das Aufbrechen des (zumindest äußeren) Cocons. Es wurde sich des Zerstörungspotenzial bemächtigt.

Wenn man vor einem leeren, verlassenen Haus steht wird man neugierig. Man möchte am liebsten hinein. Um die Vergänglichkeit zu sehen, sich seiner eigenen Existenz zu vergewissern. Doch wenn nun das Gebäude verschlossen ist und man nicht hineingelangt, bleibt einem nur noch übrig, durch das Schlüsselloch zu lunzen. Mit Abbildern des Tatorts, Theaterszenen – inszenieren ihren eigenen Verfall. Kleine Bühnen, entstanden durch gedehnte Momentaufnahmen. Freiheit der Handlung aus Spuren der Vergangenheit. Zeitzeugen der Gegenwart. Abgelichtet mit einer selbstgebauten Lochkamera, durch die Lochbleche, die die Fenster des Theaters verblenden.



Manifest
1. Die Ressource Group widersetzt sich der Vorstellung, dass brachliegende Orte der Kultur mutwillig der Zerstörung und dem Verfall überlassen werden müssen.
2. Ziel ist hierbei die Sichtbarmachung des den Ressourcen innewohnenden Potenzials zur Vision, bei gleichzeitiger Nutzung der Ressourcen. Vorhandene räumliche Strukturen werden als öffentliche Kommunikationsplattform genutzt, um den Austausch von Gedanken und Visionen anzubieten und anzuregen.
3. Bei der Ökonomie der Mittel ist darauf zu achten, dass der Materialwert der Mittel deren Nutzwert nicht übersteigt und der Ressourcen kein wie auch immer gearteter Schaden zugefügt wird.
4. Jegliche substanzielle Veränderung der Ressourcen darf nur zur Wiederherstellung ihres Urzustands dienen. Die Ausgangssituationen sind zu dokumentieren.
Die Ausstellung Ressourcen und Visionen von Nici Wegener eröffnet am 2. Mai, 21 Uhr im Erfurter Showroom des Cafe Togo, Neuwerkstraße 29.
Zur Ausstellung erscheint ein gleichnamiges Journal von Nici Wegener. Es kann für 11 Euro bestellt werden und ist auch als PDF verfügbar: http://ressource-group.net
Gastbeitrag, 28.04.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Mit den leicht aktualisierbaren Inhalten des Internets können die armen Schaukästen nicht mehr mithalten. Die verstaubten Kisten kommen mir vor wie Google-Werbeanzeigen auf manchen Websiten. Niemand liest sie und niemand klickt sie an, verdienen lässt sich damit nicht und viel Publikum wird damit auch nicht erreicht.
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