Esther Ernst | wo ich war

GRAEME WILLIAMS - RUGA ATHI-PATRA - LAST ONE STANDING - MOYS ANTHEA - RITES OF FEALTY

 

GRAEME WILLIAMS
The Edge of Town
Galerie Artspace, Johannesburg
+ Vielleicht sind es keine Schnappschüsse, vielleicht sind es mühsame Kompositionen, oftmals aus dem Auto heraus geschossen, Zufälligkeiten, die Konzentration auf die flüchtigen Dinge des Johannesburger Alltags gerichtet.
Greame schafft es (wie auch immer), genau diese prägnanten Dinge, über die zumindest der Ausländer hier staunt, in derselben Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit wie sie hier einem in den Strassen begegnen, einzufangen. Oftmals sind es die irritierenden und toll kombinierten Ebenen von selbst gemalter Werbung auf Hauswänden, bedruckten Stoffen und Menschen in häuslichen Situationen oder denen, die sich ihr Leben auf Strassen eingerichtet haben, die in ihrer einfachen Vielschichtigkeit verblüffen.

 

RUGA ATHI-PATRA
...of bugchasers an watussi faghags
Galerie art extra, Johannesburg
+ Athi-Patra Ruga war letztes Jahr Stipendiat in der Schweiz, in Bern und zwar genau zu der Zeit, als gewählt wurde und die Schweizerische Volkspartei eine unsägliche Werbekampagne startete. Auf einem ihrer Plakate waren ein paar weisse Schafe auf patriotischem Untergrund gezeichnet, die versuchten, ein Schwarzes Schaf aus dem Bild zu schupsen, mit dem Slogan: Sicherheit schaffen. Das wurde in der Schweiz natürlich heiss diskutiert, schlussendlich durften sie aber hängen bleiben, wenige Monate später, hat es Christoph Blocher, Kopf der Partei, den Kopf gekostet... Dieses Plakat nahm Ruga, ein schwarzer südafrikanischer junger Künstler, als Ausgangspunkt für seine Arbeit, verkleidete sich als (schwarzes) Schaf, mit schlüpfrigen Netzstrümpfen und Plateau-Schuhen und lies sich damit in diversen Schweizer Regionen (Städte, Berge, Gletscher...) und Situationen fotografieren. Eine schwache Arbeit, wie ich finde, sehr dünn, Ideenkram halt eben.
Dieses Plakat allerdings in diesem Land wieder zu sehen, war schon einigermassen traurig und beschämend!



 

LAST ONE STANDING
Official Snowball Fight Association, Joubert Park Project
Drill Hall, Johannesburg
+ Es ist ein Kunstprojekt zwischen Sport und Spass, ein riesiges Event inmitten der Innercity von Johannesburg, inmitten eines sozialen Brennpunktes, einer sehr, sehr rauen und harten Gegend dieser Stadt.
Kunstschnee und Schneespezialisten werden angekarrt, ein Sandspielfeld aufgebaut, Regeln aufgestellt, Spieler und Schiedsrichter aus diesem Quartier herbeigezogen, Kostüme wurden geschneidert, ein Gospelchor singt Hymnen, ein TV-Star moderiert, Licht an, Musik an und los geht’s mit der Schneeballschlacht. Ich bin mit einem Taxifahrer, einem Mechaniker, einem Boxer, einer Soap-Schauspielerin und einem Drama-Studenten im Team und wir verlieren die erste Schlachtrunde haushoch, sind raus aus dem Wettbewerb.
Trotz des wahnsinnigen Aufwandes, den lustigen Ideen und all den Bemühungen, flutscht der Abend dennoch nicht, der Funke springt nicht zum Publikum über, die Zuschauer werden unruhig weil sie die Spielregeln und das Spiel nicht verstehen und wenden sich ab. Aus dem Quartier haben sich kaum welche aus dem Haus getraut, es bleibt ein Kunstevent für die Künstlerkollegen...


 

MOYS ANTHEA
Mary Fitzgerald Square, Johannesburg
+ Zum Anlass des "Women’s Day", an dem die hiesigen Frauenrechte gestärkt werden sollen, hat Anthea Moys (bekannt für ihre sportlichen Performances) einen weissen Frauengymnastik-Club aus irgendeinem reichen Vorort (?) auf einen zentralen Platz Johannesburgs geholt und führt mit ihnen eine Art Cheerleadertanz auf. Nur dass die Frauen alle mindestens 50 und längst nicht mehr so beweglich und längst nicht mehr so sexy sind...
Der Platz füllt sich schnell mit Zuschauern, die begeistert im Takt mitklatschten, während ich mich frage, wie denn diese Aktion zu verstehen ist? Machen sich diese grauhaarigen Frauen in ihren Glitzerkostümen nicht total lächerlich? Was ist Kunst an diesem, aus meiner Perspektive, abgründigen Dorffestaufführung? Was bedeutet hier eine solche Vereinnahmung eines öffentlichen Platzes?
Die Kontexte fehlen, wie so oft, und übrig bleibt ein wenig staunen, später frage ich nach, bekomme aber keine wirklich überzeugenden Antworten...


 

Rites of Fealty/ Rites of Passage
Bagfactory, Johannesburg
+ eine hübsch zurechtgemachte Frau steht mit einem Teddybär im Arm vor dem Tor des ehemaligen Fabrikgebäudes (jetzt Künstlerateliers) und singt: big girls don’t cry, zieht dann das Rollo des Tors hoch, während dahinter auf einer Kohlelandschaft ein schwarzer Performer Kohle über den Boden raffelt. Im Hauptraum des angesehenen Produktions- und Ausstellungsorts taucht ein Mann seinen Oberkörper in eine Wanne mit Milch und wird nach dem Auftauchen von einer Frau mit Blut und Honig eingerieben um dann wieder in die Wanne einzutauchen. Sehr expressiv und uralt (?). Irgendwo hört man Pingpong-Geräusche und steht dann vor einer weissen Wand mit sich dauernd bewegenden weissen Pingpongbällen, an Nylonfäden aufgehängt. Sehr fein und einfach, leider kann man der Performerin hinter der Wand beim Spielen zusehen... Wo anders windet’s und jemand macht schwimmende Bewegungen gegen einen Ventilator am Boden, farbige Fötzel überall, sie sagt irgendwas auf Zulu. So geht’s weiter von einer zur nächsten Performance, nicht besonders aufregend, nichts wirklich Bewegendes aber dennoch unterhaltend.

Esther Ernst, 03.09.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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