Esther Ernst | wo ich war

SUNGU ASLI - KUNSTINVASION - 5. BERLIN BIENNALE, SKULPTURENPARK - 5. BERLIN BIENNALE, GÜL MASIST - HATOUM MONA - SCHLEIME CORNELIA -

 

SUNGU ASLI
Faulty, 2007
Freisteller, Deutsche Guggenheim, Berlin
+ Für Alles gibt es Spezialisten. Menschen, die irgendetwas besonders gut können, die sich darin auskennen, weil gelernt und damit beschäftigt usw. Und man selber wurschtelt sich durch den Alltag, schlampt hier und da, unbewusst oder weil’s eben nicht besser geht...
Asli Sungu hat sich vier Spezialisten nach Hause geholt und lässt sich fachmännisch das Zwiebelschneiden, Fenster- und Zähneputzen oder Bügeln erklären. Mit einer Kamera auf sich gerichtet, versucht Sungu mit grosser Mühe und Konzentration den Erklärungen und lehrerhaften Tips der Spezialisten aus dem Off nach zu kommen, scheitert ständig, bleibt geduldig und versucht es erneut, wird dann wieder verbessert usw.
Ich muss lachen und freue mich über die zum Thema gemachte Sichtbarkeit des sich Bemühens und der damit verbundenen Anstrengung und über die Einfachheit und Klarheit von richtig und falsch, der sich Sungu in ihren Arbeiten aussetzt. Es ist die Spannung zwischen dem ernsthaften Lernen, der Komik und der Verzweiflung über das Nichtgelingen, die mir daran besonders gefällt.

 

KUNSTINVASION
Berliner Kunsthalle
+ Ein riesiger Banner am Eingang des Blumengrossmarktes sorgt für Aufmerksamkeit und Spannung. Beim Eintreten in die grosse und lichte Halle verschwindet die Kunst allerdings stümperhaft hinter Blumenschildern und verhängten Ladenteilen. Gelbe Bodenmarkierungen werden für die Raumaufteilung genutzt, jeder Teilnehmer hat ein Rechteckchen für seine Kunst zur Verfügung gestellt bekommen. Das Schauen macht hier leider überhaupt keinen Spass, Raum und Kunst können in dieser ausgestellten Weise einfach null aufeinander eingehen und für diesen nicht ganz einfachen Raum hätte man sich (wenn man schon so grosse Töne anschlägt) schon was einfallen lassen müssen. – Mich erinnert diese Kunstinvasion an eine überstürzte Kunstklassenaktion. Mit Ausnahme einiger Arbeiten im Aussenbereich der Halle, die sich eben anders und angemessener zum Ort verhalten, die dieser Architektur Stand halten können.

 

5. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst
Skulpturenpark Berlin
+ Ich bin da gerne durchgelaufen, durch die doch sehr spezielle Brachlandschaft. Nicht, weil mich die Kunst vom Hocker gehauen hätte, und auch nicht, weil ich den Ort zum ersten Mal entdeckt hätte, vielleicht ist es aber die Kombination von Kunst und Ort, die mir beim Schauen Freude bereitete. Abgesehen von Katerina Sedás Zaun-Objekt muss man sich nach weiterer Kunst erstmal umsehen und gäbe es keinen Plan, wäre man doch schnell mal verunsichert, ob dies nun zur Biennale dazu gehört oder ein älteres Kunstprojekt, ein Stück Robbispielplatz oder ein Kommentar zur Kunst ist. Mir gefiel auch die Einsamkeit, in der man sich die Arbeiten anschauen konnte, da waren weder Besucher noch Aufpasser. Und immer wieder der Blick aus der Brache raus, in die Platten rein, zu den Hündelern oder auf die blühenden wilden Gräser gerichtet. Es ist so angenehm unaufgeregt hier und es gibt angemessen viel Platz für die Kunst. Und ja, das Thema mit der Mauer und der Teilung ist vielleicht etwas zu sehr ausgereizt und didaktisch, aber es stört mich kaum.

