Christina Zück | Sonstiges
In meinem Herz ist noch mehr Discoschmerz
Die Anthropologin Elke Mader auf der Jagd nach Shah Rukh Khan
Autor: Gandhi, der Wiener Bollywooddealer von Elke Mader
Wir befinden uns am Flughafen Wien Schwechat. Shah Rukh Khan, der Avatar der Supermodernität, steht total auf Michael Ballack und ist mal kurz nach Wien gejettet, um sich das EM-Endspiel anzusehen. Shah Rukh liebt Sport, erst vor kurzem hat er sich eine Hockeymannschaft gekauft, was ihm erlaubt, nach dem Spiel unverdächtig in der Umkleidekabine der Jungs abzuhängen. Jetzt steht er, etwas enttäuscht über die Niederlage seines Idols, am Eincheckschalter, wie immer umringt von Fans, und versteckt sich hinter einer dunklen Sonnenbrille und einer Jogi-Löw-Frisur. Er hält eine Arbeit von mir in der Hand und versucht, mit einem Gelschreiber "Love Shah" darauf zu kritzeln. Es klappt nicht, er muss das Bild nochmal wenden.
Elke Mader ist quer durch Europa gereist, an jeden Ort, an dem Shah Rukhs Erscheinen vermutet wurde, und hat einige Versuche unternommen, ein Autogramm zu bekommen. Sie hat Tage an Bauzäunen, hinter Absperrgittern, in Tiefgaragen und sogar im Zoo wartend verbracht. Der schwindelerregende Parallelzustand eines euphorischen Fans ergriff sie gelegentlich. Elke Mader betreibt Feldforschung. Sie ist Professorin für Kultur- und Sozialanthropologie and der Universität Wien, ihr Forschungsgegenstand ist der interkulturelle "Mohabbat Man" Shah Rukh Khan und die Extase, die er beim Publikum auslöst, man könnte das Phänomen auch als postglobalisierte Minne bezeichnen. Als sie im Februar bei der Recherche auf meinen Artikel im Kunst-Blog stieß, erkannte sie nicht sich selbst, sondern ihr Foto auf einem meiner Fotos wieder: ein Fall von synchromystischer Mise en abyme.

Autorin: Christina Zück, Februar 2008, vor dem HAU1
Sie ist also die Fotografin des Fotos, das Rukh Khan unter dem Überwachungsblick diverser Digitalameras, Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen und einer deutschen Polizistin gerade signiert, das auf meinem Foto zu sehen ist. Ich nahm dieses Bild am 10. Februar nach seiner Paneldiskussion im HAU1 in der Stresemannstraße auf. Sie hatte ihr Bild ein paar Wochen zuvor bei der Londoner Premiere von Om Shanti Om aufgenommen, es zeigt eine fotografierende, dunkelhaarige Frau, Monika, rechts hinter Shah Rukh Khan. Prof. Mader hatte das Foto an Monika geschickt, Monika hatte es ausgedruckt und mit nach Berlin genommen, wo sie erfolgreich versuchte, ein Autogramm des Stars zu bekommen. Ich habe Frau Mader einen Abzug meines Fotos geschickt, den sie nun, ohne dass ich es ahnen konnte, wieder zu Shah Rukh gebracht hat.

Autorin: Elke Mader, November 2007, OSO Premiere London
Und hier nun die Abenteuer von Elke Mader:
Der Film ist noch nicht zu Ende
Eine Bildgeschichte
Ein paar Monate sind vergangen. Ich bin wieder in Salzburg im Garten, es gewittert. Sie haben mir damals einen Abzug Ihres schönen Fotos geschickt, in das meines auf magische Weise hineingeraten ist. Ich war in der Zwischenzeit mehrmals in Sachen Shah Rukh Kahn unterwegs und trug immer Ihr Bild in der Tasche. Der Film war noch nicht zu Ende, die Geschichte brauchte noch ein Autogramm auf Ihrem Bild.
Ich habe es in Paris versucht, vor dem Musée Grevin, seine Wachstatue wurde eingeweiht.

