Markus Wirthmann | Kritik

ShContemporary 2008

Sie ist vorbei, die zweite Kunstmesse nach Schweizer Rezept in China. Eigentlich sollte sie ja ArtBasel Shanghai heißen – jedenfalls rein gefühlsmäßig (ich will hier ja keine Markenrechte ankratzen und mir ein paar Abmahnungen einfangen). Diesen Messen haftet mittlerweile genau so ein Franchising-Muff an wie früher mal Photo-Porst und heute Starbucks und McDonalds. Übrigens ist hier in Südostasien die Dichte der genannten Franchising-Unternehmen deutlich höher als in Europa – und lustigerweise natürlich auch deren Kopien.

Also zurück zum Messemuff: Sie haben´s erfunden, die Schweizer. Das stimmt zwar im Falle des Kräuterbonbons Ricola aber mitnichten bei den Kunstmessen. Die haben wir, die Deutschen, 1969 in Köln erfunden. Aber die Schweizer haben in Basel dann einige Zeit darauf die Mutter aller Kunstmessen installiert und sie mit Geld, viel Geld fertilisiert, dann massiert und gehätschelt bis die Muttersau trächtig und fett war. Dazu passt doch ganz gut die Schweineinstallation von Chen Wenling. Mit feist grinsender Fratze trohnt eine Muttersau über Ihren Ferkeln. Dem Hörensagen nach wurde die Sau alle Nase lang mit Chanel No. 5 bestäubt. Nun, am dritten oder vierten Messetag scheint dies nicht mehr nötig gewesen zu sein. Ich habe weder was davon gesehen noch gerochen. Das Schwein war übrigens Teil der Sonderschau Best of Discovery und diese das vielleicht einzig wirklich Sehenswerte bei dieser zweiten Auflage der Messe – abgesehen natürlich von dem spektakulären Ausstellungsbau, einem Messepalast in feinsten sozialistischen Zuckerbäckerstil. Ehemals ein Geschenk von Stalin an Mao.

Die eigentliche Messe gab sich steif und konservativ. Mehrheitlich wurde versucht, dem asiatischen Sammler Konventionelles anzudienen, entweder was Kalligraphisches, womit alles gemeint war, was aus hinlänglicher Entfernung nach asiatischer Grastapete aussah, oder es wurde gut abgehangene Ware präsentiert: Tony Oursler, schon letztes Jahr gern gesehen, Damien Hirst, Katharina Sieverding, Josef Albers, Gerhard Richter, natürlich Wim Delvoye, Ai Weiwei, spätestens nach der letzten Documenta in aller Ohren und vor allem in China auf jeder dritten Titelseite (nicht nur von Kunstmagazinen), Kounellis, Fabre, West, Gormley, Bourgeois, Haring undundund. Die asiatischen Händler schlugen zurück mit pseudoaufmüpfigem Chinapop oder Sinopriation-Art* á la Luo Brothers.

Zudem fehlte der Messe in ihrer Endphase (es ging schon stark auf das Mondfest zu, ein chinesischer Feiertag vergleichbar mit Ostern oder Weihnachten in Europa) das wuselige Publikum, das sich normalerweise vor jedem zweiten Kunstwerk zum Erinnerungsfoto in Positur wirft (und dabei selten Rücksicht auf westliche Konventionen nimmt: No no no! No touching the artwork!).

Best of Discovery barg noch ein paar Leckereien mehr. Zum Beispiel die Videoinstallation "Quintet Without Borders" von Ergin Çavuşoğlu und Konstantin Bojanov. Fünf Musiker spielen anscheinend gemeinsam ein Musikstück. Die einzelnen Bandmitglieder sind auf fünf Leinwänden gleichzeitig und nebeneinander zu sehen. Auf den ersten Blick eine konventionelle Inszenierung, bis auf die Tatsache, dass die Musiker mitnichten zusammen, sondern nur im gleichen Takt aber an völlig verschiedenen Orten parallel musizieren. Es bleibt zu vermuten, dass es nicht einfach sein würde, die sechs Musiker auf einer einzigen Bühne zusammenzubringen. Mal ausnahmsweise eine Arbeit zum Thema Mensch-in-südosteuropäischen-Krisengebieten, ohne dass irgendein Besserwisser mit seinem erhobenen Gutmenschen-Zeigefinger allzusehr herumfuchtelt.