 

5. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst
GÜL MASIST
Schinkel Pavillon, Berlin
+ das Berührende an Masist Güls Arbeiten ist ja, dass dieser Mann, mit Muskeln bepackt und wie aus der Gucciwerbung für Schwule entsprungen, Seite für Seite einen handgemachten Comic entwirft und dabei Fragen und Sehnsüchten nachgeht, die man viel eher pubertierenden Teenagern zuschreiben könnte. Sieben dicht mit Kugelschreiber gezeichnete Comicbücher sind dabei entstanden: Rinnsteinmythen – Das Leben des Rinnsteinwolfs
Weil die Comics auf Türkisch verfasst (wie auch die toll gemachten Faksimile-Hefte) und nur Weniges, in Vitrinen Ausgestelltes, ins Englische übersetzt wurde, ist es leider kaum möglich, sich in Güls Werk zu vertiefen oder grössere Teile der Erzählung aufzunehmen. Aber die Kraft, der sichere Stil, mit dem er die Bücher ganz ohne Korrekturen verfertigte, und die Unbeirrbarkeit, mit der er über Jahre ohne Veröffentlichungen (und vielleicht ja auch nur für sich) daran arbeitete, ist schon sehr beeindruckend.

 

HATOUM MONA
Hanging Garden
daad Galerie, Berlin
+frisches Grün spriesst aus den mit Erde gefüllten Säcken, die zu einem brusthohen Quader gestapelt sind. - Ich habe mich schon lange nicht mehr so sehr über das erste, farblich extrem intensive Grün gefreut wie in diesen Frühling. Es war einfach zu lange zu grau und zu kalt in Berlin. – Ich berühre das Gras, aber das ist natürlich verboten und ich werde sofort ermahnt, es zu lassen. Nur schauen darf man.
Mir kam diese Art von Skulptur ziemlich bekannt vor. Und ich dachte natürlich gleich an Phoebe Washburn und Jannis Kounellis und an die Besprechung über die Ausstellung „Gärten – Ordnung, Inspiration, Glück“. Und an Heinrich Hertz, der von dem Schimmel eines hängenden Gartens, den sein Vorgänger in ein Unigebäude hatte einbauen lassen, krank wurde.
Die Installation von Mona Hatoum lässt mich allerdings unberührt. Auf dem Fahrrad überlege ich mir, ob meine Teilnahmslosigkeit damit zu tun hat, dass Hatoums Arbeiten genau auf diesen ersten Blick setzen, den man dann aber schon kennt...?

 

SCHLEIME CORNELIA
Love Affairs
Galerie Michael Schultz, Berlin
+ habe Elmar versprochen, ihn auf diese Vernissage zu begleiten. War noch nie in der Galerie Schultz, habe sie aber anhand des riesigen Menschenauflaufes sofort gefundnen. Gut gekleidete, ältere Menschen, weit entfernt von hipp aber mit viel Geld, konsumieren Kultur. Puh, was ist das denn hier? Im hinteren Raum schreit jemand, eine zweite Person rasselt mit einem Tamburin und das Fernsehen filmt. Gehört das dazu oder woher kommen die zwei Verrückten? Ich versuche mir die knutschenden Menschen auf den grossformatigen Bildern von Schleime anzuschauen. Stehe ganz dicht vor der Kunst, weil für Abstand kein Platz ist. Die Haare sind mit viel Farbe dick aufgetragen, die Haut der sich Liebenden hingegen dünn, teilweise mit Schellack überzogen. Ganz schön kitschig. Die Performance ist endlich zu Ende, mich haben inzwischen drei ältere Herren angesprochen, ich flüchte nach draussen und treffe dort zum Glück Elmar und wir staunen gemeinsam, stehen ein wenig rum. Kurz bevor wir gehen kommen die beiden Verrückten wieder. Sie mit Tamburin, er lässt sich die Hose runter, scheisst sich in die Hand und hält diese unter die Nasen der Gäste. Wahnsinn, na dann jetzt mal los zur Grillparty...

Esther Ernst, 25.06.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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