Gastbeitrag | Kritik

Wir irren des Nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verzehrt *

Christine Lemke über
LANDREFORM Karussell (Eröffnungsausstellung zu LANDREFORM, Skulpturenpark Berlin_Zentrum)

»Und dann war es auch noch ein schönes Erlebnis« schlossen einige der Erzählungen, die mir über die am 10.06.2008 im Rahmen der 5. berlin biennale im Skulpturenpark Berlin_Zentrum stattgefundene Performance LANDREFORM Karussell zu Ohren gekommen sind. Wie bei manchen Berichten über erlebte Kunstdinge bei denen man nicht dabei gewesen ist, aber gerne dabei gewesen wäre, setzte sich meine Vorstellungskraft in Bewegung und konnte sich sehr gut acht funkelnagelneue schwarze BMWs auf einer von Wohnhäusern umstandenen Brachfläche über rumpelige Steine um ein Lagerfeuer unablässig im Kreis fahrend vor das innere Auge führen.

LANDREFORM Karussell aus BMWs, Foto: Jelka Plate

Manche Kunstereignisse scheinen wie für die Legendenbildung gemacht zu sein. Sie treffen etwas in ihrer Zusammensetzung von sich gegenseitig aufladenden Elementen und pflanzen sich so im Hirn fort, erzählen sich dort weiter Geschichten und verbinden sich mit Fantasien, Wünschen, Erinnerungen und anderen begehrlichen Affekten. Es kommt mir sowieso manchmal so vor, als gäbe es Kunstwerke, die besser in der Erzählung als in echt funktionieren. Die gerade über das Erzählen eine Attraktivität auslösen, eine im darüber Sprechen genussvoll entfaltete Verdrehung von Wirklichkeit, eine sich gerne vorgestellte Überschreitung. Dies kann bisweilen im als ob der Vorstellung mehr Virulenz entwickeln als in der tatsächlichen Anschauung, die demgegenüber blass, illustrativ oder gar banal erscheint.

Die Beschreibung »schönes Erlebnis« in den Erzählungen scheint jedoch auf einen bestimmten Überschuss in der gemachten Kunsterfahrung hinzuweisen. Das sind die im ersten Moment erst mal weniger wichtig erscheinenden Einzelheiten von Subjektivitäts- und Wahrnehmungsfetzen, die innerhalb der erzählerischen Flüsse auftauchten: Dass es nämlich schon toll sei, in so einem funkelnagelneuen glänzenden schwarzen Ding zu sitzen und sich herum fahren zu lassen. Dass diese neuen Autos ja auch noch so komisch riechen würden. Dass auf einmal alle in den BMWs angefangen hätten, den Dicken zu machen und alle möglichen Posen einzunehmen, und dass das wohl an den BMWs gelegen habe. Dass man, wenn man im Auto saß und im Kreis fuhr, in das Licht des Feuers habe schauen können, und dass man dann habe denken können, dass man sich gar nicht bewegen würde, sondern eigentlich still stünde. Dass man habe sehen können wie an dem Anderen mit dem man im Auto saß die Stadtlandschaft wie ein Film im Hintergrund vorbeizog und, dass das viel zu helle Licht von den Musterhäusern der zukünftigen Siedlung das Ganze fast unheimlich beleuchtet habe ....

Was die Mitglieder der Künstlergruppe KUNSTrePUBLIK e.V., die aus Matthias Einhoff, Philip Horst, Markus Lohmann, Harry Sachs, Daniel Seiple besteht und die auf dem Brachgelände unter dem Namen Skulpturenpark Berlin_Zentrum schon lange vor ihrer Gastgeberschaft der 5. berlin biennale regelmäßig Ausstellungen, Performances und Veranstaltungen ausrichteten, hier zusammengebracht und in einen Loop überführt haben, wirkt im Nachhinein wie eine gelungene Verdichtung konnotationsreicher Elemente und Verknüpfungen. Die BMWs - eine Leihgabe des Biennalen Sponsoren BMW selbst - als schwarze Fetischobjekte im Kreis um ein Lagerfeuer sich drehend inszeniert, legen vielfache und querschiessende Verweise nahe. Es deuten sich u.a. Bezüge auf nichtsesshafte und/oder marginalisierte Lebensformen, auf »fahrendes Volk«, Jahrmarkt- und Lagerfeuerromantik wie auch auf kultische Ritual- und Tanzanordnungen an.

Die Idee des Karussells als sinnentbehrender Spaßmaschine in Form von 8 mit Abschleppseilen aneinandergehängten BMWs nachgebaut und mit je einem Fahrer aus der Künstlergruppe wie mit einem schamanistischen Flugbegleiter besetzt, unablässig sich im Kreis drehend und nur zum Einsteigen und Aussteigen der BesucherInnen anhaltend und während der Fahrt Woody Guthrie’s »This land is your land« aus dem Autoradio laut spielend, mündete - so wie es mir zugetragen wurde - in einen mehrfach in sich verschlungenen Loop aus sich gegenseitig spiegelnden Perspektiven: Die mitfahrenden BesucherInnen untereinander, die Fahrer und ihre Passagiere, die Fahrenden und die Schauenden, der Innenkreis des Fahrens und der Blick auf das Gelände, das sich abzeichnende »Bild« der Performance aus der Umgebung von Weitem gesehen etc.

Die tragende Rolle in diesem Szenario nahm wahrscheinlich die Figur des Loops ein. Der Loop ist das Instrument der Bespiegelung und der Selbstreflexion per se. Er hält sich erst mal raus und schaut auf die eigene Wiederkehr im Kreisen. Er schiebt die Investition in ein veränderndes Ereignis auf die lange Bank. Er verweigert Geschichte und ihren Entwurf des Fortschreitens. Er ist im Nirgendwo angesiedelt und deshalb auch nicht ganz vertrauenserweckend in der Wirklichkeit verhaftet. Es gibt in ihm keine Abfahrt und keine Ankunft, sondern nur ein wiederholungssüchtiges Kreisen in einer »Als-Ob«-Zeitmaschine, die vielleicht im Falle von »LANDREFORM Karussell« für einen Moment den zwanghaften Verlauf der Entwicklung des Mauerparks und seiner zukünftigen Bebauung gleichermaßen beschwörte wie außer Kraft setzte.

LANDREFORM wird als Ausstellungsreihe nach Beendigung der 5. berlin biennale (15. Juni) im Skulpturenpark Berlin_Zentrum von KUNSTrePUBLIK e.V. fortgeführt. Das LANDREFORM Karussell fand als Eröffnungsveranstaltung dazu statt.

* nach einem lateinischen Palindrom

Gastbeitrag, 17.06.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Schöner Beitrag. Aber man kann dem hinzufügen, dass der Titel auch verweisen kann auf den letzten Film von Guy Debord betitelt 'In girum imus nocte et consumimur igni'. Anhand des lateinischen Zitats lässt sich auch die Funktion eines Palindroms nachvollziehen: von vorne oder von hinten gelesen, wird der gleiche Satz erzeugt. Bei der Edition Tiamat gab es mal die deutsche Übersetzung des Filmskripts. Muss man jetzt wohl suchen!

thw [TypeKey Profile Page] | 18.06.08

 

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