Markus Wirthmann | Kritik
Kuratoren nehmt Euch ein Beispiel!
Arcangelo Sassolino
Critical Mass
2. Mai bis 29. Juni
Galerie Feinkost, Berlin
Nina Canell, Heman Chong, Karin Hueber,
Klaus Jörres, Daniel Knorr, Andrea Winkler
Sometimes You Fall in Love with an Idea
10. bis 31. Mai
Cluster, Berlin
Irgendwie klappt das nicht. Man darf nicht ankündigen, dass man vielleicht was über diese oder jene Ausstellung schreiben will. Man findet sich dann nur wieder in der Situation, dass man zwar will - aber unter dem Druck von Alltäglichem, Jobs, Gefällig- und Lästigkeiten und der Tatsache, dass man ja eigentlich auch noch nen richtigen Job hat und eventuell auch noch dies und das vorbereiten will und so weiter und so wei ter ter ...
Nun, dann arbeite ich mal meine Bringschuld ab und schreibe über zwei Orte die mir in der letzten Zeit aufgefallen sind: Feinkost und Cluster.

Galerie Feinkost
Der eine, eine richtige und professionelle Galerie, betrieben von Aaron Moulton, einem Zugereisten aus den USA und der andere, ein Projektraum, getragen von Künstlern und aus irgend einem Grund gefördert vom Land Schleswig-Holstein, wie man in der Presseerklärung erfährt.

Bei Feinkost sind zur Zeit zwei brachiale Arbeiten von Arcangelo Sassolino zu sehen. Mittels eines Hydraulikzylinders, der baugleich etlichen Baumaschinen weltweit zu ihren herkulischen Kräften verhilft, werden baumdicke Vierkanthölzer unter erheblicher Geräuschentwicklung und dem Austreiben der letzten in den Stämmen verbliebenen Flüssigkeit zerknickt wie Streichhölzer - nur viel langsamer.
Die martialische Anordnung ist mittels eines Bewegungsmelders von der Anzahl der Ausstellungsbesucher abhängig gemacht. Je mehr Betrachter sich interessiert und neugierig mit dem Mechanismus auseinandersetzen desto mehr Hydrauliköl wird von einer im Nebenraum rumorenden Pumpe unter Druck gesetzt und desto schneller knackt und knickt der Stamm ein.
Irgendwie habe ich eine ähnliche Anordnung bereits in meinem Langzeitspeicher abgelegt. War ein Amerikaner. Vielleicht Chris Burden. Ja, warscheinlich der – aber ich sitze gerade in der Mehdornschen (ja der unsympathische mit dem schlechten Geschmack) Bimmelbahn und da gibt’s noch kein Google. Aber jetzt bin ich mir sicher: Burden. Und der hatte auch die Besucherzahl mit der Installation kurzgeschlossen. Da wurden die Museumswände auseinandergedrückt und die ganze Institution und mit ihr sämtliche Besucher in Gefahr gebracht.
So radikal insititutionskritisch ist die Presse von Sassolino nun natürlich nicht. Aber wir leben mittlerweile ja auch im 21ten Jahrhundert und mitten im völlig freidrehenden Kunst-Marktgeschehen. Da kann man sich schon über die Kleinigkeit freuen, dass Aaron Moulton es freiweg und in einem Nebensatz ablehnt, die zerknackten Riesenstreichhölzer als Artefakte umzurubeln und für viel zu viel Geld auf den Kunstmarkt zu werfen.
Dafür hat der Künstler noch eine Hochdruck-Bierflaschenkanone in seinem ingenieurstechnischen Sortiment. Damit werden Museumswände zum Reflektor von Prollgeschossen, die dann fein zerstäubt und sehr ästhetisch auf den Boden rieseln und sich zwischen die Ritzen der Beläge und in die Öffnungen der Klimaanlagen schmeicheln. Das ist doch auch schon ganz gut ...

