Konstantin Schneider | BERLIN weekly

Crisis is just another word for Change

oder geht der Kunstmarkt in die Knie, dann bitte erst in Miami !

Also liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde, den BERLIN weekly vom BERLINER KUNSTKONTAKTER soll es jetzt tatsächlich auch hier beim KUNSTBLOG geben und diesmal bekommt Ihr ihn sogar gleich als Doppelausgabe.

Vielleicht stimmt Ihr uns ja gleich zur Premiere auch zu, wenn wir einfach mal so behaupten, dass der Verlauf von Schmerz- und Scherzgrenzen gegenwärtig fast identisch sein muss. Denn angesichts der gewaltigen Umschichtungen von wirtschaftlicher und sozialer Macht, die derzeit im Gange sind, wäre es doch gelacht, wenn nicht zwischendurch mal wieder diese ethymologischen Grunderkenntnisse zu Gewissheiten würden. Klar, die wahren Dimensionen unseres Epochenwandels zu erfassen, ist derzeit alles andere als leicht und wahrscheinlich werden wir sie deshalb auch erst im Verlaufe der nächsten Jahre erkennen können.

Diesmal noch sollen die Sammler in London ja angeblich recht tapfer zu den Künstlern gehalten haben, doch wurden die Verkaufsergebnisse auf der Insel wahrscheinlich nur angesichts der gegen Null tendierenden Erwartungen als gut bezeichnet. Riskiert wurde dort nicht mehr allzu viel, fast alles wurde reiflich überlegt. Wir z.B. hatten aber auch schon Mitte Februar entschieden, dass wir unser Londoner Quartier im diesjährigen Kunstherbst-Marathon in Wimbledon aufschlagen würden. Damals waren wir natürlich noch von vielen, vielen Assen ausgegangen, also direkt verwandelten Gewinnschlägen, welche ja seit Boris Becker für die Meister ihres Fachs zur reinen Routinesache geworden sind. Wer hätte im Frühjahr 2008 für Heuschrecken oder die Lehmann Brothers auch nicht alles gern seine Hand ins Feuer legen wollen?

Dass am 15.10.2008, also nur eine Woche nach dem Beginn der Kernschmelze an den Finanzmärkten dann aber natürlich alle einfach froh darüber waren, dass ihnen auf dem Centre-Court der FRIEZE knallharte Aufschläge erspart blieben, ist logisch. Klar konnte die FRIEZE immer noch wie gewohnt vorzüglich servieren, doch beim Return hat es Insidern zufolge schon ganz gewaltig gehapert. Viele Netzroller liessen jedenfalls von vornherein keine übertriebene Euphorie mehr aufkommen.

"Das Tempo sei jetzt eben einfach erstmal raus aus dem Markt", meinte z.B. Thaddeus Ropac in einem ARTNEWSPAPER INTERVIEW ( =>> http://www.theartnewspaper.tv/content.php?vid=243 ) am Tag nach der Eröffnung. Sandplatzspiel statt Rasentennis eben. Die Entdeckung der Langsamkeit, kulturell sicher eine Wohltat, wirtschaftlich jedoch für viele ambivalent, hatte ja auch bereits die Absage von zwei kleinen Nebenmessen (Bridge Artfair und Pulse London) zur Folge gehabt, was denen, die sowieso nie glauben, noch etwas Neues entdecken zu müssen, aber sicher ganz gut ins Konzept passte. Sollte wirtschaftlich allerdings wirklich demnächst das Ende der Gemütlichkeit auf den Spielplan gesetzt wird, dann helfen wahrscheinlich nur noch Gebete. In Berlin könnten sie sich z.B. so anhören: "Geht der Kunstmarkt in die Knie, dann bitte erst in Miami ! " Sollte es tatsächlich so kommen, dann wird sich Berlin vor Zuzüglern aus der Kunstwelt aber wohl trotzdem kaum noch retten können, da man schliesslich nirgendwo besser überleben kann, als bei uns. Und vielleicht wird das Geld, dass zur Rettung der Banken bereitsteht, derzeit aber offensichtlich aus Scham gar nicht abgerufen wird, ja doch noch direkt zur Belebung der Kunstkonjunktur verballert.

