Peter Lang | Interview
gshg9+sy+mm,...
peter lang im interview mit klaus jörres über seine malereireihe „the fabulous life of total flow“ (das interview wurde per email geführt).
4 malereien der hier besprochenen bildreihe sind z.zt. in der appel design gallery, in der torstrasse 114, in berlin zu sehen.
gshg9+sy+mm,...
pl: da du auf oberflächen eingehst und ich die behandlung der oberflächen für ein thema der malerei des ausgehenden 20. jhd. halte, meine frage in diese richtung. bei einer von gerhardt richter selbst eingerichteten präsentation seiner arbeiten im albertinum dresden und einer von ihm zeitgleich durchgeführten teilweisen neuhängung von arbeiten des 19. jhd. aus der sammlung, fiel mir auf, das richter das thema der maloberfläche, der malhaut, herkommend aus dem erlebnis der sammlungen dresdens im besonderen behandelt. wie siehst du in diesem zusammenhang die eher schrundige behandlung deiner flächen. verweigern sie sich dem genuss, dem ablutschen der haut, der ja bei richter eine besondere rolle spielt, oder bleibt man bewusst bei dir mit der zunge am grad hängen? welche rolle spielt in diesem sinne die oberfläche, im verhältnis zu den fragmentarischen bildinhalten. ist sie dominant als thema oder begleitet sie in ihrer flüchtigen und zerdroschenen form nur den gegenstand, also das thema des malens.

supervision (the fabulous life of total flow) /// Klaus Jörres, 2006-07 /// Mischtechnik /// 200 x 200 x 6 cm /// © Klaus Jörres
kj: bei dem von dir angesprochenen beispiel scheint es doch so, dass richter direkt bezug auf die malereigeschichte, hier die sammlung in dresden aufbaut und so seine arbeiten theoretisch in einen kunsthistorischen verlauf einbettet. das finde ich zum jetzigen zeitpunkt nicht interessant. natürlich bin ich mir bewusst, dass meine arbeiten im zusammenhang mit der geschichte der malerei stehen, ich würde da aber nicht soweit, sprich ins 19. jhd zurückgehen wollen. mein interesse bezieht sich auf zeitgenössische kunst. (...) durch die schroffe oberflächenbeschaffenheit liefern meine bilder eine information, die von mir und meiner position ausgeht. die sich durch das hinzuziehen der aktuellen zusammenhänge, in dem dies alles verortet ist „konstruiert“.
pl: deine tafeln weisen in ihrer präsentationsform als tableaux für mich ins objekthafte, präsentative. also ungefähr in die richtung einer tafel. du zitierst in der art des collagenhaften, zusammengehefteten der bildflächen auch das disperate, aufgerissene unfertige. man könnte an die wände alter bahnhofshallen denken, die es ja dank der bemühungen der bahn nicht mehr gibt. wenn man noch an pattern aus dem musikalischen bereich denkt, bleibt man in deinen bildtafeln eher an den kanten und rissen hängen als dass man auf den oberflächen ausrutschen könnte. wo siehst du eine verbindung zum beispiel zu der praxis ruppiger, ungehobelter eher abweisender installationen, wie von hirschhorn oder den plastiken von manfred pernice. die ja von vornherein den schönen schein vermeiden wollen, ihn geradezu austreiben. gibt es da ähnliche ansätze?
kj: hier werden untersuchungen in bezug auf die eigene rolle des künstlers, unter berücksichtigung der äusseren umstände durchgeführt, quasi eine persönliche situationsanalyse. dies gilt meines erachtens nach zumindest für hirschhorn. die arbeiten von pernice erscheinen mir eher etwas sentimental angehaucht, damit habe ich in meiner eigenen produktion bewusst wenig zu tuen. wenn ich z.b. müll verwende, so bleibt dies auch konkret als müll erkennbar. (...) ich verfolge natürlich schon eine strategie. ich positioniere mich ja bewusst durch meine handlungen, zugegeben nicht übertrieben geradlinig.
was die beschmierten wände angeht, so ist das vitale gewiss mehr in der schmiererei denn im konstruktivistisch orientiertem grund zu finden. da der schmiererei-layer auf wänden aber beschädigung von fremdeigentum bedeutet, ist das eigentlich vandalismus. die frage, oder die suche nach dem schönen schein ist zudem nur eine bestimmte form der betrachtung. mich interessiert aber gerade mehr die person und die geschichte hinter dem bild, die oberfläche ist nur die lesefläche dafür. da finde ich den schönen schein, so er denn auftaucht in der untersuchung zynisch, naiv, oder er ist fake. der schöne schein ist eine affirmation. meine bilder beziehen sich auf grundlagen, auf ideen, sind somit mehr ideeller natur. i.ü. sehe ich bei den arbeiten schon einen zusammenhang zur malerei, der oberflächenbehandlung und der frage der komposition und strategie von bildern. ich grenze mich hier aber in gewissen punkten ab. ich suche beim malen hier ständig etwas neues, mir unbekanntes. die ergebnisse wirken teilweise fremd und irritierend. (...) da besteht definitiv ein zusammenhang zur malerei. das ist sogar eine ziemlich pure form der malerei (...) ich gehe sehr praktisch und emotionslos mit den materialien um. ich entscheide: fläche blau malen, und dann male ich die fläche halt blau, manchmal höre ich auch mittendrin auf. genau das ist eigentlich malerei.

