Gastbeitrag | Kritik
Geisterschiff in Köln gesichtet
ARTrmx ist ein Kunstevent das vom 22. bis zum 31. August erstmals in Köln stattfindet. Ähnlich dem Celeste Kunstpreis wird ARTrmx durch die von den Teilnehmern erhobenen Gebühren zu einem erheblichen Teil finanziert. Eigentlich ist es natürlich so, dass derartige Veranstaltungen durch die große Zahl der ausjurierten, also allen Nicht-Teilnehmern, finanziert oder mitfinanziert werden.
Fairerweise muss man allerdings erwähnen, dass die Gebühr des Celeste Kunstpreises höher war und beispielsweise die Künstlerhäuser Worpswede mittlerweile auch eine, wenn auch etwas niedrigere, Bearbeitungsgebühr erheben.
Wie auch beim Celeste Kunstpreis haben die Veranstalter von ARTrmx es geschafft eine größere Anzahl von mehr oder weniger prominenten Juroren zu aquirieren die der ganzen Sache die nötige Seriosität verleihen. Mit dabei in der Jurydisziplin Street Art u.a.: Stéphane Bauer aus Berlin und der Hamburger Sammler Rik Reinking. In der Disziplin Malerei tritt unter anderem Gérard Goodrow, ehemaliger Leiter der Art-Cologne, an, für Videokunst Julia Scher.
Bence Fritzsche, Chefredakteur des Magazins atelier findet es reichlich merkwürdig, dass ARTrmx unter den oben beschriebenen Vorraussetzungen offiziell von der Stadt Köln gefördert wird. Im folgenden geben wir den Schriftwechsel zwischen Bence Fritzsche und dem Kulturamt der Stadt Köln wieder:
Sehr geehrter Herr Professor Quander,
wie wir feststellen konnten ist das Kölner Kulturamt und das Kulturdezernat ein Förderer des Kunstfestivals ARTrmx in Köln.
Wir halten Ihre diesbezügliche Förderung für höchst bedenklich.
Das Festival ARTrmx wird in der Hauptsache von Künstlerinnen und Künstler finanziert, die von einer "hochkarätigen" Jury ausgemustert wurden. Ein Vorgang, wie er in Deutschland in der Kunstszene nicht nur unüblich, sondern skandalös ist.
Wie Sie vielleicht wissen, jedenfalls wissen sollten, wurde jeder sich bewerbende Künstler von den Veranstaltern, dem Verein ARTrmx, um eine Bewerbungsgebühr von 40 Euro erleichert.
Künstlerinnen und Künstler gehören zu der einkommensschwächsten Berufsgruppen in Deutschland. Nach Erhebungen der Künstlersozialkasse (KSK) beträgt das Jahreseinkommen von Künstlern ca. 12.700 Euro, bei jungen Künstlern liegt das Jahreseinkommen weit darunter, meist sogar unter der Versicherungsgrenze der KSK, die bei 3.900 Euro liegt.
Bei seriösen Kunstpreisen, Wettbewerben, Ausstellungen und Kunstevents wird von den teilnehmenden oder sich bewerbenden Künstlerinnen und Künstlern selbstverständlich keine Gebühr verlangt. Im Gegenteil: meist erhalten die teilnehmenden Künstler Honorare, Preise, Stipendien oder Aufwandsentschädigungen, wie dies übrigens auch das Urheberrecht vorschreibt.
ARTrmx stellt sich mit seiner Bewerbergebühr ausserhalb der in der Kunstszene in Deutschland üblichen Usancen. Die Finanzierung des Festivals und der Veranstalter durch abgelehnte Künstler ist skandalös und höchst dubios, und einer Kunststadt, wie Köln es ist, nicht angemessen.
Es wäre wohl nicht ratsam, wenn sich Köln auf Kosten der Künstler als Kunststadt neu positionieren wollte.
Aufgrund der Bewerberzahlen haben sich über 400 Künstlerinnen und Künstler beworben. Mit den dadurch eingenommenen rd. 16.000 Euro finanziert sich u.a. der "gemeinnützige" Verein ARTrmx!
