Gastbeitrag | Sonstiges
VIDEOEX
oder die kulturpolitische Notwendigkeit eines Schweizer Filmfestivals für experimentelles Kino.
von Kyros Kikos

Das internationale Experimentalfilm & Video Festival VIDEOEX in Zürich feiert Jubiläum. Vom 23. Mai bis 1. Juni findet die zehnte Ausgabe statt. Was im Dezember 1998 als kleine Werkschau experimenteller Filme im Xenix begann, hat sich mittlerweile zu einem der renommiertesten europäischen Filmfestivals für experimentelles Kino entwickelt. Trotzdem ist die Situation für VIDEOEX wie auch allgemein für das Genre „Experimentalfilm“ in der Schweiz alles andere als rosig.

Peter Greenaway, Live-Screening
Experimentelle Film- und Videoproduktionen sind in der Schweiz rar. Das mag an der fehlenden Tradition liegen oder an der kommerzielle Projekte bevorzugenden Förderungspolitik, vielleicht auch an der helvetischen Mentalität, die im Dokumentarfilm ihre ideale Spielwiese findet, jedenfalls gibt es kaum aktuelle FilmemacherInnen, die sich mit der spannenden Schnittmenge aus Kunst und Kino befassen. Etwas besser schien es eine Zeit lang um die Präsentationsmöglichkeiten solcher Arbeiten im Festivalkontext zu stehen (und woanders werden experimentelle Filmprogramme ja kaum gespielt), doch vergangenes Jahr hat sich auch dies schlagartig geändert.
Bis 2007 gab es immerhin mit der VIPER in Basel, der Biennale in Genf und VIDEOEX in Zürich drei Festivals, die sich auf hohem Niveau dem Experimentalfilm widmeten. Das ist nun vorbei. Die VIPER, das publicityträchtige Aushängeschild der Schweiz für Film- und Medienkunst, wurde endgültig gegen die Wand gefahren. Zwar hatte das ehemals Luzerner Festival mit seinem Umzug nach Basel und seiner inhaltlichen Neuausrichtung auf den Schwerpunkt Multimedia schon zuvor Vieles von seiner ursprünglichen Kinokompetenz eingebüsst. Die Zusammenstellung der Filmprogramme war lieblos und beliebig geworden und die vergangene Herzlichkeit eines kleinen aber äusserst innovativen Filmfestivals einer unterkühlten Galerieatmosphäre gewichen. Trotzdem konnte die VIPER bis zum Schluss von ihrem vergangenen Ruf zehren, ein internationales Publikum anlocken und so dem Experimentalfilm immerhin eine beachtete Plattform bieten.
Der «Biennale de l’Image en Mouvement» droht ebenfalls das Aus, da die Stadt Genf beschlossen hat das „Centre pour l’Image Containporaine“ – die bisherige Ausrichterin des Festivals – auf Grund von Umstrukturierungsmassnahmen, anderen städtischen Kunstinstitutionen einzuverleiben. Selbst wenn das Festival wieder aufgenommen werden sollte, zeichnet sich eine Entwicklung ab, die weg vom Kino und hin zu Video- und Multimediakunst führt.
Bleibt also VIDOEX. Zumindest droht hier keine konzeptlose Verquickung mit dem Multimedia-Hype. Auch wenn man bei VIDEOEX sehr wohl um die multiplen Verortungsmöglichkeiten zeitgenössischer audiovisueller Arbeiten weiss, ist das Festival nach wie vor dem Kino verpflichtet. Kino als Ort und Kino als Art der Rezeptionsmöglichkeit. Filme und Videos, die von ihrer Funktionsweise her für die Leinwand und nicht als Ausstellungsstück konzipiert wurden, haben, bei aller Heterogenität in Herstellung, Absicht und Wirkung, eine Gemeinsamkeit: Sie haben einen Anfang, eine Spannungskurve und ein Ende. Und diese Dramaturgie erfordert den Kinosaal. Die Wahrnehmungssituation im Kino lässt sich nicht 1:1 in die Kunst-Galerie übertragen.

