Christoph Bannat | Kritik
Herbert Tobias

Herbert Tobias, geboren 1924 in Dessau, gestorben 1982 in Berlin, schwuler Fotograf. Aber was heißt schon „schwuler Fotograf“?
„Blicke und Begehren“
Der Fotograf Herbert Tobias (1924–1982)
16. Mai bis 25. August 2008
Berlinische Galerie

Herbert Tobias, Mohrchen, Berlin 1956
Herbert Tobias hat zweifellos die schönsten Portraits im Nachkriegsdeutschland geschaffen. Diese erste Retrospektive seiner Arbeiten ist aber mehr als die Summe seiner Werke. Sie zeigt ein Mehrfachleben, als Fotograf an der russischen Ostfront, als Modefotograf der 50er und 60er Jahre, sowie den Fotografen der schwulen S/M- und Lederszene. Und die Ausstellung macht einen kriegs- und nachkriegsgeprägten heroischen Lebenshunger spürbar. Heroisch meint hier heldenhafte Selbstopferung, bestimmt von einem Stoizismus, sich nicht anpassen lassen zu wollen. Geprägt vom Krieg, dieser menschlichen Übertreibung. Schicksalsrausch, hieß es bei Thomas Mann in Bezug auf den ersten Weltkrieg. Schicksalsrauschen klingt schon trivialer und kommt dem wohl näher.

Herbert Tobias, allein in einer großen Stadt..., Hamburg 1975
Die Wege der Nachkriegsgestimmten kreuzten sich. Auch wenn Herbert Tobias den Schriftsteller Hubert Fichte (1935-86) vielleicht nie wirklich traf, lassen sich, nicht nur über „den Ledermann“ Hans Eppendorfer, viele Parallelen herstellen. Beide bekennende Schwule. Beide verbinden sie ihre Szene und ihren Lebensalltag mit Kunst. Was für Hubert Fichte die Theatererfahrungen mit der bürgerlichen Welt sind, das ist für Tobias die Welt der Modefotografie. In der Person Eppendorfer treffen sich beide. Hubert Fichte setzt ihm in seinem Interviewbuch „Hans Eppendorfer“ ein Denkmal. Als Herausgeber des Schwulenmagazins him ist Eppendorfer Auftraggeber und Mäzen von Tobias. Fichte und Tobias waren etwa zur gleichen Zeit im Paris der 50er Jahre und anschließend in Berlin, Hamburg und New York. Beide verehrten Jean Genet. Bei allen mentalen Unterschieden entsteht eine reizvolle Spannung, denkt man sich die Texte von Fichte mit den Bildern von Tobias zusammen.

Ausstellungsansicht
Ein anderes „Paar“, das den Weg von Tobias kreuzt, ist Christa Päffgen, später als Nico, die Sängerin von Velvet Underground, bekannt geworden, und Andreas Baader, die beide später durch ihre inszenierte Selbstzerstörung bekannt wurden. Es scheint, als hätte Herbert Tobias einen Hang zu dieser Art der Inszenierung. In seinen Arbeiten, und als Lebenswirklichkeit in der schwulen S/M-Szene, spielt er verschiedene Varianten der ritualisierten Opfer-Täterinszenierung durch. Oft in der „Lederszene“, wie sie der Zeichner Tom of Finland nach Begegnungen mit Nazi-Ledermännern vorbildhaft kreierte. Das Leben wird hier als Ernstfall inszeniert. Das Herbert Tobias schon mal einen Protagonisten ohrfeigte und zu Boden zwang, wie ein Getroffener im Dokumentarfilm von Annette Frick (der in der Ausstellung zu sehen ist) berichtet, um den für Tobias typischen Gesichtsausdruck zu erlangen, ist eine Seite. Die andere ist auf frühen Fotos von russischen Straßenarbeitern und Soldatenstiefel putzenden Kindern zu sehen, vor ihnen geht Tobias selbst in die Knie, um auf Augenhöhe zu sein.

Herbert Tobias, Am Eschenheimer Turm, Frankfurt am Main 1953

Herbert Tobias, Russland 1943
Herbert Tobias Fotos sind unverschämt, und das nicht nur weil sie, für mich, den ersten fotografierten Fistfuck zeigten - Bilder, die kurz im Dokumentarfilm aufblitzen. Seine Fotos sind unverschämt direkt und zeugen von einem neuen schwulen Selbstbewusstseins. Ein Selbstbewusstsein, wie es der Schriftsteller Hubert Fichte, Jean Genet, oder Yukio Mishima nach 1945 zeigen und das Verleger und Produzenten fand.

Herbert Tobias, Axel vor meiner Tür, Ausschnitt, Berlin 1964
Dass die Bilder Herbert Tobias auch jenseits einer Szene ihre Bedeutung haben, ist ihrer „zeitlosen Schönheit“ zu verdanken. Eine Bezeichnung, die zu Zeiten der Entstehung eine beleidigende Floskel gewesen wäre. Herbert Tobias ist ein Beispiel für jemanden, der ganz bei sich, in einer Szene, außer sich - und ist dies nicht die Beschreibung für einen Erregungszustand - etwas allgemeines, nämlich Schönheit schafft.
„Schrecklich ist, dass Schönheit nicht nur etwas Furchtbares, sondern auch etwas Geheimnisvolles ist. Hier ringen Gott und der Teufel, und der Kampfplatz - ist des Menschen Herz.“ Dostojewskij, >Die Brüder Karamasov<
Sämtliche Arbeiten von Herbert Tobias stammen aus seinem Nachlass, der im Besitz der Berlinischen Galerie ist. Man darf gespannt sein, was noch alles in den Berliner Archiven schlummert.

Herbert Tobias, Ohne Titel (Nico im Abendkleid von Oestergaard), Berlin, um 1956
Christoph Bannat, 20.05.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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