Michael Reuter | Essay

„Als ich euch verlies, war ich euer Schüler, nun bin ich der Meister“


Portrait HS_by Philip Sdarr

Auf der Flucht vor weichgespülter Flachware stolperte der Rezensent auf der diesjährigen Art Cologne in der Koje der Galerie Fiebach&Minninger über beglückend Wüstes. Geboten wurde ein Konvolut von Arbeiten des 1983 geborenen Henning Straßburger. „YOU LOOK LIKE SHIT. IS THAT STYLE NOW“ war leider schon weg, „F*** ME I´M FAMOUS“ für ambitionierte 4.800 € noch im Angebot. „Parolenbilder“ mit neongreller Schrift und verwischten, abstrakten Übermalungen, garniert mit kleinen Collagen aus figürlichen Zeitschriftenschnipseln. Was die Brieftasche nicht hergibt, wandert zumindest auf die persönliche Watchlist, und wie der Zufall es wollte, bespielte der Künstler Ende Mai den „gez. – raum für urheber“ in Stuttgart.


You look like shit

Straßburger lebt den Künstlerhabitus. Im hellen Sommeranzug gibt er einen kräftigen Kontrast zu seiner groben Malerei. Nach einigen Jahren an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach/M. bei Adam Jankowski folgte er 2005 dem Ruf des Herzens und der aggressiven Jugendlichkeit an den Hof von Daniel Richter nach Berlin. Die Bilder dieser Zeit rotieren dann auch um die rotzige Sponti-Attitüde des Meisters. Saufen, Demos, Punks, Tattoos. Richter wird von seinen Studenten vergöttert, aber Straßburger nicht richtig warm mit ihm. Als Albert Oehlen in Basel seinen Weg kreuzt, ist der nächste Schritt schnell getan. Düsseldorf ist auch schön und so viel ändert sich gar nicht. Mit dem neuen Lehrer kann man sich besser unterhalten und „böse Bilder“ malt Oehlen auch, neuerdings in Zusammenarbeit mit dem Kunstberserker Jonathan Meese.

Zurzeit läuft im MUMOK in Wien die Ausstellung „Bad Painting – good art“. Gezeigt werden Positionen, „deren 'Badness' – dem breiten Bedeutungsspektrum des Begriffs entsprechend – sich in verschiedenen Strategien eines schlechten, hässlichen oder bösen Malens manifestiert und dabei Elemente der Ironie, des Protests, des Trash, des Kitsches und des Schocks enthält“.1 Der Pressetext skizziert auch das eigentliche Problem: „Bad painters bekennen sich eindeutig zur Malerei.“ – und das ist eindeutig zu wenig. Ein gesellschaftskritisches Moment taucht gar nicht auf, obwohl das von der Kritik stets mitbehauptet wird.

Kritik formuliert sich für die Maler allenfalls gegen die „Schönheit“ in der Kunst. Die „Neuen Wilden“ protestierten gegen den abstrakten Expressionismus. In den 80er Jahren hypten Künstler wie Oehlen, Kippenberger und Büttner. Mit ihrer „schonungslos alles und jedes infrage stellenden Herangehensweise zogen sie dabei nicht zuletzt gegen die oft nur als allzu einfache „gute Malerei“ zu Felde, die damals allerorts boomte“.2 Heute berufen sich junge Künstler gerne auf Philip Guston als den Hausgott des malerischen Ungehorsams. Die letzte Ausstellung der Villa Merkel in Esslingen „5000 JAHRE MODERNE KUNST - Painting, Smoking, Eating“ berief sich ausdrücklich auf seine geistige Führerschaft in den aktuellen Unterströmungen der Malerei.


Trinker

Wenn da nur nicht diese bedauerliche und totale Abwesenheit des Utopischen wäre. Roger Behrens schreibt zu den Arbeiten von Albert Oehlen: „Sein einstiges politisches Engagement für die Kunst hat sich nicht zu einem künstlerischen Engagement für die Politik verwandelt, sondern zu einer nihilistischen Absage an die Politik durch die Kunst. Die Provokation, die Oehlen gerne hätte, verharrt im selbstherrlichen Gestus der Empörung. Nirgends ist es leichter, sich den Anstrich des Radikalen und Engagierten zu geben, ohne Folgen zu zeitigen, als in der Kunst.“3

Straßburger folgt auch in Düsseldorf dem kreativen Input seines Lehrers. Die Bilder werden wolkig, er arbeitet mit Text, Elementen der Collage und fahrigen, spontanen Übermalungen. Manchmal schafft er so vier Bilder am Tag, mal entsorgt er reihenweise Leinwände in die Tonne. Spontanität macht viel Arbeit. Sieht man sich im Netz die Ausstellung von Oehlen in der Thomas Dane Gallery4 oder der Secession5 an, werden die Einflüsse zwischen Schüler und Meister deutlich. Dabei gelingen Straßburger kraftvolle, ausdrückliche Werke, wie „Lombardo Island“ oder die „Parolenbilder“. Aber warum fühlt man sich in der zeitgenössischen Kunst wie in einer endlosen Zeitschleife?


Lombardo Island

In zähen acrylisch-öligen Wellen spült Protest auf Protest an die abgeschliffenen Klippen des Kunstdiskurses. Der Anspruch ist seit Generationen der gleiche: Bei Null anfangen und die ganze Sache neu aufrollen. In Straßburger reinkarniert diese Protesthaltung zum nächsten Gefecht. In Ermangelung politischer Visionen wird die eigene Körperlichkeit unter Zuführung von Hochprozentigem auf ein protesttaugliches Level angehoben, um malerisch mal so richtig abzukotzen. Seine Arbeiten stehen vor der Bewährung: Verharrt die Kunst in wütend-ohnmächtiger Illustration der Verhältnisse oder gewinnt sie einen politisch-gesellschaftlich relevanten Kern hinzu?

Stephanie Heckmann konstatierte bereits 1998 in der Berliner Zeitung zu einer Ausstellung Oehlens mit Computercollagen: „Die vermeintlichen Tabu-Brüche gewollt ‚schlechter’ Malerei, die in den Achtzigern noch schockierend, frech oder erfrischend gewirkt haben mögen, sind heute allenfalls historisch interessant, als künstlerische Strategie taugen sie jedoch nicht mehr. Vorgeführt wird nur einmal mehr die völlige Beliebigkeit der Zeichen, der sich die Geste des Schocks längst eingegliedert hat. Die Bilder sind daher auch kein ‚Ort der Diskussion’, sondern verschaffen dem Betrachter allenfalls ein kurzes Amüsement, um dann, als belanglos empfunden, leichthin vergessen zu werden.“6

Auf zum Ort der Diskussion! Aber die alten Meister bitte nur als Referenz im Kopf! Als Vorhut an der Malerfront sind sie nicht mehr zu gebrauchen.

Arbeiten von Henning Straßburger finden sich ab 14.09. im SIKS Frankfurt und ab 29.08. im Grassereins Projektraum München.

The Story Continues.






Anmerkungen



1 http://www.mumok.at/fileadmin/files/Presse/2008/bad_painting/PT_Bad_Painting_D_def.pdf

2 Ebd.

3 http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Utopie_kreativ/62/62Behrens.pdf

4 http://www.thomasdane.com/

5 http://www.secession.at/art/2004_oehlen_d.html

6 https://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/1998/0803/none/0026/index.html

Michael Reuter, 01.09.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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