Künstlerinnen und Künstler sind auf Ausstellung ihrer Werke angewiesen, so dass sie häufig auch nach dem dubiosesten Angebot greifen. Diese Notsituation der Künstlerinnen und Künstler nutzen die Veranstalter geschickt aus, indem sie eine Berwerbungsgebühr erheben.
Da Sie die Interessen der Kölner Künstlerinnen und Künstler mit vertreten und sich für sie einsetzen, wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie uns Ihre Haltung zu Bewerbungsgebühren für Kunstevents in einem Statement ausdrücken wollten.
Mit freundlichen Grüssen
Bence Fritzsche
Chefredaktion atelier
Sehr geehrter Herr Fritzsche,
im Namen von Herrn Prof. Quander bedanke ich mich für Ihren Hinweis auf die Auswahlmodalitäten des Festivals ARTRMX COLOGNE VOL. 1. Ich kann jedoch Ihre Bedenken gegenüber einer städtischen Förderung des Projekts schnell ausräumen:
Die Erhebung einer Bearbeitungsgebühr für den bewerbenden Künstler bei Kunstfestivals ist durchaus üblich. Durch die Jury und das gesamte Auswahlverfahren entstehen dem veranstaltenden Verein erhebliche Kosten. Jeder Künstler, der sich bei ARTRMX beworben hat, konnte die Bedingungen, zu denen die Bearbeitungsgebühr gehört, nachlesen und musste Sie sogar offiziell akzeptieren. Das ist ein sehr transparentes Verfahren und somit nicht sittenwidrig. Außerdem ist die besondere Qualität von ARTRMX doch die kuratorische Offenheit des Konzepts für alle Künstler.
Sicherlich wäre uns auch ein Festival ohne Bearbeitungsgebühr, über die ich natürlich Kenntnis hatten, und mit Honorar lieber. Eine solche Entscheidung obliegt jedoch dem Veranstalter, mit dem ich das Vorgehen für die Zukunft sicherlich noch besprechen werde.
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag
Barbara Foerster
Stadt Köln - Der Oberbürgermeister
Kulturamt
Sehr geehrte Frau Foerster,
zunächst herzlichen Dank für Ihr Statement im Namen des Kulturdezernenten der Stadt Köln, das wir gerne so auch in ATELIER veröffentlichen werden.
Wir hätten uns natürlich noch mehr gefreut, wenn Herr Prof. Quander selbst zu den Ausschreibungskonditionen der "Biennale" ARTrmx unserer Zeitschrift gegenüber Stellung genommen hätte, insbesondere da er sich zu der ARTrmx-Ausstellung mit der Feststellung geäußert hat, er sehe eine Aufgabe der Kulturpolitik auch darin, junge Künstler nach dem Studium zu "unterstützen", denn zuvor habe man ja schließlich viel Geld in die Ausbildung investiert und könne "die jungen Leute dann nicht im Regen stehen lassen".
Die Künstlerinnen und Künstler haben ca. 16.000 Euro für ARTrmx aufgebracht, weit mehr also als die Stadt Köln selbst; und die grosse Mehrheit von ihnen ohne davon auch nur im Geringsten zu profitieren.
Bei ARTrmx werden etwa 400 Künstlerinnen und Künstler zunächst zur Kasse gebeten, die weit überwiegende Mehrheit der jungen Künstler geht schließlich nicht nur leer aus, sondern zahlt drauf. Ist dies nun im Sinne des Quander'schen "nicht im Regen stehen lassens junger Leute"?
Leider müssen wir Sie jedoch auch hinsichtlich der Usancen im Kunstbetrieb berichtigen: Eine Bearbeitungsgebühr für seriöse Biennalen und Ausstellungen ist in Deutschland absolut nicht üblich. Wie Sie und damit ja auch das Kulturamt der Stadt Köln und der Kulturdezernent zu der höchst bemerkenswerten Beurteilung gelangt, dies sei in der Kunstszene Normalität, bleibt Ihr Geheimnis. Eine etwas bessere Kenntnis der Usancen im Kunstbetrieb dieses Landes sollte man doch von den Verantwortlichen einer "Kunststadt" erwarten dürfen.
Dass dem Verein durch die Ausschreibung erhebliche Kosten entstehen ist bekannt, und dies dürften wohl auch die Verantwortlichen von ARTrmx vor der Konzeption dieser Veranstaltung gewusst haben. Seriöse Ausstellungsmacher jedenfalls kalkulieren dies im Vorfeld mit ein und suchen sich die entsprechenden Sponsoren.
