Dirk Teschner | Kritik
Der Klub 500 und Napoleon
In Erfurt fanden Ende September Feierlichkeiten zum sogenannten Fürstenkongresse statt. Mit militärhistorischen Truppen in den Gassen der Altstadt, Kanonendonner auf dem Petersberg und überall Napoleon, Militaristen und Pferdescheiße. Eine welthistorisch unbedeutende Zusammenkunft von Gaunern und Kriegstreibern vor 200 Jahren wird aufgebläht und dafür wurden hunderttausende Euro verpulvert.
Derweil gewinnt die Debatte über die kulturelle Ausrichtung der Stadt, die Zurückhaltung von städtischen Fördergeldern an das Erfurter Kunsthaus, das fehlende Kulturkonzept und die mangelnde Förderung zeitgenössischer Kunst mehr an Fahrt.

Ausstellungsansicht Klub 500
Anspielend auf die Aussage einzelner Politiker der Stadt Erfurt, dass diese Kunst sowieso nur einen kleinen Kreis interessiert, gründet sich der Klub 500. Erste Aktionen waren eine Ausstellung von 55 Künstlern im Kunsthaus Erfurt mit dem Eintragen der ersten Mitglieder ins Klubbuch und einem öffentlichem Sekttrinken mit Opernmusik hinter der Krämerbrücke. Dort werden seit dem Sommer Punks von ihrem seit 25 Jahren gepflegten Treffpunkt mittels einer neuen Stadtverordnung vertrieben. Danach sind schon drei Personen, die öffentlich Alkohol trinken, eine "kriminelle Vereinigung".
Der Klub 500 richtete einen Blog ein: www.klub-500.de und lädt für nächsten Donnerstag unter dem Motto „Schatz, wir müssen mal reden.“ zu einem ersten Offenem Podium ins Kunsthaus ein. Dort sollen über ein Kulturkonzept und die Planung eines Kulturkongresses debattiert werden.

Ausstellungseröffnung Klub 500 im Kunsthaus Erfurt
Klub 500
Manifest
"Viele hundert Euro haben wir in diese Kunst- und Kulturprojekte gesteckt. Man darf nicht außer Acht lassen, dass diese Projekte nur einen kleinen Kreis interessieren."
Eins
„Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“
Thomas Morus (1478-1535)
Zwei
Kultur ist ein Grundbedürfnis des Menschen.
Seismographisch reagiert sie auf Dinge, bevor sie explodieren.
Sie ist Katalysator unseres Seins. Subjektive Selbstansichten und
Selbstbewertungen werden stets aufs Neue hinterfragt.
Wie Teile der Etablierten, leistet dies vor allem die nonkonforme
Kultur. Sie ist soziale Avantgarde, sich nach gesellschaftlicher
Assimilation ständig erneuernd.
Alles war Avantgarde.
Drei
Der Kub 500 sieht in Erfurt eine mangelnde Unterstützung
für aktuelle Tendenzen in Kunst und Kultur.
Die Rolle der zeitgenössischen Kunst und ihre Bedeutung für die
Gesellschaft wird zu wenig reflektiert. Stattdessen wird der Focus
auf historische Ereignisse gelenkt.
Erfurt mutiert zu einem Potemkinschen Dorf.
Vier
Der Klub 500 vereint Künstler, Kulturschaffende und
Kunstinteressierte aus allen Städten mit dem Ziel,
zeitgenössische Kunst und Kultur zu fördern.
Er versteht sich als Netzwerk, Plattform des Austausches und Lobby.
Der Klub 500 ist ein Anfang. Er will die Kommunikation innerhalb und außerhalb
der Zirkel intensivieren und Projekte aus allen Bereichen der zeitgenössischen
Kunst und Kultur entwickeln, unterstützen und durchführen.
Fünf
Der Klub 500 ist keine Organisation im herkömmlichen Sinne,
sondern eine Idee. Niemand außer den Handelnden ist für
Aktionen verantwortlich. Lauft schneller,
die alte Welt ist hinter Euch her.
Thomas Schmidt & Dirk Teschner
September 2008
Das Manifest des »Klub 500« from End Pilot on Vimeo.
Was will der Klub 500?
Verlautbarung Nr. 1 / 26. September 2008
Die wenigen zarten Pflänzchen der Erfurter Kulturszene stehen im Schatten, werden nicht ausreichend gegossen und jetzt steht auch noch der Herbst vor der Tür. Denkt man diese Tendenz zu Ende gibt es bald nur noch Weiß- und Rotkraut als Beilage.
Aber es gibt sie, diese Pflänzchen. Hier und dort sieht man sie, sich einzeln behaupten im trockenen, eisigen Wind der Erfurter Tiefebene. Hier möchte der Klub 500 intervenieren, den Nährboden bereiten und Sonne sein.
Der Klub 500 will die Kommunikation innerhalb der Kulturinteressierten unterstützen, befördern und anschieben. Er ist kein elitärer Verein sondern eine Plattform mit Kompetenz und Fachwissen. Sie soll durch kreative Bürger der Stadt mit Leben gefüllt werden.
Schnittmengen müssen erkannt und Synergien entwickelt werden.
Alle sind gefragt, ob Künstler, Kulturschaffende, Musiker, Architekten oder Kulturinteressenten.
Nieder mit den Konjunktiven – handelt jetzt!
Die Einnahmen werden für Ausgaben genutzt.
Einnahmen sind Mitgliedsbeiträge- einfache Mitgliedschaft 10 Euro/ Jahr, Fördermitgliedschaft ab 25 Euro/ Jahr- Die Einlagen werden zur Förderung des neuen geistigen und kulturellen Lebens in Erfurt verwertet.
Wir wollen alles – gebt uns mehr.
Darum!
Komm, lass dich knuddeln, du kleine Puffbohnen- Metropole. Nie wieder Monarchie! Ab mit den alten Bärten!

Klubmitglieder
Dirk Teschner, 29.09.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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