Eingekeilt mit den anderen Fans, stundenlanges Warten, von der französischen Polizei hinter breite doppelte Barrieren verbannt. Warten auf Shah Rukh. Diese Mischung aus Anstrengung, Freude, Spannung, Erschöpfung und dann dieser kurze Moment, diese wenigen Minuten (oder sind es nur Sekunden?), in denen er da ist, in denen sich die Gefühle verdichten und verschränken. Ein „flash“, in dem sich nicht nur Emotionen sondern auch Körper wie von unsichtbaren Fäden gezogen in Bewegung setzen - so nahe als möglich zu ihm. In Paris trennen uns mehrere Meter von Shah Rukh Khan als er in unsere Ecke kommt (diese elenden Barrieren…) und trotzdem. Plötzlich kommt neben mir, von ihren Freunden hochgehoben, eine junge Frau fast nach vorne geflogen - Devdas, schreit sie, mein Devdas.

Als er weiter geht sind wir alle neu aufgestellt: ich bin irgendwie in der vordersten Reihe gelandet, die maghrebinischen Mädchen, die vor mir waren, sind so weit es ging auf das Sperrgitter geklettert. Sie merken es erst, als man sie bittet, doch wieder herunterzukommen, sie verstellen die Sicht auf ihn.
Ein großes Ritual, eine Erfahrung, ein Erlebnis, das vielen Menschen immer wieder eine Reise wert ist. Bollywood macht glücklich. Andere gehen Bergsteigen. Aber zurück nach Paris: Am Boulevard Haussmann gab es nur wenige Autogramme und „close encounters“. Zwar ließ der rührende Star auf einer Seite etwas von den Barrieren entfernen, damit er nach der Feier im Museum doch noch berührt werden konnte, aber es war kein Berlin. Viele waren enttäuscht. Einige versuchten noch am Flughafen ihr Glück. Ich stand dort auch ein paar Stunden herum, mit dem Bild in der Tasche. Dann wurde ich sehr müde, kam mir ziemlich blöd vor, und ging. 15 Minuten später kam er dort zur Türe herein - wie andere Fans zu berichten wussten.
Am 21. Juni bin ich mit Ihrem Bild in Rotterdam - Temptation Reloaded. Diesmal habe ich Pressekontakte aufgebaut und treibe mich schon nachmittags Backstage herum.

Durch die großzügige Freundlichkeit der Veranstalter werde ich auch nicht entfernt, als Shah Rukh Khan zu proben beginnt. Ihn in Ruhe lassen und keine Bilder - das sind die Regeln. Und so setze ich mich still und leise in die erste Reihe. Um mich herum sind noch andere Begünstigte, eine ältere Dame indischer Herkunft, zwei junge Männer, ein paar kichernde Mädchen vom Fanclub, eine Deutsche, die an einer Dokumentation arbeitet. Rundherum geschäftige Vorbereitungen: Der Fotograph, das Kamerateam, Licht, Ton, Nebel, Requisite - alles ist noch nicht so, wie es sein soll. Er kommt auf die Bühne, setzt sich im Hintergrund auf einen Treppenabsatz, raucht, trinkt etwas, bespricht sich mit den Anderen. Und dann geht es los, in Jeans und T-Shirt, manchmal auch mit der Zigarette in der Hand, in mehreren Durchgängen: In meinem Herz ist Discoschmerz … die Bewegungen manchmal nur angedeutet, dann wieder ganz ausgeführt, dann wieder Lachen, dann wieder tanzen…..und nicht nur
Dard-e-Disco, zwei Stunden lang, sein ganzes Programm. Ich sitze gebannt im halbdunkel, ich nehme nichts mehr von dem Treiben um mich wahr, seine Bewegungen fließen durch meinen Körper und ich kann den Blick nicht von ihm wenden. Und eine Stunde später alles noch einmal vor 20.000 Menschen.