Den Amerikanern Mut macht derweil der britische Historiker NIALL FERGUSON. Das amerikanische Jahrhundert müsse noch lange nicht zuende sein, denn wer sogar seine Krisen erfolgreich exportiere, der könne nach dem freien Fall schliesslich auch als erster wieder aufstehen. Zwar sei es gut möglich, dass sich die jüngste Phase der Finanzkrise, die eine Rally in den Dollar erlebt, nur noch als ein letztes Aufbäumen erweise, ausserdem verurteile die Krise der Banken den Rest der US-Wirtschaft fast schon mit Sicherheit zur Rezession, doch folge man dem MSCI-Index, so sei der US-Aktienmarkt in diesem Jahr bis jetzt um weniger als 18 Prozent gefallen. Die Vergleichszahl für China lautet 48 Prozent, die für Russland - das am härtesten getroffene Schwellenland - 55 Prozent. Eine besonders gute Werbung für ein stärker reguliertes, staatlich gelenktes Wirtschaftsmodell, wie man es in Peking oder Moskau bevorzugt, seien diese Zahlen nicht. Auch der "Scheckbuch-Sozialismus" (abgekupfert beim Spiegel) eines Hugo Chavez ist angesichts des Preisverfalls am Ölmarkt nun wahrscheinlich obsolet.

Wenn das verlorene Vertrauen aber gerade die Schwellenländer zu Änderungen ihrer Politik zwingt, weil man verlorenes Geld leider nicht zweimal ausgeben kann, wird die Kernschmelze an der Wall Street wohl doch das Ende sehr vieler amerikanischer Träume bedeuten. (der ganze Artikel siehe =>>> http://www.welt.de/welt_print/article2607814/Das-amerikanische-Jahrhundert-ist-noch-nicht-zuende.html )

Wie gut also, dass Antje Blumenstein am 25.10. bei Martin Mertens für die Berliner bereits "die Hälfte des Himmels" auf die Erde geholt hat. Dass der unermüdliche Hans-Ulrich Obrist angesichts der ungeheuren Vielfalt künstlerischer Positionen für den von Frank Gehry gestalteten Pavillon der Serpentine Gallery einen Manifiesto Marathon organisiert hatte, von dem Sie bei uns natürlich die Abschlussperformance des geheimnisumwitterten Terence Koh sehen können. Nix zu bemängeln gab es auch bei unserem Abstecher in die Mommsenstrasse, wo uns Wen Chenbao mit seiner Ausstellung Epidemiology bei Michael Schultz eindrücklich an SARS und die Vogelgrippe erinnerte.

Gern liessen wir uns zudem von Herbert Volkmann bei Diehl davon überzeugen, dass immer Droge im Spiel gewesen sein muss, wenn Menschen übertrieben haben. Zu Nazi-Zeiten war mal Morphium das Wundermittel.


Nun denn, angesichts der Entschlossenheit der Teilnehmer am Asien-Europa-Gipfel (Asem) liegt der Markt künftig wohl doch eher in Eurasien und nicht mehr in Phantasien, wie man das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ja auch bezeichnen könnte. Man will jedenfalls "Washington den Marsch blasen" (siehe =>>> http://www.taz.de/1/zukunft/wirtschaft/artikel/1/der-usa-den-marsch-blasen/ ). Vielleicht wollen wir das zwar gar nicht einmal, sondern wir müssen, denn der lange Marsch durch die "Derivate" zerstört sonst all die Kräfte fürs Private. Lassen Sie sich aber um Himmels willen vor unserer Berlin-Woche jetzt nicht mehr die Laune verderben.

Übrigens scheinen wir in den letzten drei Jahren in Berlin ganz offensichtlich nicht allzu viel falsch gemacht zu haben, denn im Mai 2009 soll BERLINER KUNSTKONTAKTER zusammen mit catonbed endlich im deutschen Generalkonsulat in New York präsentiert werden, wo die jetzt alle ihr Berlin-Visum beantragen. Wir würden uns freuen Sie spätestens dann wieder bei bester Laune in Sichtweite der UNO begrüssen zu dürfen. Den genauen Termin werden wir Ihnen natürlich rechtzeitig kommunizieren.

