Christoph Bannat | Interview

Jeff Koons, Angela Richter


(© Matthias Horn).

Kunst, ein Wochenende Kunst.
Die Kneipe und das Atelier, die Galerie und die Gebückten.
Die Gebückten vom Görlitzer Bahnhof marschieren auf.
Ein Stück in sieben Akten schön knapp abgepackt
(„Jeff Koons“, Rainald Goetz)


(© Matthias Horn).

„Jeff Koons“ ist ein Theaterstück über Kunst, das die Idee des Glücks am Erstfall Liebe testet, deren Energie für Radikalität auf Alltag anwendet und in dessen Rekreation, ohne den einfachen Ausweg des Scheiterns zu nehmen, zum Grunddunkelheitengenerator wird.
(aus „Jeff Koons“, Rainald Goetz, Suhrkamp Taschenbuch)

Hebbel Am Ufer - HAU 1 - 09./10./11./12.05.2008, Berlin, Rainald Goetz „Jeff Koons“, Regie: Angela Richter.
www.hebbel-am-ufer.de, www.fleetstreet-hamburg.de

Rainald Goetz (geb.1953) schrieb sein bis heute letztes Theaterstück „Jeff Koons“ 1998. Seitdem wird es immer wieder mit großem Erfolg aufgeführt.

Künstler. Jeff Koons (* 21. Januar 1955 in York, Pennsylvania) ist ein US-amerikanischer Künstler.

Angela Richter.
1997-2001 Studium der Theaterregie am Institut für Theater, Musiktheater und Film der Universität Hamburg (jetzt Theaterakademie Hamburg)

Interviewfragen wurden per e-mail gestellt, von Angela Richter beantwortet und unbearbeitet übernommen.

Christoph Bannat (C.B.): Wie sind Sie auf Rainald Goetz' Stück „Jeff Koons“ gekommen?

Angela Richter (A.R.): Ich hab den Text kürzlich wieder gelesen, auf der Suche nach einem modernen deutschen Text, der weder auf Sozialkitsch noch Selbstbefindlichkeiten abhebt und auch nicht auf „krass“ gebürstet ist. Diese Anforderungen werden schon mal erfüllt. Außerdem hat mir als Studentin damals zur Uraufführung die Inszenierung von Stefan Bachmann Eindruck gemacht - sicher das aktuellste, auf der Höhe der Zeit und Debatten stattfindende Stück damals.

C.B.: Was hat Sie am Text gereizt?

A.R.: Auf den ersten Blick ein Stück ohne Intention, ohne Moral, reine Freude am tatsächlich Gesprochenen im Alltag, in Club und Galerie, der pursten Existenzbegeisterung ohne psychologische Deutungen - da vermute ich natürlich gleich Abgründe. Wahrscheinlich und leider ist dieser Geste der Affirmation durch den 11.9. der Todesstoß versetzt worden. Die praktisch erfahrbare Utopie von Rave und Kunst hat in der Zwischenzeit einige Veränderungen durchlaufen.

C.B.: Vor welchem Erfahrungshintergrund lesen Sie das Stück. Gibt es von Ihnen eine Gewichtung der Szenen: Kunst, Kunst-Szene, Atelier, Drogen, Liebe?

A.R.: Nein, obwohl ich eine genaue Vorstellung habe von dem, was ich machen will, erarbeitet sich das Tun, der Sinn im Prozess des Suchens, im immer wieder lesen, nachdenken und sprechen mit den Akteuren, der Dramaturgie, der Bühne etc. .
Der antipsychologische Charakter des Stücks benötigt ja dennoch Menschen und die psychologisieren sich gewissermaßen durch das Betreten der Bühne selbst, werden zu den Körpern dieser Worte. Ohne das geht’s ja schlecht. Ich stülpe bewusst kein beliebiges Konzept über den Text – ich will das Stück nicht denunzieren, im Popkontext ist das Gestrige, auf das sich alle geeinigt hatten, schnell das Peinliche von heute. Mal sehen. Wir haben uns auch wenig Agamben und Badiou angelesen. Eigentlich gar nicht.

C.B.: Ist es richtig, dass Sie mit Daniel Richter verheiratet sind? Und spielen hier persönliche Erfahrungen eine Rolle? Sehen Sie diese widergespiegelt im Stück? Z. B. in den Atelierszenen?

A.R.: Daniel und ich sind seit 15 Jahren zusammen, aber ich kann beim besten Willen keine Ähnlichkeit erkennen.

C.B.: Wie setzen Sie Jonathan Meese ein. Wen, außer sich selbst, könnte er spielen? Es fällt schwer, sich Jonathan Meese als Schauspieler vorzustellen, kennt man seine eigenen Inszenierungen.

A.R.: Jonathan Meese ist für mich die Figur, die im Koordinatenkreuz Koons/Goetz die meiste Ähnlichkeit mit beiden hat. Unter völlig veränderten Bedingungen, klar. Aber die Mischung aus vom Werk losgelöster Bedeutung, aus absoluter Bekanntheit, von der Subversion zur Supermedienpräsenz, Abscheu hier und blinde Gefolgschaft da - das eint Jonathan heute mit Rainald und Jeff in ihrer Bedeutung für das Jahr 98. Er kann sich jetzt entscheiden, ob er den Supersuccess/Sellout will oder lieber Supersuccesslessness/Burnout. Er ist hier lediglich Symbol für alles, was an Kunst scheiße und toll ist. Außerdem erkennt man ihn blind, er spielt in dem Sinne auch nix, wird bloß benutzt als Hallraum für das Stück. Sein Beitrag in diesem Sinne waren die Worte: „Bitte missbraucht mich, wie es euch gefällt!“ Das ist mehr als man sich wünschen kann.

C.B.: Wie setzen Sie Dirk von Lowtzow, der als Musiker von Tocotronic bekannt ist, ein?

A.R.: Dirk v. Lowtzow macht die Musik für das Stück, wir kennen uns lange und haben schon öfter zusammengearbeitet.
Und meine Begeisterung für seine Texte und Musik, Tocotronic und Phantom Ghost: absolut bedingungslos.

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(© Milen Till)

Christoph Bannat, 05.05.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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