Christoph Bannat | Kritik

köln progressiv, Andreas Siekmann


Ausstellungsansicht, Andreas Siekmann c/o Galerie Weiss

Es gab eine Zeit, da hatten Gesellschaftsentwürfe Hochkonjunktur. Bewegungen, wie die Wandervögel, der Vagabundenbund, konkurrierten in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mit Anarchosyndikaten und Gewerkschaften und Parteien um die Deutungshoheit der Gesellschaft.

seiwert-hoerle-arntz
köln progressiv 1920-33
Museum Ludwig, Köln
verlängert bis 15. Juli 2008, Ausstellungsübernahme ist in Planung.

Andreas Siekmann
Verhandlungen unter Zeitdruck
Aus: Faustpfand, Treuhand und die unsichtbare Hand (2005-2008)

bis 7. Juni, 2008
Galerie Barbara Weiss, Berlin


Heinrich Hoerle, Denkmal der unbekannten Prothesen, 1930

Sie waren keine Freizeitvereine oder etwa nur Funktionsträger, sondern Kampfverbände für die richtigen Lebensentwürfe, aufgeladen mit Pathos und Bekenntniszwang. In einer Welt mit brutalen und erniedrigenden Lebensbedingungen für viele. Georg K. Glaser beschreibt diese Welt in „Schluckebier“, „Geheimnis und Gewalt“ und „Jenseits der Grenzen“. Für Künstler sind Glasers autobiografische Erzählungen interessant, da er später sein Heil im Handwerk sucht und die Grenzen zur Kunst für sich immer wieder auslotet.


Gerd Arntz, Bürgerkrieg, 1928

Ordnung in die vielstimmig miteinander konkurrierenden Gesellschaftskräfte zu bringen war eine große Versuchung und Herausforderung, auch für Künstler. Viele sehnten sich nach einer bestimmten und bestimmenden Sprache, einer Sprache wie Geldverkehr. Die Künstler Franz W. Seiwert, Heinrich Hoerle und Gerd Arntz leisteten als die „Köln-Progessiven“ Vorarbeit auf der Suche nach einer solchen (Bild-)Sprache. Heute haben wir uns an Piktogramme als globale, grenzübergreifende Bildsprache gewöhnt. Die Knotenpunkte des Personenweltverkehrs, Flughäfen, sind heute die Schulräume dieser Bildsprache. Der „Charme“ dieser Zeichenwelt hat seinen Anfang mit den „Kölner Progessiven“ in den 20er Jahren. Deren bekanntester Vertreter ist Gerd Arntz. Seiwert und Hoerle stehen stehen als Maler der neuen Sachlichkeit näher.
Zwischen 1929 und 1934 lebte Arntz in Österreich, um dort als Leiter der grafischen Abteilung des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums (GWM) die „Wiener Methode der Bildstatistik“ zu entwickeln. Hierfür erarbeitete Arntz Piktogramme – einzelne Bildsymbole, die durch eine möglichst einfache grafische Darstellung optimal verständlich waren.
1934 emigrierte er in die Niederlande.
www.gerdarntz.org/home


Gerd Arntz, Katalog Richmond-Galerie, 1926

Andreas Siekmann versucht, die Zeit nach 1989, die Übernahme und Abwicklung Volkseigener Betriebe (VEB) durch die Treuhand, in piktoralen Schaubildern zu erfassen. Dabei zitiert er die Kölner Progressiven. Es ist sein Verdienst, uns die Wendezeit wiederholt ins Bewusstsein zu rufen. Diesen Kulminationspunkt von Hoffnungen, Ängsten, Projektionen und Projekten und dem Versagen der Linken thematisiert Siekmann nicht. Er versucht sein Rotlicht der Aufklärung in die Blackbox kapitalistischer Mechanismen scheinen zu lassen. Das gelingt ihm intellektuell, nicht aber auf künstlerischer Ebene. Besagt das künstlerische Versprechen, das dass Wie, also die Form, gleichbedeutend mit dem Was gelesen werden kann. Die (Glücks?)Versprechen der Entmystifizierung künstlerischen Schaffens, wie sie Gerd Arntz als Möglichkeit propagiert, (er)greifen bei Siekmann nicht (mehr!).


Ausschnitt, Harun Farocki, Aufstellung 2005.

Ein erhellendes Beispiel für eine gelungene Formfindung ist Harun Farockis Isotypen-Film, eine Begriffskritik an der Repräsentation von Migration, „Aufstellung“ von 2005.


Ausschnitt, Harun Farocki, Aufstellung 2005

Die Arbeiten von Siekmann bleiben auch weit hinter denen von Seiwert, Hoerle und Arntz zurück, die aus eigenen Erfahrungen schöpften, da wo Siekmann den Meistergestus der ordentlichen Aufklärung zelebriert.
Die Gruppe der „Progressiven“ war eine Suchende und in ihren Verbindungen untereinander eine bis heute zu wenig erforschte. So werden Starfotografen wie August Sander zu oft getrennt von der Gruppe gelesen. So wie die ROSTA-Fenster Wladimir Majakowski (Sammlung Schürmann) als Hochkultur gehandelt werden, aber nicht im Zusammenhang mit den Progressiven gelesen werden. Ebenso wie der Architekt Ernst Neufert, der Erfinder der Deutschen Industrie-Norm (DIN), überhaupt nicht in deren Umfeld betrachtet wird. Neufert (dessen Bauentwurfslehre das meistverkaufte Architekturbuch weltweit ist) war Bauhausschüler und arbeitete später für Albert Speer. Von Ernst Neufert führt eine Linie zu Corbusiers Modulor-Figur, der menschlichen Vermessung in grafischer Form. Auch das Museum Ludwig mit seiner Ausstellung leistet hier leider keinen wegweisenden Beitrag.


Man muß bestrebt sein, seinen eigenen Oktober in die Tat umzusetzen. ROSTA-Fenster, Text Wladimir Majakowskij, 1921


Litho-Plakat, Intern. Streikbewegung, Zentralbund der Transportarbeiter, Prometheus

Nach dem zweiten Weltkrieg war´s dann erst einmal Schluss mit dem künstlerischen Typisieren von Mensch und Menschlichem, bis zur Olympiade 1972 in München, zu der Otl Aicher erstmals Piktogramme als Leitfiguren einsetzte - ein riesen Erfolg.


Streikaufruf für Handels- und Kontorbedienstete, Prometheus


Optische Bildung erhalte ich zur Zeit vom Buchladen Prometheus in der Wrangelstrasse 48, 10997 Berlin. Hier gibt es neben dem Portikus-Katalog von Siekmann Heftchen von spanischen Anarchisten der 30er Jahre in Kleinstauflage, politische Plakate der 20er Jahre, oder frühe Konkret-Hefte aus den 50ern und 60ern. Das Ganze liegt oft verborgen und wird mittels der Kraft von Gesprächen mit dem Antiquar ans Tageslicht gefördert. Hier wurde ich auch auf die „Progressiven“ aufmerksam gemacht.

Christoph Bannat, 07.06.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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