Bei der Vorstellung sitzt eine junge Russin neben mir, wir haben Plätze in der dritten Reihe. Wenn Shah Rukh Khan auf die Bühne kommt, springt sie - wie viele andere - trotzdem auf und läuft so weit es geht an den Rand der Bühne, die magische Anziehungskraft setzt wieder die Menschen in Bewegung. Nach der Show werden einige Personen durch die Absperrung (immer diese Barrieren…) zu einem „Meet and Greet“ eingelassen, es sind größtenteils Leute aus dem Umfeld der Veranstalter und der Sponsoren. Die junge Frau ist nicht darunter, für sie bleibt die Pforte verschlossen, der Erzengel ist unerbittlich. Da bleibt nur noch der Bühnenausgang: Dort stehen schon Hunderte und warten. Die Securitiy - in einem Moment der Unachtsamkeit - hat keine ausreichenden Barrieren errichtet. Der Wagen, der Shah Rukh Khan wegbringen soll, steht in Mitten einer Menschenmasse, die erst langsam durch eine Körperkette von Ordnern so weit zurückgeschoben wird, dass er schließlich zum Auto gehen und einsteigen kann. Durch Zufall ist die junge Russin wieder neben mir, sie weint. Kein Autogramm, keine Berührung. Nur von weitem winkt er noch und wirft Kusshände.

Eine Gruppe von besonders ausdauernden Fans trifft sich am nächsten Tag am Flughafen Schiphol. Ich muss ohnehin am Abend dort abfliegen, also bin ich gleich dabei. Warten auf Shah Rukh. Ihr Bild griffbereit, aber auch meine neue Kamera. Als mir ein Kollege beim Bearbeiten meine Bilder von Berlin half, meinte er, ich hätte mir eine anständige Kamera verdient. Also bin ich jetzt ein bisschen besser gerüstet. Warten auf Shah Rukh. Eine Zeit des Geschichten Erzählens, von bestandenen Abenteuern in Sachen Shah Rukh Khan, von Freud und Leid. Wir schlagen Wurzeln im Asphalt, wagen keine Bewegung, wir könnten ihn ja versäumen. Die Zeit steht und rennt gleichzeitig, jeder Wagen ist seiner, nach einigen Stunden beginnen wir ihn überall zu sehen, aber er ist nicht da. Seine Frau kommt mit Freunden zum Einchecken. Jetzt, jeden Moment, jetzt muss er doch auch hier sein…. Er kommt nicht.

Zurück in Wien. Eine Woche Dauerstress und Hitze. Das EM Finale steht auch noch ins Haus, man kann sich ohnehin kaum mehr bewegen in der Stadt - alles Fanzone (ich bin kein Fußballfan, das nur so nebenbei). Ich flüchte am Freitag aufs Land. Am Samstag sehe ich es dann schon im Internet: Es wird gemunkelt, Shah Rukh Khan kommt zum Finale. Der Anruf einer Freundin verfestigt die Gerüchte, sie hat es von Gandhi. „Unser Gandhi“ - keine Erscheinung des Mahatma, sondern DVD Händler, Kulturvermittler, Veranstalter von Bollywood Festen, Treffpunkt und Seele der Fanszene und selbst Shah Rukh Khan Fan - hat es aus gut informierten Kreisen: Er kommt nach Wien. Ich fahre nun doch gleich wieder in die Stadt zurück, wo sich eine etwas andere Fanzone formiert. Inzwischen ist es sicher: Er ist bereits da, zwei offenbar noch besser informierte Frauen haben ihn am Flughafen begrüßt. Ich packe Ihr Foto und meine Kamera ein und schließe mich einer Gruppe an, die bereits in der Innenstadt die einschlägigen Hotels abklappert. Wir wollen ja nicht aufdringlich sein, aber - wie sagt meine Freundin - es wäre doch so wunderbar ihn zu sehen, einfach nur zu sehen, dass er wirklich hier in unserer Stadt ist, durch dieselben Straßen geht wie wir.
Und wieder wuchert - wie Sie schreiben - das Kino hinaus ins richtige Leben: Wir ziehen Samstag nachts und den ganzen Sonntag, einen sehr heißen Sonntag, durch die Stadt - „Desperately Seeking Shah Rukh“. Wir sind zu fünft, Imaginationen weisen uns den Weg.
Wo könnte er sein? Was unternimmt er? Jemand erzählt, er ist mit Frau und Kindern hier. Wohin könnten sie wohl gehen? Schönbrunn vielleicht: Schloss, Park, Tiergarten, die kleinen Pandabären, zu denen zurzeit wohl fast alle WienerInnen mit Kindern pilgern. Wir verbringen ein paar Stunden in dem wunderbaren alten Lusthaus-Café im Schönbrunner Zoo, wo man von der Terrasse einen guten Blick auf das Gehege der Pandas hat.