Effie Wu ist mit der schön schrulligen Videoarbeit "Super Smile" vertreten. Die Kamera beobachtet sie in ihrer Wohnung in Berlin Prenzlauer Berg, wie sie ganz normalen Verrichtungen nachgeht. Ein extrem verkürzter Tageslauf vom Aufstehen bis zum Zähneputzen und zu Bett gehen. Alles ganz normal, bis auf die Tatsache, dass sie ständig penetrant Aufmerksamkeit heisschend in die Kamera lächelt, nein, grimassiert. Sie verrenkt sich den Hals, um auf keinen Fall den Kontakt zum Objektiv zu verlieren, sabbert sich während der Mundhygiene mit Zahnpastaspucke voll, um ja keine Sekunde aus dem Kameraauge gelassen zu werden. Eine hübsch unprätentiöse Parabel auf Medien, Ruhm, Geilheit und Kunst und vieles andere. Die örtliche Verschiebung fügt da noch einiges hinzu ... .

Die Sonderausstellung Outdoor Projects, wie der Name schon sagt draußen im Innenhof des Ausstellungspalastes, konnte mich an diesem Freitag nicht sonderlich begeistern. Gehört hatte ich schon, dass die Hauptattraktion, eine tätowierte Abordnung aus Wim Delvoyes Schweinefarm, kurzfristig und entgegen aller Absprachen dem Zensor zum Opfer gefallen waren. Vielleicht besser so, denn die massenhaft mit Louis Vuitton Handtaschenmuster und anderen Insignien der westlichen Dekadenz dekorierten Schweinchen haben schon die letztjährige Messe dominiert. Und Wim Delvoye kann es schnurz sein – in diesem Fall ist das Skandälchen bestimmt mehr wert als die Schweinepräsenz.

Apropos Zensur, zu diesem Thema ließe sich auch noch einiges sagen. Die westlichen Galeristen scheinen sich mit dem Thema und den örtlichen Usancen ja leidlich abgefunden zu haben – oder profitieren von den Bad News, die sich sprichwörtlich und mit Hilfe der Medien in Good News verwandeln lassen. So etwa beim Berliner Galeristen Michael Schulz, der ein großformatiges Gemälde von Huang He zeigte. Abgebildet unter anderem der große Steuermann Mao – und das geht nun mal gar nicht in China! Also wurde das Gemälde keusch teilabgeklebt und natürlich trotzdem – oder gerade deswegen – verkauft. Genauso im Falle von Urs Meile, der eine Bronzeplastik von Li Zhangyang zurückziehen musste und sie natürlich auch trotzdem verkauft hat. Dito bei Delvoye und seinen Schweinchen, und wahrscheinlich gab es noch einige Fälle mehr, die nicht derart gut medientechnisch ausgeschlachtet wurden wie die genannten Fälle. Da müssen die Galeristen gegebenenfalls noch nacharbeiten.

Rumpelnde industrielle Ölförderpumpen rumpelten aus unerfindlichen Gründen an diesem verregneten Tag auch nicht mehr, und ein, mit einer schwarzen Wolfssilhouette bedruckter zigarrenförmiger Ballon hing halbschlaff in den Seilen. Nur der ständige nervende Düsenlärm, eine Soundinstallation von ... (von wem eigentlich, kann mir mal einer auf die Sprünge helfen?) konnte mich nach einiger Zeit aus der Kaffeelethargie reißen. Der Schall war offensichtlich mit einem sozialistischen Himmelsstürmer assoziiert, der die zentrale Freitreppe im Hof zierte und so anschaulich die Hoffnungen sowohl der Messemacher als auch der chinesischen Raumfahrt illustrierte.

*Die chinesische Variante der Aneignungskunst: Sino-Appropriation-Art, auch SAA

Markus Wirthmann, 21.09.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

Kunst-Blog.com, Copyright 2005-2010. Alle Rechte vorbehalten.

Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.

 

Kommentare

Schön das Bild der Stadt Shanghai. Und wie hat die Stadt auf die Messe reagiert?

P.S.: Kommas gibt es nicht mehr oder?

thw [TypeKey Profile Page] | 22.09.08

 

Für die ganze Messe kann ich das nicht sagen. War nur am Freitag dort und die Situation kann man ja ganz gut anhand der Bilder beurteilen. Letztes Jahr jedenfalls war deutlich mehr los.

Die Shanghai-Biennale jedenfalls war brechend voll und dort wuselten eben auch massenweise jene sich-fotografieren-lassenden Shanghaier herum. Aber davon in den nächsten Tagen mehr - falls es meine Zeitplan hier erlaubt.

PS.: Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Rechtschreibregeln um sich werfen, gell Thomas?

Wir hättenn aber auch nichts dagegen, wenn Du uns beim Überprüfen der Seiten ein bisschen unter die Arme greifen würdest. Wir können dringend noch freiwillige Mitarbeiter gebrauchen.

Markus Wirthmann [TypeKey Profile Page] | 22.09.08

 

Schreiben Sie einen Kommentar zu »ShContemporary 2008«




Automatisch anmelden?