Peter Greenaway, Live-Screening
Doch auch bei VIDEOEX ist die Zukunft noch lange nicht gesichert. 2007 war man kurz davor, das Handtuch zu werfen, da das Budget in keinerlei Verhältnis zu Umfang, Qualität und Arbeitsaufwand des Festivals stand. Dieses Jahr hat sich die Situation leicht verbessert. Das Schweizer Bundesamt für Kultur wie auch der Kanton Zürich haben ihre Förderung angehoben und auch die Stadt Zürich hat ihre Zuwendungen erhöht. Allerdings letztere einen schalen Nachgeschmack hinterlassend: Während das Kulturdepartement Zürichs eine Aufnahme des Festivals in das Kulturleitbild der Stadt zugesagt hatte, was immerhin ein Planung über die jeweils nächste Festivalausgabe erlaubt hätte, wurde VIDEOEX kurzerhand vom sozialdemokratischen Stadtpräsidenten aus selbigem wieder herausgestrichen. Zudem wurde die vereinbarte Antragssumme um die Hälfte gekürzt.
So bleibt es vorerst bei der Situation: Zuwenig zum Leben, zum Sterben zuviel. Doch zumindest besteht die Hoffnung, dass die erhöhte Aufmerksamkeit für das Festival und der Idealismus und die Hartnäckigkeit des VIDEOEX-Veranstalter dazu führen, dass diese in der Schweiz inzwischen einzigartige Institution auch über 2008 hinaus Bestand haben wird.
Man kann sich natürlich die Frage stellen: Warum denn überhaupt ein überwiegend öffentlich finanziertes Festival für Experimentalfilm? Steuergelder für Randgruppenkino?
Die Antwort ist einfach: Die Förderung von Experimentalfilmen und entsprechenden Festivals ist eine Investition in die Zukunft. In die Zukunft des Films, in die Zukunft der Kunst und in die Zukunft der medialen Kompetenz.
Wie jede andere Kunstgattung auch, erneuert sich Kino von seinen eigenwilligen, unkonventionellen und experimentierfreudigen Rändern her. Die meisten stilistischen und inhaltlichen Ausdrucksformen einer Avantgarde nehmen irgendwann Einzug in den kulturellen Mainstream und bereichern so immer wieder von Neuem auch das Angebot für ein Massenpublikum. Ausserdem fördern sie den öffentlichen Diskurs.
Ein Experimentalfilmfestival leistet allerdings mehr als nur eine weltumspannende Momentaufnahme des Experimentalfilmschaffens. Es kümmert sich genauso um die Vermittlung des filmgeschichtlichen Erbes und des kontextuellen Zusammenhangs historischer Werke des Genres.
Das audiovisuelle Angebot hat durch die unterschiedlichsten Distributionsformen bis hin zum Filmdownload auf dem Handy in den letzten Jahren markant zugenommen; die fundierte Auseinandersetzung mit dieser Bilderflut wird zunehmend wichtiger. Vor diesem Hintergrund ist es eine Aufgabe von kulturellen Institutionen wie VIDEOEX, eine vertiefte, konzentrierte Beschäftigung mit dem Film-Medium zu ermöglichen und die Filme in einen Kontext zu stellen. So unterscheidet sich das Festival nicht nur in der Filmauswahl vom gängigen Kino, sondern auch dadurch, dass es die Einzelwerke innerhalb eines bestimmten thematischen oder stilistischen Programms präsentiert und durch Einführungen, Dokumentationen usw. zu einem vertieften Verständnis führt. Das dadurch verstärkte Interesse am Film, ermöglicht auch für das kommerzielle Kino und die Bedingungen der Film- und Videoproduktion wichtige Sensibilisierungs- und Informationsarbeit und trägt nicht zuletzt zur Bildkompetenz kommender Generationen bei.
Kyros Kikos ist einer der beiden künstlerischen Leiter der VIDEOEX, Zürich
www.videoex.ch
Gastbeitrag, 20.05.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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