Übrigens solltet Ihr an Tagen, an denen Euch angesichts so verdammt vieler Ungewissheiten die innere Unruhe piesackt ganz einfach ein Motto beherzigen:

Etwas weniger Übermut tut ganz sicher Allen gut. Ihr könnt euch aber auch einfach am Motto der aktuellen Brandeins orientieren, denn die in titelt ganz nonchalant mit "Keine Panik! Dies ist schon wieder nicht das Ende"

Herzlichst

Euer Konstantin Schneider


BERLIN weekly No. 42:


FRIEZE 2008 | pirate view/accidental selection
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4208/frieze15102008.htm

ZOO ART FAIR I | ROYAL COLLEGE
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4208/zooartfair19102008.htm

SCOPE LONDON | Lord's Cricket Ground
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4208/scope16102008.htm

RED DOT LONDON | The Radisson Edwardian Grafton Hotel
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4208/reddotlondon16102008.htm

KUNSTKONTAKTER KONKRET | RED DOT Founder George Billis im Gespräch mit Konstantin Schneider
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4208/reddotlondon_interview_georgebillis16102008.htm

Terence Koh | Manifiesto Marathon Finale | Serpentine Gallery Pavillon
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4208/terencekoh19102008.htm


BERLIN weekly No. 43:

Chen Wenbo | Epidiomology | Galerie Michael Schultz
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4308/michaelschultz25102008.htm

Antje Blumenstein | die Hälfte des Himmels | Galerie Martin Mertens
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4308/martinmertens25102008.htm

Herbert Volkmann | Die Morphinisten | Galerie Volker Diehl
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4308/herbertvolkmann24102008.htm

Valentin Magaro + Anna Gatjal | KFA-Gallery
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4308/kfa24102008.htm

Christoph Steffner | Filmmaschine 4 | ADK - Pariser Platz
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4308/christophsteffner23102008.htm

Dennis Rudolph | Der Heilige Krieg Teil II | Galerie Jette Rudolph
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4308/jetterudolph24102008.htm

Susanne Lorenz | eingerichtet | KUNSTPUNKT Berlin
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4308/kunstpunkt24102008.htm

Yukihiro Taguchi + Vladimir Kavaleer | FABRIC/K | Programm
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4308/programm23102008.htm

Axel Anklam | schultz contemporary
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4308/axel_anklam25102008.htm

Moritz Götze | National Gallery | Galerie TAMMEN
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4308/tammen24102008.htm

Leo de Munk | Neues Problem
http://www.berlinerkunstkontakter.de/flash/kw4308/neuesproblem25102008.htm


P.S.: Bis Mittwoch unbedingt durchlesen solltet Ihr den wunderbaren Bericht von Jörg Häntzschel über seinen Besuch im Atelier des Künstler-Superstars Jeff Koons, in dem der Entstehungsprozess seiner Arbeiten geschildert wird und es u.a. heisst:

"Insgesamt 100 Angestellte malen, schleifen, polieren, sprayen in den diversen Räumen des weitläufigen Studios am Westrand von Manhattan. Sie sprechen kaum, es gibt nicht viel zu sagen. Wenn ihr Chef Jeff Koons Gäste durch die Räume führt, senken sie schüchtern die Köpfe. Es ist, als schütze sie allein die Soundblase, in die sie ihr Kopfhörer taucht, vor der Scham des frühindustriellen Arbeiters, der vom Fabrikdirektor ausgewählt wird, um dem Besucher die neuesten Prototypen zu demonstrieren."

http://www.sueddeutsche.de/kultur/509/315401/text/


Da wir Paris kurzfristig von unserer Tourliste streichen mussten (kein Hilton - kein Paris), verweisen wir Euch gerne auf die Kollegen von Artivi, die sich in unseren so unsicheren Zeiten natürlich gern den Sammlern anschlossen, mit ihnen sprachen und sie begleiteten

http://www.artivi.com/fiac/Collectors-tour-1-last.html


Auch nicht völlig verkehrt:

Kittelmanns Frankfurter Abschied

http://www.artsite.tv/0842kittelmann_interview.html


Und last but not least der politische Lesetip:

Wann kommt die Bankrott-Erklärung der Vierten Gewalt?

Susanne Härpfer 20.10.2008

Wir haben der Freiheit kein Preisschild gegeben

Ein Weltreich (die Sowjetunion) und ein Staat (die DDR) kollabierten im vergangenen Jahrtausend. Dieses beginnt mit der Bankrotterklärung der größten Banken. Wann gestehen Verlage und Sendeanstalten, dass sie nicht mehr als Informationsplattform für mündige Bürger in einer Demokratie dienen, als Kontrollinstanz der Mächtigen, als Vierte Gewalt?

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28962/1.html

Konstantin Schneider, 26.10.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

Kunst-Blog.com, Copyright 2005-08. Alle Rechte vorbehalten.

Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.

 

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar zu »Crisis is just another word for Change«

Danke für Ihre Anmeldung, .
Sie können jetzt Ihren Kommentar schreiben. | Abmelden



Automatisch anmelden?