Michael Reuter | Interview

Christian Jankowski. Ein Sonnyboy im Kunstmuseum Stuttgart

„Hula-Hoop und Karaoke im Museum, Teleshopping auf der Kunstmesse oder Kochshow im Kunstverein“. Die offizielle Verlautbarung zur Ausstellung von Christian Jankowski im Kunstmuseum Stuttgart klingt arg nach Mainstream. Dazu ein Sonnyboykünstler, Prof an der Stuttgarter Kunstakademie und weltweit gefragter Video- und Performancekünstler, der auf einem Schreibtisch Handstand macht. Was für ein Mist! Aber immer langsam. Ich bin durchaus lernfähig und halte die Ausstellung mittlerweile für echt gelungen. Ob Janko sich einem Fernsehprediger vor die Füße wirft, mit Pfeil und Bogen zur Nahrungsbeschaffung in den Supermarkt geht, oder per Losverfahren die Mitarbeiter des Stuttgarter Kunstmuseums zum Arbeitsplatztausch nötigt... das hat schon was! Er nutzt die Medienformate, die wir alle kennen und gibt nicht den Obertheoretiker, sondern verpackt seine Ideen in Aktionen, über die man freiwillig nachzudenken beginnt, weil sie eben nicht so kopflastig daherkommen. Und außerdem mag ich ihn, weil er mir ein Interview gegeben hat und weil im ersten Stock abgetrennte Körperteile liegen.

Wie fühlt man sich als erfolgreicher Künstler? Eher schwerelos, fremdgesteuert oder aufprallgefährdet?

Manchmal bricht alles über dir zusammen und manchmal denkst du, dass ist der schönste Beruf, den es gibt. Du bist der Sklave von allem, hast aber auch alle Freiheiten und kannst jedes Projekt machen.

Die Erwartungshaltung ist groß?

Klar, aber wenn die Erwartungen hoch sind, geben dir die Leute auch Platz zum Arbeiten und Orte, um die Arbeiten auszustellen.

Du lebst in New York, Berlin und Stuttgart. Wie hat man sich das praktisch vorzustellen?

Aus New York bin ich vor vier Monaten weggezogen. Ich war so viel auf Reisen, lebte ständig aus dem Koffer. Ich versuche, das etwas einzuschränken und lebe jetzt in Berlin. Im Semester bin ich jeden Monat für eine Woche hier in Stuttgart.

Ich dachte immer, du würdest als Videokünstler durchgehen. Aber du siehst dich eher als Performancekünstler?

Ich will mich nicht auf eine Richtung festlegen lassen. Ich glaube, man ist einfach nur Künstler. Das Filmische liegt mir nah, der ganze Apparat des Sehens. Man arbeitet mit den Menschen im Dialog, macht was miteinander. Die unterschiedlichen Formate sind auch spannend. Auf welchen Ebenen funktioniert das Kino, das bildungsbürgerliche Fernsehen, die Überwachungskamera, die Werbung....

In deiner Arbeit „Telemistica“ für die Biennale Venedig 1999 hast du verschiedene italienische Fernsehwahrsager angerufen und sie zu deinen Erfolgsaussichten befragt.

Ich wollte erst eine Blutsbrüderschaft mit Pierre Brice machen. Aber der hatte keine Lust, obwohl ich Aids-Test und alles vorweisen konnte. Dann saß ich in Venedig im Hotelzimmer, noch vier Wochen bis zur Eröffnung der Ausstellung und eine Woche vor Abgabe der Katalogseiten. Da habe ich im Fernsehen diese Wahrsager gesehen. Die verzweifelten Anrufer, die fragten „Liebt mich mein Freund noch?“ oder „Kriege ich einen Beruf?“. Alles fundamentale und bewegende, authentische Fragen. Ich konnte mich da einreihen: „Wird mein Werk gelingen?“, „Werde ich Erfolg haben?“

Von welchen Bildern, von welchen Vorbildern bist du beeinflusst worden?

Von Dan Graham bis zu „Versteckte Kamera“. Es gibt für mich keine richtige Wertung zwischen High und Low. Wann ist etwas radikal oder salonfähig? Wann ist es Trash oder Kunst? Das sind gesellschaftliche Übereinkünfte. Und dann stellt jemand ein Pissoir in eine Ausstellung und alles ändert sich. Mich interessiert der Bruch der Sehgewohnheiten, wenn aus Trash Poesie wird.

Du hast auch einige Arbeiten aus dem Horrorgenre in der Ausstellung.

Das schöne am Horrorgenre ist: Du kannst alles machen. Du begibt dich auf eine fantastische Ebene mit Vampiren und Werwölfen. Lass dich auf dieses Vokabular ein und du bekommst unendliche Möglichkeiten. Es geht um Körperteile, Körpererfahrungen, unmittelbar physische Reaktionen, auch im Publikum, das sich ekelt oder sich abgestoßen fühlt. Das gibt es natürlich auch in anderen Genres, zum Beispiel in der Pornografie. Einer meiner Lieblingsfilme ist „Dawn of the Dead“ von George A. Romero. Wenn die Zombies als „Konsumenten“ tranceartig durch das Einkaufszentrum wanken... - dass hat schon was herrlich Absurdes.

Als subversiv und anarchistisch werden deine Arbeiten beschrieben. Aber sie wirken doch ganz friedlich und humorig, nicht so, als wolltest du jemandem in die Fresse hauen.

Meine Arbeiten gehen schon an die Grenzen. Die neue Arbeit „Dienstbesprechung“ zum Beispiel, die hier im Kunstmuseum entstanden ist. Das sieht alles so locker aus, war es aber gar nicht. Es gab auch viele Widerstände. Es geht mir immer darum, die Leute zu provozieren, weiter zu gehen als sie normalerweise gehen würden. Daraus entsteht ein Dialog, eine Diskussion und schließlich ein Kompromiss. Das sind formgebende Elemente meiner Arbeiten.

Warum spielst du in vielen deiner Videos selbst mit?

Ich komme aus der Tradition der Performance. Der Mensch ist Material der Kunst und die Künstlerrolle ist nicht beliebig austauschbar. Es wird oft geschrieben, ich würde den Leuten den Spiegel vorhalten. Ich sehe mich aber durchaus selbst als Teil der Spiegelung.


Die Ausstellung „Christian Jankowski“ ist bis zum 11. Januar 2009 im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen.

Das Interview erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 63, Oktober 2008.


Michael Reuter, 13.10.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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