Gastbeitrag | Kritik
Kunst auf kleinstem Raum - Eine Ausstellung in Brüssel
Jule Reuter über
Appell – Eine Ausstellung zeitgenössischer Skulptur im Museum Felix De Boeck in Drogenbos bei Brüssel, 25.5. bis 3.8.2008
Mit Arbeiten von Andrea Pichl, René Lück, Leif Erich Christensen, Michael Beutler, Tilman Wendland, Olaf Holzapfel, burghard, Joep van Liefland, Theo Boettger, Iris Kettner, Suse Weber, Erki De Vries/ Tim Vets, Nadia Naveau, Ief Spincemaille, Clemens Hollerer, Lutz Fezer/Skafte Kuhn/Michael Stumpf.

Ein Weitwinkelblick in die Ausstellung, Foto: Jo Vandermarliere
Appell – der Name der Ausstellung ist Programm. Das ‚Versammeln von Truppen zur Befehlsausgabe’ findet hier im übertragenden Sinn statt, als streng geometrische Ausrichtung individuell künstlerischer Positionen auf einem abgesteckten Planquadrat. 16 Künstler – zwölf davon aus Deutschland, drei aus Belgien, einer aus Österreich – zeigen auf einer Fläche von
8 x 8 m ihre skulpturalen Arbeiten. Das macht 4 m² Ausstellungsfläche für jeden, die maximale Höhendimension beträgt 9 m.
Die Idee dazu stammt von Suse Weber, Bildhauerin aus Berlin, die sie zusammen mit dem Museumsdirektor, Sergio Servellón, realisiert hat. Gedacht ist die Ausstellung als – zugegebener Maßen provokante – Reaktion auf das konkrete kontextuelle Umfeld, das Museum. Das Museum in Drogenbos, eine der flämisch-französischen Fazilitäten-Gemeinden der Hauptstadtregion Brüssel, zeigt das Werk eines einzigen Künstlers. Felix de Boeck (1898-1995) gilt als einer der wichtigsten Begründer der abstrakten Malerei in Belgien. 1996 wurde das weitläufige Museum eröffnet, das ganz dem Konzept der Moderne verpflichtet, seine Räume durch Terrassen und Sichtachsen zum großen Obstgarten hin öffnet.
Jedoch ist hier der museale Überbau etwas zu groß geraten - das Werk eines einzigen Malers füllt die Räume zwar quantitativ, aber viele der späteren Bilder, die frühen abstrakten Bildideen wiederholend, verlieren zunehmend an innerer Spannung und Kraft.
In diese monologisch aufgebaute Ausstellung rammt sich wie ein Keil der sechzehnstimmige Appell: die konzentrierte, verdichtete, auf Maß und Fläche verpflichtete Präsentationsweise versus die ausschweifende, repetitive Inszenierung der einzelnen Künstlerpersönlichkeit.
Diese offensichtliche und gelungene Gegenüberstellung von unterschiedlichen Präsentationsformen und Inszenierungsstrategien wirft zugleich jede Mengen von Fragen auf.
Die zentrale scheint mir die zu sein, welchen Raum die einzelne Arbeit für sich braucht, um als »Ganzes, Ungeteiltes« wahrgenommen zu werden und nicht in der Menge unterzugehen. Suse Weber und Sergio Servellón reflektieren mit ihrem Ausstellungskonzept zwei Tendenzen zeitgenössischer Kunstpräsentation. Zum einen spielt ihr Vorhaben auf die gängige Praxis an, das künstlerische Werk von vornherein auf einen ihm zugewiesenen Raum auszurichten. Zugespitzt und fast immer unkünstlerisch gedacht, findet sich dies in Ausstellungskojen auf Kunstmessen. Zum anderen soll die traditionelle auratische Wahrnehmung des Werkes, seine Inszenierung im Raum, in Frage gestellt werden. Eine doppelte Kritik also: am Warenlager und am ‚Tempel’.
Wie sieht nun der Lösungsvorschlag aus? Die einzelne Arbeit ist auf eine Grundfläche von 1.6 x 1.6 m begrenzt. Zwischen den Werken bleibt ein umlaufender Abstand von ca. 0.8 m für den Betrachter, um sich entlang der Achsen die einzelnen Positionen anzusehen. Die zweite Betrachtungsmöglichkeit ist von einer umlaufenden Empore im 1.Stock aus gegeben. Jene festgelegte geometrische Matrix gibt ein Raster vor, mit dem ganz unterschiedlich umgegangen wird. Einige Arbeiten hätten in der Tat einen größeren Betrachterabstand benötigt, andere machen sich von der räumlichen Begrenzung unabhängig. Wieder andere nehmen das Raster als strukturelle Größe an und reagieren darauf. Mir am sympathischsten war die Gemeinschaftsarbeit von Erki De Vries und Tim Vets. Über einen Button am Boden kann der Besucher ein Geräusch auslösen, das 9 Meter über ihm auf einer Fensterscheibe erzeugt wird. Der so umspannte Raum bleibt leer und hebt damit die Problematik des Abstandes zwischen Betrachter und Werk auf. Ähnlich konsequent operieren Video Palace von Joep van Liefland, der einen halboffenen Raum im Raum schafft und damit die Raumgrenze zugleich markiert und permeabel hält, oder die Piratenstation Drogenbos von Fezer, Kuhn und Stumpf. Da, wo der Raum nicht in dieser Weise thematisiert ist, wird es problematischer. Besonders plastische Objekte oder Installationen mit einem eher erzählerischen Grundgestus haben es schwer, in der Enge ihre Wirkung zu entfalten oder sich von den benachbarten Arbeiten nicht stören zu lassen. Leichter haben es jene Arbeiten, die sich auf Architektur als System beziehen. Bei Säule, Turm und Tor sind Maß und Ökonomie ohnehin konstituierende Elemente.
Mit diesem Nachdenken über die Eigenschaften skulpturaler Arbeiten im genormten Raum, der auch als Metapher für unsere Lebensrealität stehen kann, stellt die Ausstellung grundsätzliche Fragen zur Diskussion. Auf dieser gedanklichen Ebene ist es nachvollziehbar, dass dem programmatischen Ansatz einige Positionen untergeordnet wurden, die zeigen, dass nicht jede Kunst in ein Raster passt.
Link: Museum Felix De Boeck
Jule Reuter lebt als freie Kuratorin und Autorin in Berlin.
Gastbeitrag, 11.06.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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