Gastbeitrag | Kritik

Auf des Messers Schneide

Werke aus der Sammlung J+C Mairet
von Hugo Boadas

Das Polizeifoto zeigt die Anarchistin Germaine Berton, die den royalistischen Propagandisten Marius Plateau ermordet hatte. Dieses Foto wurde für eine Fotomontage in der Nr. 1 der Zeitschrift »La Revolution surrealiste« (Dezember 1924) verwendet. Um das Fotos waren die Mitglieder der Surrealisten gruppiert Darunter stand der Satz Baudelaires: »Die Frau ist das Wesen, das den größten Schatten und das größte Licht in unsere Träume wirft.« (aus dem Nachlass Breton in der Sammlung Mairet).

Es gibt verschiedene Arten von Kunstausstellungen: Solche, die von Ausstellungsmachern kuratiert werden, solche die von Museumsleitern veranstaltet werden, solche, die in Galerien stattfinden, solche, die Künstler in eigener Regie veranstalten und dann auch solche, die von Sammlern gemacht werden, wie die von Jean Mairet, von welcher im folgenden gesprochen wird.

Allen ist gemeinsam, dass Kunstwerke von Künstlern ausgestellt werden und es ist interessant zu fragen, was einen Künstler mit dem Aussteller verbindet, denn schließlich transportiert dieser durch die Ausstellung dessen Kunst zu einem eher zufälligen und unbekanntem Publikum.

Was den Künstler mit dem Galeristen verbindet, ist der Broterwerb. »Arbeiten, um zu leben, so sagte Duchamp zu Cabanne, ist meiner Meinung nach im Blick auf die Ökonomie ein bisschen idiotisch.“ Bekanntermaßen hatte er mit Galeristen nichts zu tun! Was den Künstler mit dem Kurator oder besser gesagt mit dem Ausstellungsmacher verbindet, ist ein Machtverhältnis. Hier verbindet sich der Opportunismus mit Gefälligkeit und das Gefällige mit autokratischem Getue. Wie so etwas funktioniert, erfuhr Duchamp bereits in seiner ersten Ausstellung, in der die »Kuratoren“ Metzinger und Gleize von ihm verlangten, den Titel seines »Nu descendant“ zu ändern. Was nun den Künstler mit dem Sammler verbindet ist eine ambitionierte Suche im Tohuwabohu des Lebens. Und hier traf Duchamp zu seinem Glück auf Arensberg, einen Suchenden nach einer eigenen Sprache, zu der er selbst eifrig Versuche machte. Aber gefunden hatte er mit Duchamp einen Komplizen und Anreger.

Nicht, dass sich Sammler und Künstler einig wären; und schließlich gibt es auch noch die Motten, die um das Licht kreisen, weil auch Geld und Freundschaft im Spiel sind. Im glücklichen Fall verbindet den Sammler mit dem Künstler eine Komplizenschaft. Diese besteht in den gemeinsamen Fragen, wie sie auch Mairet stellt: »In welchem Moment kippt eine Situation ins Absurde um, wird für den Einzelnen oder die Gesellschaft bedrohlich? Wo befinden sich die Grenzen des guten Geschmacks? Die Welt, die uns umgibt, verwandelt sich. Sie kann poetisch verklärt, verunsichernd, beängstigend oder unverständlich werden.“ Und daher stellt Mairet die Auswahl der künstlerischen Arbeiten aus seiner Sammlung unter das Motto: »Auf des Messers Schneide“ wie eben auch jedes Leben eine Gratwanderung ist. Nicht dass Kunst und Leben eins wären - aber bei Mairet ist es so, dass er in den Sprachen der Kunst, wie er sie in den Kunstwerken vernimmt und aufnimmt und für sich versteht, die Sprache findet, die ihm sein Erleben auszudrücken erlaubt, was er sonst nur stammeln kann. Den sehr präzisen Sinn und Zusammenhang in der Präsentation der hier ausgestellten Arbeiten erschließt uns Mairet durch seine engagierte Führung, Er ist der zwanzigste Künstler dieser Ausstellung, denn er zielt nicht darauf ab den 45 Arbeiten gerecht zu werden, sondern er benutzt sie als Elemente für seine eigene Gedankenwelt, er entnimmt ihnen die Ausdrücke, die er selbst nicht zu finden vermag für das, was ihn im Innersten bewegt. So werden die Werke der Sammlung zu Elementen eines kommunikativen Austausches, die darin ihre Daseinsberechtigung finden: Nicht Meisterwerke zu sein, sondern ephemere Momente. Und nur für diesen flüchtigen Moment ihres Durchgangs in einem Gedanken können sie den Anspruch auf eine Wahrheit beanspruchen. Und dies ist der glückliche Augenblick einer Komplizenschaft.

Daher erscheint diese Ausstellung, die durch kein kommerzielles Interesse getrübt wird, als die eines Sammlers, der uns an seiner Welt in aller Bescheidenheit teilhaben lässt. Denn man mag die Arbeiten mögen oder nicht und die Sichtweisen Mairets teilen oder auch nicht, es gibt keine Lehrhaftigkeit und keinen Kult. Das einzige, was zählt, sind letztendlich die Arbeiten, die jeder für sich auch ganz anders verstehen kann, die aber tatsächlich ihre kommunikative Kraft durch den Sammler hindurch entfalten. Dies zieht der Besucher als Gewinn aus seinem Besuch.

Ein statisches Verständnis der hier ausgestellten Arbeiten gibt es sowieso nicht. Auch nicht für Mairet! Für ihn verändern sich die Aussagen der hier ausgestellten Arbeiten auch dadurch, dass sie neue Zusammenhänge bilden können mit anderen Arbeiten aus der Sammlung und durch neue Arbeiten, die dazugekauft werden. Die Sammlung ist für Mairet im ständigen Wandel weil die Elemente der Sammlung ständig neue Relationen eingehen und in neuen Gedankenwelten auftauchen. Der Werkcharakter dieser Sammlung ist grundsätzlich offen, so offen wie die Werke selbst nur sein können.

Auf des Messers Schneide
Werke aus der Sammlung J+C Mairet
12.9.2008 bis 2.11.2008,
Mi bis Sa von 14 bis 19 Uhr
Rudi-Dutschke-Str. 18
10969 Berlin

Gastbeitrag, 07.10.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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