ohne Titel (the fabulous life of total flow) /// Klaus Jörres, 2008 /// Mischtechnik /// 200 x 200 x 6 cm /// © Klaus Jörres
pl: kannst du etwas zum titel der reihe sagen? „the fabulous life of total flow“ das scheint nicht einfach nur eine zufällige benennung zu sein.
kj: der titel beschreibt im prinzip worum es geht. „the fabulous life of...“ ist eine serie auf viva-tv. eine überzüchtete variante der prominentenreportage bei sendungen wie „leute heute“ im zdf, oder „exklusiv“ auf rtl. der zusatz „total flow“ steht für eine bilderflut, für malerei oder kunst im allgemeinen, was die reihe thematisch verortet. das ganze hat mehr einen kritischen hintergedanken, was auch durch die bereits angesprochene oberflächenbeschaffenheit, die billigen materialien usw. verdeutlicht wird. die bilder wirken auf den ersten blick grob und abweisend. sie beinhalten weder pathetische komponenten, noch lassen sich besondere handwerkliche fähigkeiten erkennen, die dann vielleicht auf einen redlichen oder liebvollen herstellungsprozess verweisen würden. was bleibt ist die schroffe farbige fläche.
pl: was ist der auslöser für so eine vorgehensweise, die malschlachten, die immer stimmungsvollere eventkultur rund um die werke. jachten und pallazi in venedig spielen mittlerweile eine größere rolle, als die ausstellungsorte selbst.
kj: ich denke ich hatte einfach keinen nerv mehr auf den grassierenden affirmationswahn. ich habe angefangen meine haltung direkt in die malerei zu übersetzen. durch die beschäftigung mit der sache komme ich aber zu dem schluss, dass der ganze „schöne schein“ nicht so wichtig ist wie auch ich wohl mal dachte. es geht mir im moment darum, gewisse dinge in frage zu stellen, was das ist, wie das konstruiert ist und wird, wieviel prozent da präsentation ist, was das für einen inhalt hat, wieviel der inhalt sagt... es geht allgemein und vorallem auch in der betrachtung zu sehr um die ökonomische verwertbarkeit.

ohne Titel (the fabulous life of total flow) /// Klaus Jörres, 2008 /// Mischtechnik /// 200 x 200 x 6 cm /// © Klaus Jörres
pl: gibt es bei dir eine gewisse systematik, kommt das zu einem schluss oder ist das ein fortgesetzter versuch. als wichtiges konstitutives element erscheint mir im moment, dass du das ganze seriell angelegt hast. die stringenz deiner herangehensweise ergibt sich für mich auch durch die präsenz der serie, die installation des ganzen als tableaux und nicht als folge von einzelbildern. obwohl gerade das in deiner jetzigen position nun wieder durch den markt zerissen werden wird. somit wirst du dann auch, vorausgesetzt ressonanz und erfolg stellt sich ein, durch das betriebssystem geschreddert.

ohne Titel (the fabulous life of total flow) /// Klaus Jörres, 2006-07 /// Mischtechnik /// 200 x 200 x 6 cm /// © Klaus Jörres
kj: das wäre dann aber auch wieder eine neue situation, die erstmal einige dinge ändern würde, wobei die auseinandersetzung ja bleibt. prinzipiell sehe ich da mehr möglichkeiten als einschränkungen. von einer systematik würde ich i.ü. nicht direkt sprechen wollen. es ist wohl wirklich mehr ein fortgesetzter versuch wobei ich momentan kein ende erkennen kann. das stört mich auch wenig. es ist ein offenes konzept bei dem einflüsse von aussen willkommen sind. ich sehne mich nicht nach einer absoluten statik.
Peter Lang, 01.05.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
Kunst-Blog.com, Copyright 2005-2012. Alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.
Kommentare
PL will dem JK seinen inneren Thesaurus aus oberflächen, malhäuten, tafeln, tableaux, bildflächen präsentieren.
Der JK lässt mit sich nicht flach legen. Da bleibt dem Autor nur die Großbuchstaben zu kürzen, damit zumindest diese schön glatt bleiben.
![[TypeKey Profile Page]](http://kunst-blog.com/nav-commenters.gif)