Wir gehen zum Stadion, um das Gelände zu erkunden und die Eingänge zu orten, wo man sich am Abend wohl am besten aufstellt (am Foto übrigens meine Wenigkeit mit rosa Schal).


Wir besuchen auch noch den Prater, vielleicht wollen die Khan'schen Kinder ja mit dem Riesenrad fahren. Die Erschöpfung macht sich langsam breit, doch wir basteln noch schnell aus dem Papier, dass eigentlich dem Schutz Ihres Fotos dienen sollte, „Shah Rukh Austria Loves You“ - Schilder. Damit er merkt, dass heute nicht nur Fußballfans zugange sind.

Und wir wissen sehr gut, dass wir hier ein bisschen Kino inszenieren, wir sind ja nicht blöd. Aber - wie es ja auch vom populären Hindi Film heißt - der Realismus fehlt, doch die Gefühle sind real. So nah und doch so fern war das Grundgefühl dieser Tage, und es galt alles daran zu setzten, diese Ferne in Nähe zu verwandeln. Ich denke auch, alles ist eng mit diesem Spannungsfeld von Nähe und Distanz verbunden. Mit dieser magischen Verbindung von tiefen Schichten der eigenen Subjektivität zu etwas, das - wie sie schreiben - einen größeren Zusammenhang darstellt, zu jemanden, möchte ich hinzufügen, der es auf unerklärliche Weise schafft immer wieder die ganze Welt in ihrer Emotionalität und Sinnlichkeit zu verkörpern, und dadurch eine ganz eigene Spiritualität ausstrahlt.
Man findet uns am Ende unserer Wanderungen am VIP Eingang des Happel Stadions aufgestellt und vieles kommt vorbei: Fans - für Deutschland oder Spanien maskiert - tummeln sich auf der Straße...


... schwarze Wägen mit Sport-Prominenz rollen an, Franz Beckenbauer winkt uns zu, wir winken halbherzig zurück. Weiter die Straße hinunter ist die Einfahrt für die besonders Schutzbedürftigen - Könige und so - mit massenhaft Polizei abgeriegelt. Ob er vielleicht doch dort ankommt? Warten auf Shah Rukh. Die Zeit schreitet fort, das Spiel wird bald beginnen. Wir bekommen langsam das Gefühl ihn verpasst zu haben - doch zu lange beim Riesenrad getrödelt. Da schreit unsere Freundin aus Frankreich auf und läuft einem Mann im deutschen Mannschaftstrikot nach: Es ist sein Bodyguard, der uns verdutzt ansieht. Shah Rukh Khan ist schon im Stadion, mehr gibt er nicht preis.

