Esther Ernst | wo ich war

ISRAEL JACOB - HASSAN KAY - WITS SCHOOL OF ARTS - WINKLER HANS - SACK JONAH / SAAYMAN WILHELM

 

ISRAEL JACOB
Berlin-Bar, Johannesburg
+ Die Berlin-Bar, in der einzigen Ausgehmeile (Bar an Bar an Club an Restaurant) in Melville, macht ihrem Namen alle Ehre. Zusammengestückeltes lässiges Mobiliar, grosse unvergitterte Glasscheibenfensterfront (für hier gar nicht üblich...), billig Bier trinken und eben der elektronischen Krach-Musik-Performance von Jacob Israel zuhören. Obwohl es eigentlich gar nicht krachig war, eher unglaublich laut und sehr popig, jazzig, halt für den Club gedacht. Israel, ein Bastler, ein Technik-Freak, steht hinter seinen selbstgebauten Maschinen und mixt verschiedene eigene Sounds mit den Gängigen im "live-Programm" zu einem angenehmen Clubgedröhne zusammen. Verdutzte Blumenverkäufer schauen durch die grossen Fenster rein, draussen wird getanzt. Ob diese Veranstaltung in Südafrika eher was Neues, Unkonventionelles ist? Ob es hier eine " Neue-Musik-Szene" gibt? Klar ist, dass wir in Berlin natürlich sehr verwöhnt werden und dank mehrerer Festivals auf hohem Niveau ein grosses Spektrum an "Neuer Musik" geniessen.

 

HASSAN KAY
Urbanation
JAGGED, Johannesburg Art Gallery
+ grossformatige Fotografien von bunten Stofffetzen hängen im ersten Raum des für Südafrika wichtigen Ausstellungsorts „JAG“ in einer eher armen Gegend Johannesburgs. Im zweiten Raum sind die Wände von oben bis unten mit getragenen Kleidern, nach Farben geordnet, bestückt. Eine Videoarbeit, auf der man Menschen mit grossen Taschen, die auf die Ankunft eines Müllautos auf der Halde warten, beinahe vom Abfall überschüttet werden und gierig nach Wiederverwertbarem suchen, folgt. Möwengeschrei dazu. Wahnsinn, das gibt es alles, direkt hier um die Ecke... Im Hauptraum sind Hassans riesigen "paper constructions" installiert, Bilder aus Plakatschnipseln, ohne Untergrund übereinander gekleistert, technisch sehr beeindruckend, zwei Portraits von schwarzen Frauen, ein Landschaftsbild mit Bäuerinnen, inhaltlich sind die mir eher fremd, kenne ich den Kontext zu wenig... Ähnlich ergeht es mir mit den bühnenbildartig installierten Räumen, die sich sehr narrativ mit der Geschichte dieses Landes auseinandersetzen. – Reinfinden in die neue Welt, herantasten, es dreht im Kopf...


 

WITS SCHOOL OF ARTS
Rundgang
Johannesburg
+ Die "Wits" ist offenbar eine total angesagte Kunstuniversität in Südafrika. Und so schauen wir uns (neugierig, da wir nächsten Monat den Studenten unsere Arbeiten vorstellen...) eine Art Rundgang mit Wettbewerbsstruktur eines Studienjahres an. Circa 40 Studenten der bildenden Kunst stellen in einer nicht besonders dafür geeigneten Halle aus: viel Malerei, kaum Installationen, ein paar Videoprojektionen, mir fällt erstmals kein grosser Unterschied zu einem Rundgang in Berlin auf. Ausser, dass die behandelten Themen andere sind: Menschenhandel, Apartheid, Gewalt...
William Kentridge ist als Vorbild, so meine ich, doch in einigen Arbeiten zu spüren.
Einen ordentlichen Batzen Geld gewann eine Studentin, die auf verschieden zugeschnittenen Papieren winzige Tuschezeichnungen in ganz unterschiedlichen Stilen fertigte und diese wild übereinander an die Wand klebte. Dazu lud sie an einem kleinen Tisch davor unter ihrer Motivation zum Nachahmen ein... Hm, bisschen gruselig, aber darin nicht schlecht.


 

WINKLER HANS
Walking Newspaper Johannesburg, Südafrika
In collaboration with the Goethe Institute Johannesburg
+ Bevor wir in dieses Atelier in der End-Street von Johannesburg einzogen, hat Hans Winkler hier gelebt und die 6te Edition des "Walking Newspaper Projekt" realisiert. Das Konzept dieser Zeitung ist sehr einfach und klar und geschickt angelegt, so dass Hans nämlich verschiedene Städte dieser Welt spazierend erforscht (wir sollten uns als erstes ein Auto mieten, da Johannesburg überhaupt keine walking-city sei...), lokale Künstler zu Beiträgen einlädt und dabei von diversen Goethes unterstützt wird. Tolle überschaubare Sache, ohne viel Aufwand immer weiter fortzusetzen, überall auf dieser Welt, bin natürlich gleich ein bisschen neidisch...
" kelekt!a" heisst die in Johannesburg heraus gekommene, 15-seitige Zeitung mit jeweils einseitigen, abwechselnd s-w / farbig gestalteten, hauptsächlich bebilderten Beiträgen von 16 Künstlern. Schön, schau ich mir gerne an. Nur die etwas lieblos hingepfuschten s/w – Kopien vergangener „Walking Newspapers“ an den Wänden des Goethe-Instituts hängend, sind etwas ernüchternd.


 

SACK JONAH / SAAYMAN WILHELM
Warren Siebrits Gallery, Johannesburg
+ schöne Galerieräume in einer entspannten Gegend, eher reich. Nebendran ein paar weitere Galerien, eine kleine Kunstballung in der doch sehr übersichtlichen Szene Johannesburg.
Zwei Zeichner: Jonah Sack arbeitet mit Tinte auf Papier, mit fein säuberlichem Strich, ganz exakt und ordentlich, comicartig, zurückhaltend Geschichten erzählend, fast ein bisschen zerbrechlich wirken die filigranen Zeichnungen.
Wilhelm Saaymann’s Papierarbeiten hingegen sind sehr viel gröber und laut, auch comicartig aber viel naiver, extrem kindlich mit kurzen Texteinsprengseln wie: if god knows everything, why bother with praying?, sehr direkt gezeichnet, auf der Grenze von Kitsch, Ablehnung und Bewunderung, dass da einer einfach so locker drauf los arbeiten kann und damit keine Probleme hat, toll.
Die beiden Künstler stellen in ihren Gegensätzen eine unglaubliche Spannung her, das macht total viel Freude hin und her zu schauen.

Esther Ernst, 31.07.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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