Markus Wirthmann | Sonstiges
Bildhaueraufstand

Ich halte mich gerade in San Antonio, Texas auf, weil ich eingeladen wurde, im Rahmen eines Bildhauersymposiums etwas über die „Bildhauerszene in Berlin“ zu sagen – und natürlich auch zu zeigen. Ich bin also gerade dabei, wie sich´s gehört auf den letzten Drücker, eine Diaschau zum Thema vorzubereiten. Ich sitze mit meinem MacBook auf dem Balkon im dritten Stock und gucke auf den Fluss, der hier allerdings eher ein Kanal im Betonkorsett ist. Hier ist´s tierisch heiß und feucht, und irgendwas macht immer Krach. Wenn nicht gerade die Güterzüge, die ganz in der Nähe mitten auf der Straße fahren, markerschütternd posaunen, als ob der nächste Bahnhof Jericho hieße, startet wenigstens vom Dach gegenüber ein Hubschrauber oder man reißt kurzerhand mal die Straße auf. Dazwischen Tschakken, Kekkern und Krähen wie im Tropenhaus.
San Antonio ist die siebtgrößte Stadt der USA, und das sieht man ihr gar nicht an. Irgendwie wirkt das hier wie eine Sammlung von staubigen Filmkulissen aus allen amerikanischen Filmen von und mit John Wayne. Allen voran natürlich The Alamo von 1960. Der Schauplatz, eine zur Festung ausgebaute spanische Mission, steht hier tatsächlich mitten in der Stadt herum.
Der ideale Ort, um über so einen Begriff wie „Bildhauerszene“ zu kontemplieren. Hier scheint das alles auch noch einen Sinn zu haben. Die Stadt ist wie gesagt einigermaßen groß, aber die Anzahl der hier lebenden Künstler scheint überschaubar. Und das ist es, glaube ich, auch, was eine Ansammlung von Menschen mit ähnlichem Spezialinteresse zur Szene macht, die Überschaubarkeit. Hier „kennt jeder jeden“ oder hat das jedenfalls als Projektion im Kopf. Man zieht irgendwie an einem Strang und veranstaltet z.B. Bildhauersymposien.
Berlin ist dafür zu schnell zu groß geworden. Mittlerweile geht man in offiziösen Kreisen wie dem Bundeskanzleramt von der Existenz von ca. 600 Galerien und mehr als 5000 Künstlern in Berlin aus - hab´ ich zumindest gehört. Verifizieren kann ich das gerade nicht. Die Zahl der Künstler müsste meiner Ansicht nach aber noch deutlich über 5000 liegen. Anhand solcher Mengen von Kunstschaffenden wirkt das Spezialinteresse „Bildhauerei“ allein schon lange nicht mehr sinnstiftend. Da erzeugt die Heterogenität der Haltungen zu viel Reibungshitze, die Szene zerfällt in kleinere Einheiten, spaltet sich in einzelne Universen und zahllose Unter-, Neben- und Paralleluniversen.
Im Vorfeld meiner Szeneforschung hatte ich die Frage nach der Existenz der Szene an einige Künstlerkollegen und Kuratoren weitergereicht. Hier gebe ich exemplarisch Monika Brandmeiers Antwort auf meine Frage wieder:
Nein. Ich glaube nicht, es gibt keine "Gattungs-Szenen". Es gibt auch keine Malerszene (so wie es in Leipzig sicher eine gab).
Es gibt nur Netzwerke, die um verschiedene Tendenzen kreisen:
Texte-zur-Kunst-Kunst. Oder Post-Minimal-Dekoration.
Bildhauerei ist als Gattung sowieso kein Thema (allein Gerd Harry Lybke versuchte, die figurative Bildhauerei als Nachfolgerin der Malerei am Markt zu pushen). Aber ansonsten finden die meisten Künstler Bildhauerei sowieso viel zu aufwendig und zu teuer. Das Problem mit der Bildhauerei ist vor allem, dass die Kunst mittlerweile dermaßen sprach- und bildfixiert ist, dass Dreidimensionales eigentlich unnötig und in gewisser Weise unverständlich wird. Es muss wenigstens in der Erinnerung zum anekdotischen Bild werden, dann hat es eine Chance (Beispiel: die gelben Formen in der Nationalgalerie sind dazu da, die Taschen und Rucksäcke der Besucher aufzunehmen). Raum ist als Motiv nicht mehr vermittelbar, eher schon Material.
Mein Beispiel ist gerne dies:
Es gab in Berlin gleichzeitig zwei interessante Ausstellungen: "Raum. Orte der Kunst". Und "Die Macht des Dinglichen" im Kolbe- Museum. Interessanterweise spielte in der Raum-Ausstellung die Skulptur nur eine nachgeordnete Rolle. Der Raum wird inzwischen fast mehr als Metapher begriffen, oder als Denk-Kategorie, aber nicht als Medium der Bildhauerei. Während es, ganz genau komplementär dazu, in der Skulpturenausstellung so gut wie gar nicht um Raum ging. Die meisten Arbeiten waren vollkommen raumignorant und eher Material-Konstruktionen.
Das Interesse am Raum wird in Berlin durch Architekturdebatten befriedigt. In der Architektur ist Raum politisch, da funktioniert der Diskurs wieder.
Raum wird also in der Öffentlichkeit als urbaner Raum verstanden. Die Bildhauerei hat, wenn man so will, die "Deutungshoheit" über die Fragen des Raums an die Architektur abgegeben. Gerade in Berlin, weil hier traditionell die politische Relevanz der Kunst wichtig ist. Z.B. Birken umzusiedeln -(vom Palast der Republik!) - passt haargenau in dieses Berliner Kunstverständis (Raumkunstverständnis).
Das Expressionistenklischee der deutschen und besonders der Berliner Kunst, das auf bildhauerischer Ebene vielleicht von jemandem wie Manfred Pernice bedient wird (dessen Arbeit ich sehr mag, muss ich dazu sagen), das sehe ich allgemein allerdings nicht bestätigt.
Aber es gibt Bildhauerei, weil Künstler Lustmenschen sind. Sicher keine "Szene", aber überall im Halbschatten wird gebaut. Jemand wie Christiane Möbus wird heute kaum noch von der Kunstkritik verstanden (s. Besprechung im Kunstfroum International).
Im NEW MUSEUM in New York ging es in der Eröffnungsausstellung um Bildhauerei, die home-made material- und lustbetonte Variante, Pernice und Hirschhorn, und Pernice- und Hirschhornavatare. Klebebandorgien.
Will sagen, es mag keine Berliner Bildhauerszene geben, aber in der "Fruchtfolge" des Kunstgeschehens ist vielleicht grade (nach dem Projekt-Wettrüsten und nach der Malerei) die Bastelkunst wieder dran. Mir solls recht sein.

Markus Wirthmann, 25.06.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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