Gastbeitrag | Kritik

Subjektivistisches Flanieren

Christine Lemke über
Andrea Winkler, Wir schaffen es von hier nicht mehr an die Erdoberfläche,
Galerie Kai Hoelzner

Luftballons in einen weißen Raum hineingelegt, mal hierhin, mal dorthin. Mal einzeln auf dem Boden verteilt, mal in Haufen zusammengebracht oder an manchen Stellen auch nebeneinander aufgereiht. Sie kommen als Phänomene der Farben und Formen vor, in unterschiedlichen Zuständen, berührt von der Zeit und ihren Wechselfällen. Von prall gefüllt bis kränklich geschrumpft sind sie groß, klein, länglich, herzförmig, mehrfarbig gemustert oder glänzend besprüht und greifen Raum in dem gleichmäßigen Licht der Galerie.

Das Problem der Wahl bleibt sichtbar. Ein ganzes Panorama des Schauens. Eine Vielzahl an Möglichkeiten. Was passt, was passt nicht? Was sieht gut aus, was weniger? Ausprobieren, arrangieren, überlegen, verwerfen. Wegnehmen oder wieder hinzufügen. Neu hinlegen, verrücken, drehen und weiterschauen. Etwas sehen, es so sehen wie es daliegt, wie es sich hingelegt hat, positioniert hat in diesem Raum, dieser ausgesuchten Umgebung für Augen und ihre Blicke.

Ein außerordentlich subjektivistisches Flaneurtum ist hier zu Gange. Es plaudert angeregt von Gefallen und Nichtgefallen während es von einem zum anderen spaziert. Es spricht von persönlichen Vorlieben und ausgesuchten Details, von Sprühfarbe, die auf Ballonhaut aufgetragen, abplatzt, um sich als staubiger Farbrückstand auf dem Boden und an den Wänden zu verlieren, von Tintenstrahlausdrucken, die mit der Rückseite an die Wand geklebt ihre High-Gloss-Motive in einer interessanten Manier blässlich durchscheinen lassen, von Bahnen weißen Zeichenpapiers, die zart gefältelt die weißen Wände der Galerie von denen sie herabrollen noch mal doppeln, von aus Glanzpapier-Resten ausgeschnittenen Sternen, die sich auf einer Fensterbank krümmen und unentscheidbar zwischen flacher Form und räumlicher Figur hin und her changieren ...

Es ist die Arbeit an einer Verfeinerung – nicht nur des Materials und der Oberflächen. Sie bewegt sich auf einem schmalen Grad, zwischen so noch nicht oder so nicht mehr. Alles scheint gleichermaßen genau bedacht wie zufällig belassen. Vieles bleibt offen, angedeutet und vorläufig. Die einzelnen Dinge, so wie sie vorkommen, befinden sich in einem Zustand der Möglichkeit. Wie in einer gegenseitigen Mimikry treten sie variiert, wiederholt und in sich gespiegelt auf: Es vervielfältigen sich die Luftballons als Objekte im Raum. Als Ausstülpungen von Farben und Formen von einem Wäscheständer hängend, sind sie auf Fotografien auf einer Pinnwand zu sehen, oder malerische Abstraktion ansprechend, werden ihre gemaserten Hautoberflächen als Bilder an den Wänden präsentiert.

So schachteln sich in der Ausstellung weitere Räume im Raum. In diesem Moment der Selbstbespiegelung lässt sich vielleicht auch der der Selbstreflektion finden. Als Eyecatcher, die unsere Augen mitnehmen sollen, scheinen die temporären Verzierungen aus gängigem und alltäglichen Material sich verbündet zu haben. Und zwar mit der transformatorischen Kraft des Galerieraumes, die wie eine alte zuverlässige Maschine alles was in ihre Nähe kommt in Artefakte zu verwandeln weiß. Das Künstlersubjekt, dass sich hier auslebt, arbeitet an dieser Maschine, bedient ihre Konventionen und besprüht sie mit Silberlack. Das ist bunt, schimmert und glänzt und produziert Mehrwert. Das was dabei an Attraktivität hergestellt wird, ist nur teilweise dem visuellen Vergnügen, dass man bei der Betrachtung der Ausstellung haben kann, geschuldet. Es geht auch um die Anziehungskraft einer ganz spezifischen künstlerischen Geste. Sie inszeniert sich hier einmal mehr in dem ihr eigenen Paradox machtloser Selbstermächtigung. In gegenseitigem Einvernehmen spiegeln wir uns allzu gerne in ihr. Denn – und das ist so banal wie verblüffend – ein schrumpeliger Ballon kommt in der Welt außerhalb des Lichtkreises der Galerie meist als grauenvoll deprimierender Partyrest vor.

Christine Lemke

Andrea Winkler,
Wir schaffen es von hier nicht mehr an die Erdoberfläche
Galerie Kai Hoelzner
bis 10. Mai 2008

Gastbeitrag, 19.04.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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