Michael Reuter | Interview
Daniel Wagenblast: Stadtmöblierung mit Humor

Foto: © Ralf Spieß
Der 1963 in Schwäbisch Gmünd geborene Bildhauer Daniel Wagenblast hat sich in Stuttgart-Heslach eine ehemalige Kneipe zum Atelier umgebaut. Der Tresen, die Eckbänke und Stühle wurden mit Brecheisen und Motorsäge portioniert und zum Sperrmüll gestellt. Auf bescheidenen fünfunddreißig Quadratmetern klopft er nun wochenlang an seinen Holzfiguren. Mehr Platz braucht der Künstler nicht. Er arbeitet immer nur an einer Figur, die großen Stämme liegen im nah gelegenen Garten seiner Wohnung und dort macht er auch die groben Sägearbeiten. Die fertigen Skulpturen gehen gleich wieder raus, in Ausstellungen oder zur Gießerei. Wagenblast ist gut im Geschäft. Nicht zu provokant aber deutlich zeitgenössisch eignen sich seine humorigen Skulpturen ideal zur Stadtmöblierung.
Tobias Wahl schrieb in einem Katalog: „Früher oder später lieben die Leute in den Dörfern und Städten Wagenblasts Skulpturen, seine ruhigen, freundlichen Figuren, die über allem stehen, ohne dabei überheblich zu sein; (...) mutig, frei und dabei im wahrsten Sinne bodenständig. Vielleicht sehen sie sich ein bisschen so, die Schwaben.“
Kräftige, expressive, bunt bemalte Figuren mit Autos unter dem Arm, auf Weltkugeln sitzend oder auf Krokodilen reitend. Zu einer Ausstellung im Hospitalhof in Stuttgart präsentierte er vor einem Jahr einige Kleinplastiken aus Balsaholz, die sich mit den Themen Kirche und Gewalt beschäftigen. Ob man die Kombinationen von Kirchengebäuden mit Bomben, U-Booten und Flugzeugen nun als Realitätsflucht und Träumerei oder als kritischen Kommentar zum Gewaltpotenzial fanatischer religiöser Überzeugungen ließt, blieb dem Betrachter überlassen.
„Die Figuren sind immer ein Stück von einem selbst. Man muss sich entscheiden, was man sein Leben lang machen möchte. Wenn man hier aus dem Fenster sieht, ist doch fast jeder unzufrieden mit seinem Job. Ich hab eine 90-prozentige Übereinstimmung mit dem gefunden, was ich tun möchte.“ Relativ blauäugig habe er damals mit der Kunst begonnen, erzählt Wagenblast. „Als ich an der Stuttgarter Akademie Malerei studiert habe, stand der Geldgedanke nicht so stark im Vordergrund. Wir haben im Studium viel ausprobiert ... und viel Bier getrunken. Die Generation nach uns hatte schon den Markt vor Augen und ist sehr zielstrebig an die Kunst ran gegangen. Heute hat jeder im Kopf, wie viel der Gerhard Richter verdient und jeder weiß, was er später mal machen will.“

Foto: © Ralf Spieß
Doch nur im stillen Kämmerlein vor sich hin klopfen ist nicht wirklich förderlich für die Karriere. Der selbst finanzierte Katalog zur Ausstellung im Hospitalhof wurde als Werbematerial in eigener Sache an die unterschiedlichsten Museen in ganz Deutschland verschickt. Seine Galeristen können, bei allem Engagement, auch nicht alles finanzieren. Zusätzlich fährt Wagenblast mit seiner Frau, der Malerin Isa Dahl, jedes Jahr kreuz und quer durch die Republik, als Botschafter in eigener Sache.
Sein ruhiges Atelier ist ihm allemal lieber. „Ich arbeite konstant. Also eigentlich immer! Jetzt, mit den Kindern, sonntags auch mal nicht. Ich brauche relativ viel Zeit. Ein paar Wochen für jede Figur. Ich mache kein schnelles Kettensägenmassaker und dann kommt so ein ungenauer Scheiß raus. Das muss zwar so aussehen, als hätte ich die Figur in zwei Stunden fertig aber das ist ein langer Prozess, bei denen mann stundenlang klopft. Opern sind dabei nicht schlecht, die dauern drei bis vier Stunden“ berichtet Wagenblast und lächelt verschmitzt. Und seine Skulpturen lächeln verschmitzt zurück.

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Michael Reuter, 17.09.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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