Natürlich war auch den jungen Künstlern bekannt, dass sie für eine Bewerbung bei ARTrmx eine Gebühr zahlen müssen. Auch, dass die Bewerbungskonditionen bei der Bewerbung bekannt sind und auch von den Bewerbern akzeptiert werden müssen, ist keine besondere Qualität und kein Kennzeichen eines besonders transparenten Verfahrens, wie Sie dies nun darzustellen versuchen. Alles andere wäre wohl kaum in der praktischen Durchführung überhaupt möglich.
Auch eine von Ihnen nun erwähnte besondere "kuratorische Offenheit des Konzepts" klingt eher nach vereinsinternem Vokabular, denn als hervorragende Qualität, die diese Veranstaltung von ähnlichen unterscheiden würde.
Was tatsächlich den Unterschied zu seriösen Ausstellungen ausmacht, haben wir Ihnen schon ausführlich dargestellt.
Wir erwarten als Kölner Kunstverlag, dass die Verantwortlichen der "Kunststadt" Köln sich entweder von dieser Veranstaltung distanzieren oder ihre finanzielle Förderung der Veranstaltung entsprechend aufstockt, damit den Künstlerinnen und Künstlern die Bewerbungsgebühr erstattet wird.
Mit freundlichen Grüssen
Bence Fritzsche
Gastbeitrag, 13.08.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
Kunst-Blog.com, Copyright 2005-08. Alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.
Kommentare
liebe kunstfreunde,
tja es kommt noch viel dicker als man denkt.
nachdem die 40€ bezahlt wurden, die jury einen ausgewählt hat bekommt man am ende die im programm erwähnte tankstelle nicht, sondern wird vom kunstdienst "suspendiert".
denn: hier werden "ungewöhnliche orte" angepriesen (denen auch noch 100€ rausgeleiert), doch über off space und wahlweise friseur oder hotel gehen diese aktivitäten der suche nach "ungewöhnlichen orte" nicht hinaus.
danach wird der rest den künstlern überlassen und man kann sich der studierten propagandaarbeit widmen.
einer der ungewöhnlichsten orte wäre die FIT freie internationale tankstelle in der moselstr. gewesen.
doch diesen hat man nicht geschafft in 4monaten hinzubekommen.
natürlich wurde wohl nie ein gedanke daran verschwendet das man für so eine aktion vielleicht auch mal was zahlen muss. (miete tanke.....)
noch besser: die veranstalter waren so naiv zu glauben mit dem druck des programmhefts auch den druck auf den "Locationsponsor" zu erhöhen.
während eine geleckte vernissageparty mit shuttle und pipapo +eine party mit eingeflogenen chicks on speed organisiert wird, latschen die künstler in den baumarkt um von ihrer kohle farbe+lampen zu kaufen da mit z.b diese grosstönende "rheinlandhalle" halbwegs zur ausstellung taugt.
bei nachfragen auf materialkostenzuschuss werden die künstler auf die AGB hingewiesen.
unterschrieben ist unterschrieben da helfen keine pillen.
mag sein das künstler total glücklich mit ihrer teilnahme an dieser ........ waren und sind. doch für welchen preis ? material,fahrtkosten,unterkunft, kostenloser haarschnitt? okay ein ganz dolles dina6 heftle jibts och noch.
dürfen eigentliche 2 medienmädchen so was organisieren obwohl sie von kunst (+dem umgang mit uns) rein nichts verstehen ?
ja sie dürfen. sie selbst sind der " Marktplatz der Werbeschreier, Digitalschausteller und Politgaukler ....... zwischen unzähligen kommerziellen Möglichkeiten."
und der künstler macht auf jeden fall mit (....danach werd ich aber ganz bestimmt reich und berühmt).
apropo R&B: ich muss jetzt aber mal arbeiten..........
fortsetzung folgt !
d.zendt
| 28.08.08
Schreiben Sie einen Kommentar zu »Geisterschiff in Köln gesichtet«
Danke für Ihre Anmeldung,
.
Sie können jetzt Ihren Kommentar schreiben. | Abmelden