Die andere Arbeit ist ein Osterei. Wie ein, unter der Oberfläche der Soft- und Hardware versteckter Gimmick, der Spaß vieler Entwickler und Bastler im Computerbusiness.
Ein Behälter, vielleicht drei, vier mal größer als ein Fußball, der´s in sich hat: Stickstoff unter einem Nenndruck von 250 bar. Man sieht´s der kleinen Beule nicht an, aber wenn irgeneine Unzulänglichkeit oder der Mutwille sich gezielt am Gerät zu schaffen machte, wäre das martialische Balkengeknacke nur ein fader Treppenwitz. Warscheinlich wäre der hübsche 50er Jahre Ex-Feinkostladen, in dem die Galerie residiert, dann Architekturgeschichte. Es würde sich schlicht ein Krater auftun und alles verschlingen.
Italienischer Hochdruckbehälter-Baukunst sei Dank ist das Gas gut verpackt und wird die Zeit vielleicht in irgend einem Museum oder der Kollektion eines technophilen Sammlers überdauern - auf dass in ferner Zukunft - und angesichts eines schon völlig entgrenzten Kunstbegriffs – sich das Gas explosiv oder schleichend-subversiv neuen Raum verschafft.
Übrigens war die letzte Doppelausstellung bei Feinkost auch schon fein. Leider habe ich es aus den ganz oben schon beschriebenen Gründen versäumt, darüber Bericht zu erstatten. Mit „Schengen“ hatte Aaron Moulton eine explizit euro-politische und damit dem aktuellen kuratorischen Mainstream verpflichtete Ausstellung zusammengestellt. Im Unterschied jedoch zu der allergrößten Zahl seiner kuratierenden Zeitgenossen brachte er es fertig eine leichtfüßige und und in der Zusammenstellung poetische Ausstellung zu komponieren.
Der Übergang zur Einzel-Halbausstellung von Daniel Baker gestaltete sich fließend. Einerseits war das im Durchgang angebrachte Transit-Schild Teil von „Schengen“, andererseits Bestandteil von Daniel Bakers Präsentation. Je nach Blickwinkel und Betrachterstandpunkt und andererseits hübsche Metapher für die Verankerung von Bakers Oeuvre. Als Angehöriger der Roma in England – und dies ist ganz erklärtermaßen, sichtbar im kunsthandwerklichen Zugriff, Teil seiner künstlerischen Arbeit – ist der Künstler je nach Bickwinkel und Betrachterstandpunkt eben auch drinnen oder draußen. Für mich sind die Spiegel und Hinterglasmalereien mit deutlichem Vintage-Einschlag jedenfalls deutlich drinnen.
Kuratoren nehmt Euch ein Beispiel!
Zum Beispiel Cluster. Erstens einer der zahllosen Projekträume, getragen von zahllosen noch oder vielleicht ewig darbenden Künstlern – und zweitens auch noch in einer richtigen Ungegend. Sozusagen der Arsch der Kunstwelt! Naja, zugegeben die Galerie Baudach ist auch dort. Und Hetzler mit Showroom Nummer drei. Und das Atelier von Herrn Zipp. Deswegen fährt man da aber auch nicht unbedingt hin.
Es sei denn, man kennt den ein oder anderen Beteiligten.
Cluster ist ein Cube, nicht unbedingt der klassische mit White, aber ein Fabriketagenraum mit rechteckigem Grundriss, gründerzeitlichem Kappengewölbe und kleinem Info- und Bierverkaufstresen. Berlin-klassisch sozusagen.

Hier arbeiten die Künstler am Zivilisationsmüll. Allen voran Klaus Jörres, der einen handelsüblichen Müllsack in der Ausstellung drapiert wie das hübsche Geschenk von Ken an Barbie im Plastikhaus. Hier vermutet man allerdings das Plastehaus drinnen, und das Blau des Müllbeutels sieht irgendwie künstlicher aus als erwartet, blauer. Ist vielleicht Einbildung, aber irgendwie ... . Man verliebt sich eben manchmal in eine Idee (so in etwa auch der Ausstellungstitel in Übersetzung).

Daniel Knorr hat eine Kollektion Brillen mitgebracht. Fein auf einem Leuchttisch drapiert sind verschiedene Sonnenbrillen und Sehhilfen zu sehen. Die Tatsache, dass die Dinger ungeschliffen aus herausgebrochenen Scherben von Bier- und Wasserflaschen gefertigt sind, wirkt irgendwie glaubhaft. Im Schaufenster von Fielmann kämen sie wie die Schnurre eines hippen Designers, und man würde sie als Sonnenschutz im mittäglichen Mauerpark oder abends im Grill Royal widerstandsfrei hinnehmen. Die Geschichte, dass die Flaschen von der Kuratorin Petra Reichensperger zerdöppert und vom Künstler zum optometrischen Objekt zusammengesetz wurden, ist mir allerdings schnurz.* Ich mag Bedienungsanleitungen zu Ausstellungen sowieso nicht.

Die buchstäblich gewordene Endlosschleife von Nina Canell, die ein aus grauer Prä-mp3-Zeit stammendes Analog-Tonbandgerät stumm durch die Henkel von fünf oder sieben zum lockeren Kreis von ein, zwei Metern Durchmesser auftgestellten Plastikflaschen nudelt; zwei funktionslose überlange Angelruten, die Karin Hueber, ein schmales V (für Victory oder Vendetta oder VW?) bildend, zwischen Boden und Decke eingespannt hat, die stehengebliebenen Mädchensneaker eines vergesslichen Zwillingspärchens - Heman Chong. Eine vielleicht sogar ein bisschen zu schön komponierte Ausstellung – und das ist auch die einzige Nörgelei, die man über diese Schau ausschütten kann. Das Lapidare ist beim zweiten Nachdenken vielleicht ein klein bisschen zu kalkuliert, der kleine Finger beim Arrangieren etwas zu weit abgespreizt.

Aber da springt Andrea Winkler in die Bresche, bzw. wirft ein bisschen Lametta und gammlige Plastefolie auf den Boden. Angesprüht mit Autolack und vermutlich ebenso wohlüberlegt plaziert, aber irgendwie doch knapp daneben. Zum Glück!


* Ein Hinweis von Petra Reichensperger zur Arbeit von Daniel Knorr: "Es gibt zwei abgesprochene Materialisierung von Scherben bringen Glück: eine von mir (siehe Ecke, Anti-Form-Style) und unabhängig davon zerdeppertes/gefundenes Glas für die Brillen von Daniel Knorr". Aha.
Markus Wirthmann, 17.05.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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