Da stehen wir jetzt. Die Enttäuschung ist groß, die Müdigkeit auch. Aber zumindest haben wir - zum ersten Mal bei diesem Abenteuer - absolute Gewissheit: Es ist real, er ist wirklich da. Und uns bleibt wieder einmal der Flughafen. Der französische Anthropologe Marc Augé schreibt, dass das Leben der Gegenwart, der „Supermodernität“, vor allem durch „Nicht - Orte“ geprägt ist. Darunter versteht er Orte, an denen nicht lokale soziale Beziehungen vorherrschen, sondern der Transit, das Kommen und Gehen, der Flughafen ist eines seiner Beispiele. So stehen wir, Kinder des Zeitalters der Supermodernität, bereits sehr früh am Morgen gut positioniert zwischen Auffahrt und Schalter: Wir hoffen einerseits darauf, das die Bewegungen des globalen Transits Shah Rukh Khan und uns an diesem Nicht-Ort zusammenbringen. Andererseits sehnen wir uns danach, diesen Transit für einen Moment zu unterbrechen, ihn anzuhalten, und so unsere Imaginationen zu einem Stück Wirklichkeit
zu transformieren.
Dieser Montag legt sich nun für mich besonders schrill an, denn ich soll den ganzen Tag in einer wichtigen Sitzung wirken. Dieses Zusammentreffen von Dringlichkeiten unterschiedlicher Art hat mich bereits des Nächtens genervt, bis ich schließlich mit dem völlig irrationalen Gefühl eingeschlafen bin, irgendwie wird am Ende alles gut. Und ich hatte dabei keineswegs das Om Shanti Om Zitat im Kopf, das sich im Nachhinein dann doch aufdrängt. Aber eines nach dem anderen. Die Morgenmaschine fliegt ohne Shah Rukh Khan nach London, es ist ja auch nie sehr wahrscheinlich gewesen, dass er sie nimmt, er gilt nun einmal nicht als Frühaufsteher. In die allgemeine Kontemplation meines Dilemmas bei einem Frühstück meldet sich nun wieder einmal Gandhi: 14.15 ist nun die Devise, dasselbe hat inzwischen auch eine von uns beim Schalter erfragt - erstaunliche Auskunftsbereitschaft gibt es da manchmal … Ich also zu meiner Sitzung, die ich kurz vor der Mittagspause wieder verlasse. Inzwischen ist die Gruppe angewachsen, Ghandi mit Familie und Freunden, noch ein paar Wiener Fans. Warten auf Shah Rukh. Wahrscheinlich in einem weißen Mercedes unterwegs. Wieder die Phase der optischen Täuschungen, einmal laufen wir alle kurz einer Fata Morgana nach. Nein, das war er nicht. Dann kommt ein weißer Mercedes und parkt direkt uns gegenüber auf der anderen Straßenseite ein. Die Tür wird geöffnet, der Bodyguard steigt aus, sieht zu uns herüber und deutet uns, stehen zu bleiben.

Wenn ich nun versuche mich zu erinnern, was ich in diesem Moment empfunden habe, so ist das schwer zu beschreiben. Denn wenn nun die Wirklichkeit in die Imagination, in unseren persönlichen Film so hinein wuchert, so lange ersehnt und trotzdem unerwartet, lösen sich Grenzen auf. Es gibt nun keine Schranken mehr - auch nicht jene zwischen Bild, Vorstellung und Wirklichkeit - und man spürt, dass alles eins ist. Ein Gefühl der Schwerelosigkeit macht sich breit, eine Leere im buddhistischen Sinn, die Raum schafft für eine Erfahrung der besonderen Art. Veränderter Bewußtseinzustand in der liminalen Phase eines Rituals, könnte man hier fachsimpeln. Meine Freundin hingegen meint, es wäre am Flughafen plötzlich ganz still geworden.
Es dauert noch ein paar Minuten, der Bodyguard beschäftigt sich mit dem Gepäck, Shah Rukh Khan raucht und telefoniert, sein Sohn und dessen Freund - und mehr von der Familie Khan war auch nicht in Wien - steigen kurz aus und setzen sich dann wieder in den Wagen. Alles wird gefilmt und fotografiert, die Bilder werden später auch dazu dienen, die Wahrnehmungslücken zu füllen, die der tranceartige Zustand hinterlässt.

