Michael Reuter | Region Stuttgart

Geisterstunde im Ländle

Mit den Medien der Malerei, der Fotografie und der Skulptur präsentiert der chilenische Künstler Cristóbal Lehyt im Künstlerhaus Stuttgart eine facettenreiche Installation: „Drama Projektion (The People of Stuttgart), 2008“.
Seine Arbeiten kreisen um die Frage, wie das eigene subjektive Empfinden mit kulturellen Prägungen, aber auch mit Projektionen und Erwartungen zusammenhängt.

Die zentrale Ebene der Installation versteckt sich in einem Raum im Raum, der nur durch ein kleines, auf Kinderaugenhöhe angebrachtes Sichtfenster einzusehen ist. Der Betrachter sieht das dämmerig rot beleuchtete, aus Hunderten von Einzelteilen bestehende Modell der Stadt Stuttgart. Kein architektonisch stimmiges Abbild, eher ein Echo von visuellen Erinnerungen. Lehyt nennt es ein „psychotisches Bild der Stadt“. Die Sichtachse führt vom westlichen Stadtgebiet hinüber zur Königstraße, ganz hinten ragen die Türme des Hauptbahnhofs aus dem trüben Licht. Die einzelnen Gebäude sind Materialklümpchen aus Papier, Plastik und anderen Abfällen, mit Gips versteift, die der Künstler auf seinen Spaziergängen gesammelt hat.

An den Außenwänden dieser Black Box findet sich als zweite Ebene der Installation eine Reihe von gezeichneten Porträts. Die im Original sehr kleinen, gruseligen Zeichnungen von Menschen aus Stuttgart wurden wandfüllend vergrößert und bekommen so eine starke physische Präsenz. Wie Gespenster kreisen die ausgezehrten und ihrer Individualität beraubten Gestalten um die verborgene Stadt. Die Arbeiten entstanden in einer Art automatisiertem, tranceartigem Zeichnen, ähnlich einer unbewusst hingekritzelten Telefonzeichnung.

Zwölf große Bildtafeln mit gemalten und fotografierten Eindrücken aus Chile, vor allem aus der großen Wüste im Norden Chiles, der „El Norte“, bilden den dritten Teil der Installation. Lehyt betrachtet die Tafeln als eine ständig wachsende „ImageBase“, die schließlich hundert Arbeiten umfassen soll. Aus diesem Pool wählt der Künstler für jede Ausstellung eine neue Zusammenstellung und öffnet so für sich und den Betrachter immer neue Assoziationsfelder.

„It´s true, but it’s also a cliché”, bemerkt Lehyt zu seinen Arbeiten. Sein Archiv transportiert die Erinnerungen eines Ortes, den er verlassen hat. Entspricht seine chilenische Sicht den visuellen Erwartungen deutscher Betrachter? Wie spiegelt sich die Erfahrung einer fremden Stadt, eines fremden Landes in seiner Installation wider? Wie funktioniert ein Bild über die Distanz zu seinem Ursprung? Und lassen sich Wahrheit und Klischee eindeutig voneinander abgrenzen?

Die Installation „Drama Projektion (The People of Stuttgart), 2008” ist noch bis zum 08. November im Künstlerhaus Stuttgart zu sehen.

Michael Reuter, 05.09.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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