Gastbeitrag | Kritik

Es lebe der 1. Mai – Kampf der schlechten Kunst! / Nachbereitung

Von Dirk Teschner

Ein geballtes Kunstwochenende liegt hinter uns, Spinnereirundgang inklusive LADA – internationale Galerieshow – in Leipzig und Gallery Weekend in Berlin. Eins schon mal voraus, über allem steht der Raum, unfassbar viele ehemalige Industriehallen waren in beiden Städten zu durchschreiten. Der Trend (vor allem Ost-) Brachen mit Kunst zu besetzen hält an.


Stella Hamberg, Galerie Eigen+Art

Wer wollte konnte sich am 1. Mai am Leipziger Hauptbahnhof vom VIP-Shuttle des Einrichtungshauses Breuninger ins Spinnereigelände kutschieren lassen um sich dem dort üblichen Gemisch aus Atelierflair, Bratwurstdunst und Geld auszusetzen – fernab von Straßenkampf und Naziaufmarsch. Es gab Tilo Baumgärtel bei Kleindienst, Arthur Zalewski bei ASPN, Jonathan Meese im Laden fuer Nichts, Piotr Baran bei b2, eine Gruppenausstellung bei Frank Motz in der Halle 14 und Stella Hamberg bei Eigen+Art. Ich weiß nicht woran es liegt, aber die besten Ausstellungen habe ich bei Spinnereirundgängen bislang immer in der Eigen+Art gesehen, obwohl das klischeemäßig peinlich klingt. Stella Hamberg, die 2006 noch in ihrer damaligen Galerie Diskus in kleinen Räumen der Berliner Brunnenstraße ausstellte, beschreibt ihre aktuelle Ausstellung so: „Am Bild arbeiten heißt, das Verborgene suchen, das, was jenseits der Sprache liegt. Wie der Moment, in dem man ein Buch zuschlägt und das Gelesene in der Hand aufwiegt. So ist Skulptur. Da stehen weniger die Fakten vor Augen, als das, was die Geschichte in einem bewirkt. In der Ausstellung liebe Hölle zeige ich Skulpturen von 2007 und 2008. Wieder dreht sich alles um die Verbindung von Archaischem und Zeitgemäßem und das Verhältnis von Mensch und Welt. War in meinen früheren Skulpturen das Aufeinandertreffen der Gegensätze offensichtlich, fallen sie in den neuen Arbeiten in einem einzigen Gegenüber zusammen. Etwas wie die gleichgültige Kraft und Anmut der brutalen Existenz Natur. Liebe Hölle. Glück und Hass. Die existentiellen Fragen sind immer dabei. Der Schrecken macht das Schöne noch wertvoller. Das Grauen als Katalysator des Glücks. Wir wünschen uns die Hölle aus der Welt, aber wissen gleichzeitig, dass sie bedingungslos zu uns gehört. In der Ausstellung sind überlebensgroße Bronzen, die Berserker, zu sehen und das Relief sieben 100 Millionen.“

Neben der Ausstellung in der Eigen+Art ist die Gruppenausstellung „Von der Unbestimmtheit“ in der Halle 14 herausragend. Wie auch in der ACC Galerie Weimar verblüfft Frank Motz immer aufs Neue mit der Wandlung der Räume. Diesmal wurden alle Fenster der riesigen Fabrikhalle verdunkelt und alle Wände geschwärzt. Das Thema der Ausstellung handelt vom Universellen. Ob die Natur, der Sternenhimmel, ein Buch oder unser Miteinander: Ordnung und Unordnung, Bestimmtheit und Unbestimmtheit sind unserer Welt zueigen. Während die Bestimmtheit den Willen der Natur zur Ordnung widerspiegelt, entziehen sich ungeordnete Zustände der Beschreibung durch Gesetze und vermitteln Unbestimmtheit. Diese Unbestimmtheit tritt uns wie ein Schatten aus allen Winkeln der Welt entgegen. Beeindruckend die Arbeit von John Cage/ David Tudor und besonders die Fotoreihe von der Portugiesin Luisa Mota.

Die als Höhepunkt des Spinnereirundganges angekündigte Show von 15 internationalen Galerien, Judy Lybke gab den Kurator, erwies sich komplett als Luftnummer, um nicht zu sagen, es war schon fast ärgerlich. Galerien aus Ungarn, Mexiko, Puerto Rico, Frankreich, Südkorea, England, Indien, Niederlande, Dänemark zeigten einen Ramschladen, der an schlechte Kunstmessen (z.B. Berliner Liste) erinnerte. Blutende Oberschenkel von Irgendwo bis zu den üblichen (und oft gesehenen) Klischeefotos von religiösen Handlungen und Straßenbilder aus Mexiko. Es wurde leider die Chance vertan, die die Räume und das finanzielle Polster der Spinnerei mit sich bringen, um jenseits von Kunstmessen und Verkaufsdruck internationale Galerien, Projekträume, Off Spaces zu präsentieren, die ein aufregendes Programm bieten. Und davon gibt es bekanntlich genug.

Dass auch solche Räume an den Geldtrögen schnüffeln wollen und dabei ihr einstiges Potential auf der Strecke bleibt zeigt der Laden fuer Nichts. Sie haben sich von ihrer Off Spaces-Vergangenheit verabschiedet und wollen jetzt eine „richtige“ Galerie sein. Ab das das dann zu so etwas langweiligem wie der jetzige Messe-Ausstellung führen muss…

Der ganze Stadtteil um das Spinnereigelände – Plagewitz – entwickelt sich immer mehr zum Künstlerviertel. Neben der Spinnerei gibt es in der Nähe schon länger das Tapetenwerk mit Leipziger und Dresdner Galerien, jetzt ist das Westwerk dazu gekommen. Es öffnete am 1. Mai die erste Werkschau der in dem Werk arbeiteten Künstler. In unmittelbarer Nähe gibt es in alten Betrieben etliche Ateliers und Werkstätten, in Anbetracht deren Größe, Lage und Quadratmeterpreis Berliner leicht ins Schwärmen geraten.

Am Ende noch ein Ausstellungstipp, bis zum 9. Mai läuft in der Berliner Galerie stedefreund die Ausstellung „The Weakest Link“ mit Kerstin Gottschalk, Alexandra Schumacher, Julia Staszak und Tove Storch. Konkurrenzgebaren und Teamwork, Strategie und Intuition, Verlinkung und Netzwerk. Unsere Gesellschaft setzt sich zusammen aus den Dazugehörenden und den Ausgeschlossenen. Über die soziale Komponente hinaus beschäftigen sich auch Künstler mit der Frage, wo lohnt sich Adaption und wo Verzicht und Reduktion: Was lasse ich weg und was füge ich hinzu? „The Weakest Link“ ist ein Versuch, Phänomene der Ein- und Ausgrenzung formal wie inhaltlich zur Diskussion zu stellen.

Gastbeitrag, 06.05.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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