Aber so weit sind wir noch nicht. Ich mache zu viele Fotos vom Ausladen des Gepäcks, die sich erst als witzig erweisen, als ein riesiger gelber Plüschbär vom Beifahrersitz auf den Gepäckswagen wandert. Unsere Warte-Gruppe löst sich auf, wir sind zwar alle noch am selben Ort, aber jetzt doch ist jede/r für sich allein, oder vielleicht besser, allein mit Shah Rukh Khan, allein auf ihn konzentriert. Er kommt mit den Kindern über die Straße, mein Foto von dieser Szene ist inzwischen schon in der ganzen Welt herumgezogen, ich stelle es trotzdem noch einmal hier her.

Gandhi nimmt ihn auf unsere Straßenseite in Empfang, seine Frau geht mit dem Baby auf ihn zu, er legt den Arm um sie und berührt mit seinen Lippen leicht den Kopf des Kindes. Alle anderen fotografieren oder filmen, denn es ist herrlich, so einen ganz persönlichen Film - starring Shah Rukh Khan - zu machen, zu haben und immer und immer wieder - allein oder gemeinsam - zu schauen.

Ich bin noch etwas auf Distanz, einige Meter trennen mich von ihm. Dann gerät plötzlich alles in Bewegung. Ein Taxi parkt genau hier ein, Shah Rukh Khan will mit den Kindern auf den Gehsteig und zum Eingang, der Bodyguard will mit den Gepäckwagen voraus, und ich gerate irgendwie dazwischen. Vielleicht sind es auch diese unsichtbaren Fäden, die mich zu ihm hin und nicht von ihm weg ziehen, jetzt kann ich auch nicht mehr fotografieren - es geht mir wie Ihnen in Berlin - er ist viel zu nah, er steht direkt vor mir. Ich sage etwas Banales wie „thank you for coming to Vienna“, aber die Wirkung ist wundersam. Er umarmt mich. Ein paar Sekunden falle ich aus der Welt, tauche in eine andere Welt hinein. Nur versinken in seiner Aura und seinen Körper spüren. Alle Barrieren überwunden, auch die in meinem Kopf. Als ich aus der Umarmung wieder heraus stolpere, denn der Transit nimmt seinen Lauf, bleibe ich von dem Gefühl einer weichen Unendlichkeit umfangen, der Moment dehnt sich aus und schließt alles ein. Doch das ist vielleicht schon eine Betrachtung in nachhinein. Denn eigentlich geht es ziemlich hektisch weiter.


Er hat es nun bis in die Halle geschafft, umringt von allen, die noch ein Autogramm wollen. Langsam beginnt er abzuwehren - „I will miss my plane“. In der Zwischenzeit bin ich wieder an den Rand des magischen Kreises geraten und habe Ihr Foto in der Hand. Ich beuge mich vor und reiche es ihm hin. Er zögert, blickt auf das Bild und greift dann doch danach. „I have no pen…“ - ich grabe schnell in meiner Tasche und erwische in der Aufregung nicht den Spezialstift, denn ich extra eingepackt habe, sondern meinen dünnen Tintenschreiber. Er beginnt zu schreiben, der Stift rutscht ab, sein Bodyguard auf Ihrem Foto hat jetzt einen Strich über sein Gesicht. Er versucht er es wieder, und „Love - Shah Rukh“ zeichnet sich leicht am Bild ab. Er sieht sich das an, dann dreht er das Bild um und signiert es auf der Rückseite noch einmal.
Dann geht wieder alles weiter, zuerst in die falsche Richtung, wir zeigen ihm den Weg zum richtigen Schalter, für irgendetwas müssen die Fans ja auch nützlich sein. Beim Einchecken bilden wir einen Halbkreis um ihn, lästig und aufdringlich, aber auch liebend und schützend, auch eine Art von Umarmung. Er kramt in seinen Sachen herum, ich fotografiere wieder, dann komme ich mir wie ein Paparazzi vor und höre auf.

