Michael Reuter | Kritik
Play it – Kunst und Spiel in Stuttgart

Eva Grubinger, "Hype! Hack! Hit! Hegemony!", 1998
Vier zu vier stand es am vergangenen Montag beim Presserundgang in der Halle 6 des alten Messegeländes am Stuttgarter Killesberg. Die traurige Delegation des Stuttgarter Pressekorps und vier angespannte Ausstellungsmacher. Ohrenbetäubender Aufbaulärm im Hintergrund. Werner Meyer, Leiter der Kunsthalle Göppingen und Kurator der „Play it“ - Ausstellung rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Ludger Hünnekens, Rektor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und erster Vorsitzender des Vereins „Kunst08+“, gab sich gelassen, flankiert von Jörg-Dieter Walz (Galerie 14-1) und Ramona Dengel vom Projektbüro.
Ein langer, steiniger Weg liegt hinter ihnen und gestern wurde sie endlich eröffnet, die große Gemeinschaftsausstellung der etwa siebzig im „Arbeitskreis Kunst in Stuttgart und Umgebung“ vertretenen Institutionen, Museen und Galerien: Play it - Kunst und Spiel. Nach dem letzten gemeinsamen Ausstellungsprojekt „Vielfaches Echo“ im Jahre 1998, sollte wieder einmal der Teamgeist beschworen werden in der leer stehenden und zum Abbruch freigegebenen Messehalle.

Skeptische Blicke. Kurator Werner Meyer (rechts) und Ludger Hünnekens
„„Play it“ ist ein Projekt. Von April bis in den August hinein werden viele Institutionen und Galerien in Stuttgart Ausstellungen zum Thema zeigen und innerhalb des Projekts gibt es die zentrale Show in der Messehalle 6“, beschreibt Jörg-Dieter Walz das Konzept. In seiner Rolle als Kunsthändler vermerkt er außerdem: „Wenn der Kunststandort Stuttgart durch solche konzertierten Aktionen gestärkt wird, schlägt sich das auch relativ schnell auf die Galerien durch. Wir haben immer noch das Problem, dass man uns häufig links liegen lässt. Außerdem ist es ein identitätsstiftendes Projekt. Das Zusammenspiel von Galerien, der Akademie und öffentlichen Einrichtungen sollte forciert werden.“

Gerhard Friebes "Joystick-Duett" von 2001 in Aktion
Doch erstmal musste die Stadt überzeugt werden, dass es sich nicht um eine kommerzielle Kunstmesse handelt, sondern um ein förderungswürdiges Unternehmen zum Wohle der Kulturlandschaft. Stuttgart zeigte sich schließlich einsichtig und reduzierte den Normaltarif von 360.000 Euro für sechs Wochen Messe-Feeling deutlich Richtung Null.
Zwei Jahre zogen sich die Vorbereitungen hin. Die Unsicherheiten bei der Finanzierung zehrten an allen Beteiligten. Es wurde zeitlich sehr, sehr eng, bis schließlich ein tragfähiges Konzept entwickelt, Sponsoren gefunden und Gelder von der Stadt bereitgestellt wurden.
„Wir waren zuversichtlich, dass wir es schaffen würden“, meint Ludger Hünnekens, „auch wenn es ein echtes Low-Budget-Projekt ist, mit der heißen Nadel gestrickt und extrem knapp terminiert. Wir haben es voller Optimismus in Angriff genommen, wollten uns aber auch nicht zu früh aus dem Fenster lehnen. Es hätte alles noch platzen können. Das war auch er Grund, warum wir nicht seit Wochen offensiv plakatiert und Werbung gemacht haben."

Kristian Pettersen, "Motorrad", 2008
Auch der Kurator Werner Meyer hatte über lange Zeit keine Planungssicherheit und musste sich äußerst flexibel zeigen. Ca. 50 KünstlerInnen wählte er schließlich aus, die der Frage nachgehen, wie Kunst und Spiel zusammenhängen. Dabei legt Meyer besonderen Wert auf partizipatorische Kunstwerke. Der Betrachter soll Teil einer Handlung, Teilhaber an der Kunst werden. So ist das Holzmotorrad des norwegischen Künstlers Kristian Pettersen mit einem Mikrofon ausgestattet. Die Besucher dürfen sich auf das Motorrad setzen, müssen aber für den Motorsound selber sorgen. Vor allem Männer würden sich begeistert produzieren, schmunzelt Meyer beim Rundgang.
Einige Künstler der Show sind bereits in den Einzelausstellungen zu sehen gewesen. Andreas Illg stellt noch bis Ende Juni seine zynisch-bedrückenden Sturmgewehre aus Überraschungseier-Figuren im Kunstbezirk aus, in der Messehalle zeigt er Bodenminen aus dem gleichen Material.
Die unbenutzbaren, aber eine tatsächliche Funktionalität vorgaukelnden Geräte von Ralph Künzler waren vor kurzem im Hospitalhof zu sehen.
Werner Meyer präsentiert in der Halle 6 eine bunte Mischung, der man die erzwungene Sparsamkeit aber auch anmerken kann. Die gestrige Eröffnung war ein Erfolg. Es wurde ausgiebig gespielt und geschaut.

Andreas Illg, "Mienen", 2006

Im Vordergrund Arbeiten von Ralf Künzler, im Hintergrund die Arbeit "ERROR" von Daniel Schörnig

Joachim Fleischer, "Lichtspiel mit Roboter", 2007/08

Philip Metz "Hamburger Rechnung", 2007, Installation aus Boxring, Computer, lebendigen Protagonisten

Karin Sander, "Weltmeister Frauenfußball, der Kader 1:20"
Michael Reuter, 21.05.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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