Adib Fricke | Sonstiges

Lasst euch nicht erwischen!

Manche Kunst-Blog-Besucher wunderten sich schon. Seit einiger Zeit taucht in vielen älteren Beiträgen eine kleine Grafik auf, die mitteilt, dass die Abbildungen, die dort mal zu sehen waren, nicht mehr angezeigt werden dürfen.

Erklärt ist die Sache relativ schnell: Urheberrechtliche Regelungen sehen vor, dass Abbildungen von urheberrechtlich relevanten Arbeiten online nur eine bestimmte Zeit kostenlos als Ergänzung zu aktuellen Texten/Beiträgen genutzt werden dürfen. »Aber in Zeitungen ...« mag schnell als cleverer Einwand kommen. Doch der gilt nicht, denn da ist die Natur des Mediums einfach eine andere, gedruckt bleibt gedruckt. Bei Online-Nutzung kann auch später eine Veränderung herbei geführt werden, die dann auch nach vorherrschender Rechtsauffassung erfolgen muss.

Nachdem die VG Bildkunst an uns heran getreten war und wirklich freundlich um Prüfung und ggf. um kostenpflichtige Lizenzierung bzw. Entfernung vieler Abbildungen bat, sahen wir uns zu Verhandlungen gezwungen. Diese dauerten ungefähr ein Jahr. Wir gingen durchaus davon aus, im rechtlichen Sinne völlig integer gehandelt zu haben. – Schließlich einigten wir uns, dass die Bilder nur für einen bestimmten Zeitrahmen auf der Webseite stehen, dann müssen sie leider doch verschwinden, so gerne wir die Arbeiten zeigen würden, auf die in den Beiträgen Bezug genommen wird. Das Entfernen der Bilder haben wir automatisiert, um nicht in Wahnsinn zu verfallen und 1.000 IMG-Tags nachzueditieren. Wenn der vorgegebene Zeitraum abgelaufen ist erscheint von alleine die Ersatzgrafik. Schon toll, was sich mit der Skriptsprache PHP machen lässt, auch wenn die Angelegenheit selbst echt doof ist und wir auf viele Uneinsichtigkeit – auf allen Seiten – gestoßen sind. Auslöser für all das war – so vermuten wir – ein kritischer Beitrag über einen Künstler (ich sage hier jetzt nicht den Namen). Im redaktionellen Kunst-Blog-Alltag werden wir ja sonst zugeschüttet mit Pressemitteilungen voller digitaler Bildchen, die uns alle mit der Erwartung auf langfristige Online-Veröffentlichung erreichen. Das "Bitte-Zeige-Meine-Bilder" wird nur bei kritischer Kommentierung nicht gern gesehen. Georg von Frundsbergs Spruch »Viel Feind – viel Ehr« von 1513 zählt heute nicht mehr. Dagegen eignet sich das Urheberrecht zunehmends prima als ein Hebel gegen eine unliebsame Kritik.

Zwar war Kunst-Blog.com – zum großen Teil ja von Künstlern gemacht – schon die ganze Zeit bestrebt, die Rechte der Urheber, deren Arbeiten in den Fotos zu sehen waren, zu respektieren und z.B. Bilder nie frontal als Repro sondern in der Ausstellungssituation hängend zu zeigen. Doch auch das reichte nicht aus, nicht mal, wenn auch noch eine Person durchs Foto läuft, um die Bilder ohne eine solche zeitliche Begrenzung nutzen zu können. Nur Werke, deren Urheber länger als 70 Jahre verstorben sind, zur Nutzung frei, d.h. sie dürfen uneingeschränkt gezeigt und vervielfältigt werden. (Es gibt noch ein paar Sonderregelungen für ältere Fotorafien, bei denen der Zeitrahmen nicht so lang ist, und auch Museen, in denen die Werke sind, könnten einer Veröffentichung zum Teil noch widersprechen etc. ... aber das hier ist nicht der Platz für solche Details). 70 Jahre sind schon ein ziemlich langer Zeitraum für ein Online-Medium, dass sich mit zeitgenössischer Kunst befassen möchte.

An sich kümmert sich ja kaum jemand um die vielen Blogs, die alle irgendwelche Bilder von irgend woher holen und bei sich einstellen. Die meisten dieser Blogs werden möglicherweise gar nicht wahrgenommen, zumindest nicht von denjenigen, die sich um die Einhaltung von rechtlichen Vorgaben kümmern. Kalr, dass wir hier keine Liste mit Blogs veröffentlichen wollen, die wir allen kennen, und deren Beiträge fast nur aus übernommenen Abbildungen oder schnellen Digitalfotos bestehen - das könnte all den netten Leuten dann leider viel Ärger bereiten. Für alle Blogs oder anderen Online-Publikationen heißt das aber, es könnte irgendwann mal Ärger geben, wenn die Bilder zu lange eingestellt sind und wenn die Sache richtig kritisch wird.

Die Rechtsauffassung zu der Fragestellung kann durchaus unterschiedlich gesehen werden. Aus unserer Sicht und auch aus Sicht der Kanzlei, die uns bei der Verhandlungen mit der VG Bildkunst unterstützte, stimmen wir der Position der VG Bildkunst nicht unbedingt zu. Diese hat andererseits natürlich kein Interesse auf die Schnelle mal eben einen Präzedenzfall zu haben, der es dann anderen ermöglicht, genauso mit Abbildungen von Werken der bildenden Kunst zu verfahren. Die Grenzen sind fließend, wie weit kann eine solche frei Nutzung gehen bzw. darf sie gehen. Wir hätten es natürlich auch auf eine exemplarischen Rechtsstreit ankommen lassen können, aber das wäre kräftezehrend und sicher sehr kostenintensiv geworden. Welcher Leser und welcher Leserin, hätte da wohl etwas für die Justiz-Kollekte gegeben? – So haben wir nun eine Grafik wie diese hier oben im Beitrag. Und wenn ein bestimmter Zeitraum abgelaufen ist, dann wird diese Abbildung automatisch vom Webserver durch die selbe ersetzt ;-).

Adib Fricke, 03.07.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Und wieder eines jener ätzenden Beispiele, bei dem man immer kaum glauben kann, dass diese Leute gleichermassen das neue Medium nutzen (lassen) und dessen Konsequenzen bei der Frage nach Urheberrechten die alten Zeiten durchprügeln wollen - als würde dieses Medium nichts daran geändert haben. Manchmal hoffe ich noch, es kommt der Tag (vielleicht mit weissem Ritter) da stürzen all diese rechtlichen Gebäude wie Kartenhäuser in sich zusammen, weil sie einfach nicht mehr funktionieren. Das Ganze ist so ähnlich wie das gleichermassen aus der "Kommunikation" (ehemals Werbung) von Unternehmen bekannten Phänomen der Slogans bzw. Textmarken. Man darf sie ohne murren in sich hineinkommunizieren lassen, aber rauskommunizieren - sprich als öffentlich wirksame Sätze benutzen - darf man sie nicht - da sei das Gesetz vor! Immer nur rein - aber nix raus. Biologisch - also stoffwechseltechnisch - betrachtet wäre das der reinste Wahnsinn! ;)

bhlogiston [TypeKey Profile Page] | 04.07.08

 

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