Ich stehe wieder in seiner Nähe, meine Freundin fragt, wie es ihm in Wien gefallen hat - „it was very nice“. Ich stelle noch Fragen für einen Zeitungsartikel, der am nächsten Tag online geht. „Too bad Germany has lost“, ist sein Kommentar zum Finale. Dann ist alles fertig, selbst das Mega-Kuscheltier konnte nach einigem hin und her noch eingecheckt werden. Wir folgen ihm bis zum Zoll, doch schon in größeren Abstand, dann verschwindet er im Transit.

Aber der Film ist noch immer nicht zu Ende, obwohl mir klar ist, dass ich schon längst Überlänge habe, das indische Kino wirft seine Schatten…. Ich muss zurück in die Sitzung, wenngleich ich dem Sitzungswesen ziemlich entrückt bin, was aber alle gelassen hinnehmen. Auch bei der anschließenden Geburtstagsfeier eines Kollegen bin ich extrem gut gelaunt und mache eine Menge blöder Fotos, ich bin gerade so in Schwung. In den nächsten Tagen hält das an, kombiniert mit einem starken Mitteilungsbedürfnis, das - wie man merkt - noch nicht aufgehört hat. Mein Freundeskreis verträgt Khanesken nur in kleinen Dosen (wenn überhaupt) und so treffe ich mich mit jenen, die auch dabei waren. Das miteinander Sprechen ist kein Aufwärmen der Erfahrung, die ist ja noch ziemlich heiß, sondern ein Teilen von Gefühlen und eine Erweiterung der eigenen Wahrnehmung. Der Andere hat immer etwas gesehen, gehört, fotografiert oder gefilmt, das durch den eigenen Trancezustand nicht im Bewusstsein angekommen ist. Oder es ist etwas zwischen Imagination und Wirklichkeit hängen geblieben, man weiß nicht mehr, wo der Traum anfängt und das Ereignis aufhört oder umgekehrt. Eine Berührung, von der man am nächsten Tag glaubt, man hätte sie sich nur eingebildet, ist plötzlich auf einem Foto zu sehen. Mir war ein Lächeln abhanden gekommen. Er hat gelächelt, als er mit mir sprach, wird mir versichert. Ich kann mich nur an seine Stimme erinnern, sein Gesicht ist in der Unendlichkeit verschwunden. Aber siehe da, ein paar Tage später, am Video meiner Freundin, da ist es wirklich, das Lächeln. Hiezu gibt es viel Interessantes aus der Bildtheorie, aber dafür bin ich jetzt schon zu müde.
Ich gehe zu Gandhi und habe meine Fotos dabei, auf denen seine Frau und sein Baby mit Shah Rukh Khan zu sehen sind. Sie ist auch im Laden, sie sieht sich eines der Bilder besonders lange an und sagt dann strahlend - „er hat den Arm um mich gelegt“. Gandhi hat seine Bilder im Computer, er spielt für mich die Slideshow ab, ich lehne mich über den Tresen, um etwas zu sehen. Vieles ist ziemlich unscharf, aber einiges auch gut getroffen. Gandhi erzählt von seinen Erlebnissen und plant, wie man Shah Rukh Khan wieder nach Wien bringen könnte, ein alter Traum von uns allen, neu belebt. Ich unterbreche ihn: dieses Bild, da war gerade ein Bild, das muss ich noch einmal sehen ….
Elke Mader
Christina Zück, 12.07.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Danke für diesen wunderschönen Bericht! Während des Lesens hat man das Gefühl dabei gewesen zu sein. Und ruft in einem den Wunsch herovr, sofort Gandhi`s Laden zu stürmen und noch mehr Bilder sehen zu wollen ..
Sonador
| 28.07.08
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