Christoph Bannat | Kritik

Silke Wagner

Silke Wagner - Neueröffnung n.b.k.
Neuer Berliner Kunstverein
5. Juli 2008


Ausstellungsansicht

Eröffnung gelungen. Und das ist wörtlich zu nehmen. Der Neue Berliner Kunstverein, mit dem Wechsel des künstlerischen Leiters nun in Kleinbuchstaben n.b.k. genannt, öffnet sich. Zu sehen ist, was in ihm steckt. Die Frankfurter Künstlerin Silke Wagner (geb.1968) hat dafür im Videoarchiv des n.b.k., das über 1000 Arbeiten umfasst, recherchiert.


Ausstellungsaufbau

Unter anderem hat sie Videos von Martha Rosler, Vito Acconci, Peter Weibel, Valie Export, Eduardo Paolozzi ausgewählt – und eines von sich. In ihrem eigenen Video zeigt sie ein zeitgenössisches Publikum, das einem Vortrags- oder Seminartext aus den 60er/70er Jahren zuhört. Die anderen Arbeiten sind um die Zeit der Gründung des Kunstvereins, 1970, entstanden. Präsentiert werden sie in Silke Wagners Arylglas-Stecksystem Namens "Roland". Beleuchtet wird alles von gesampelten und kopierten Neon-Emblemen und -Sprüchen von (Bürger-)Bewegungen der 60er und frühen 70er Jahre; Anti-Atomkraft- und Ostermarschbewegung, Woodstock, die Situationistische Internationale oder die Weatherman Underground Organisation. Das Stecksystem als dienstleistendes Möbel, so könnte man es deuten, versinnbildlicht was der Kunstverein sein möchte: Beweglich, flexibel und transparent. Damit bebildert es die Vision des neuen Kunstvereinsdirektors Marius Babias. Tatsächlich wird die Lust geweckt, die Videoarbeiten neu zu entdecken. Im oberen Stockwerk des n.b.k. gibt es das System "Roland" noch einmal in Holz (heißt jetz "Ellen") für die Flachware der Artothek - Bilder zum Ausleihen.


Ausstellungsaufbau.

Zeitgleich mit der Eröffnung erscheint ein programmatischer Reader von Marius Babias: Kunst in der Arena der Politik – Subjektproduktion, Kunstpraxis, Transkulturalität, der die Kursrichtung des n.b.k. anzeigt. Marius Babias befeuert einen Kulturoptimismus, der sich einen Vermischungsprozess von Kultur und politischen Widerstand wünscht. Die beiden Felder sollen sich durchdringen und verstärken, bis sich ein Aktivismus als Kunstform bildet.

Damit pflegt Marius Babias die romantische Idee vom Einswerden – bei ihm von Kunst und Politik. Es ist wichtig Kunst zu Politisieren, kristallisiert sich dabei doch ein hoher Durchschnittswert an Wahrheit heraus, wenn man unter Politik ganz allgemein Intersubjektivität versteht. Und es ist hilfreich zu sehen, wann es ähnliche Versuche gab. In Zeiten, in denen für viele (junge) Künstler Bellini gleichbedeutend neben Beuys steht und alles irgendwie Vergangenheit ist. Doch unabhängig vom historischen und politischem Bewusstsein bleibt die künstlerische Geste und es geht Künstlern nicht nur um deren Zeichenhaftigkeit; die Politik verkünstelt bleibt fragwürdig. AktivistInnen, die sich für einen Streik von Lidl-Arbeitern einsetzen brauchen keine Künstler. Im Gegensatz zu Künstlern können diese wirklich scheitern gelingt es ihnen nicht eine Solidargemeinschaft zu bilden. Künstler aber scheitern nie solange sie Ausstellen. Und um diese Problematik auf eine allgemein menschliche Ebene zu heben: Politische Frustration entsteht bei Treue ohne Vertrauen, und Vertrauen ohne Treue. Religionen haben dies Verhältnis trickreich mit einem institutionalisierten Gottvertrauen gelöst. Vertrauen und Treue aber sind keine Größen für Künstler, es sei denn im Verhältnis zu ihrem Galeristen, oder wenn sie in Gemeinschaft arbeiten. Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt, beispielhaft für praxisorientierte, interventionistische und partizipatorische Kunstprojekte, das Gesamtwerk von Silke Wagner so ist eine gewisse „Treulosigkeit“ festzustellen. Einmal setzt sie sich für einen Spielplatz im Asylheim ein, dann geht es um mögliche Nistplätze für Fledermäuse, ein andermal geht es um Abschiebepraxis. Alles ehrenwerte Themenfelder und auch die politische Geste, im Sinne einer bürgerlichen Solidargemeinschaft, stimmt.


Ausstellungsaufbau, Silke Wagner.

Es war immer ein Verlangen von Künstlern eine bestimmte und bestimmende (Bild?-) Sprache wie sie in der Politik zelebriert wird, eine Sprache wie Geldverkehr, zu sprechen. So wie Künstler auch immer neidisch auf die physische Kraft von Pornos waren. „Ein Körper...“ beschreibt der Künstler Heinz Emigholz das Problem umfassender„... der nicht weiß was er will stört den Vertrag der Körper“,
Joseph Beuys ist der einzige dem eine Symbiose von Kunst und Politik gelungen ist. Heute bleibt die Frage, warum seine Strahlkraft nicht über seinen Tod hinaus Wirkung zeigt? Ein Grund ist wohl, dass sich ein Großteil seiner Macht aus der Bedeutung das 2ten vatikanische Konzils ( 1959-62) und dem daraus resultierenden Machtvakuum speiste. Macht sucht sich eben immer einen Körper. Oder, um mit dem begnadeten Selbstverhinderer Vlado Kristl zu sprechen: Hoffentlich fällt die Macht eines Tages allen Menschen auf den Wecker.

Christoph Bannat, 07.07.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

So eigenwillig wie Grammatik und der im Verlauf des Beitrags zunehmende Verzicht auf Kommas sind auch die waghalsigen Verallgemeinerung im letzten Teil des Wagner-Textes (Hervorhebungen im Folgenden von mir).
"Es war IMMER ein Verlangen von Künstlern eine ... Sprache wie sie in der Politik zelebriert wird ... zu sprechen." Ach, war es das?
"So wie Künstler auch IMMER neidisch auf die physische Kraft von Pornos waren." Tatsächlich?
„Ein Körper... der nicht weiß was er will stört den Vertrag der Körper." Klingt eindrucksvoll und heißt was genau?
Die Verkettung origineller Thesen gipfelt in dem superlativen Knockout: "Beuys ist der EINZIGE dem eine Symbiose von Kunst und Politik gelungen ist."
Dies, werter Herr Bannat, ist - mit Verlaub - eine Frechheit gegenüber allen KünstlerInnen, denen sie EBENFALLS gelungen ist.
Anschließend fragen Sie "warum seine Strahlkraft nicht über seinen Tod hinaus Wirkung zeigt". Tut sie doch - man beachte die bemerkenswerte Menge von NachfolgerInnen.
Insgesamt finde ich den Beitrag anfangs interessant, später aber zu sprunghaft und grob, um Silke Wagners Arbeit gerecht zu werden. Das hat sie nicht verdient.

Charlotte [TypeKey Profile Page] | 13.08.08

 

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