Michael Reuter | Interview
Fluchtfahrzeuge und Abstandshalter. Die Skulpturen von Ingrid Hartlieb

Foto: © Ralf Spieß
Die drei größten Skulpturen hat Ingrid Hartlieb (64) zur Zeit bei der SkulpTour auf der Zollernalb plaziert. Parallel läuft eine Ausstellung in Esslingen und eine in Frankfurt. Trotzdem ist die riesige Atelierhalle der in Stuttgart lebenden und in Haigerloch arbeitenden Künstlerin noch gut bestückt mit Werken in allen Entstehungsphasen und Größen. Nach den Heizkosten sollte der Besucher besser nicht fragen. „Im Winter ist es hier brutal kalt. Die Wärme geht zum Dach raus und ich bin dauernd erkältet.“ fröstelt die Künstlerin in banger Erwartung. Für die besonders harten Tage bietet ein Büro im Erdgeschoss Schutz und Wärme.
Ihre Spezialität sind heimische Hölzer, egal ob Bauholz oder ganze Stämme, die sie erst zersägt, um aus den Teilen dann ein neues Volumen zusammenzusetzen. Dieser rohe Klotz wird anschließend mit der Kettensäge in die erwünschte Form gebracht. Schon beim Zusammenleimen achtet sie auf unterschiedliche Holzstrukturen und Schichtstärken. „Ich verarbeite auch alle Abfälle wieder. Das werden dann eben kleinere Skulpturen“ Die fertige Form wird abgeschliffen und erhält eine schützende Haut aus Wachs und Beize. Verena Krieger schrieb anlässlich einer Ausstellungseröffnung: „...obgleich die Oberflächen geglättet und gewachst sind, treten die zusammengefügten Einzelelemente sichtbar nach außen zutage (...) und die dadurch erzeugten Schattenwirkungen bewirken ein lebhaftes koloristisches Spiel“.

Foto: © Ralf Spieß
Seit über dreißig Jahren arbeitet sie an ihrer besonderen Technik. „Bei mir entwickelt sich alles aus der Zeichnung und dann tauchen immer wieder bestimmte Formen auf. Die werden als kleine ‚Prüfstücke’ dann zuerst aus Wellpappe gebastelt und später in Eisen gegossen. Anhand dieser Prüfstücke kontrolliere ich, ob sich die Form für eine größere Umsetzung eignet. Ich komme zwar, was meine Ausbildung betrifft, von der Figur her, aber es ging mir nie um ein mimetisches Abbilden des Gesehenen, sondern um eine Abstraktion. Die Figur ist gesplittert, es sind Fragmente, Reste. Hier ein Rumpf, dort eine Schulter mit eingezogenen Kopf. Danach habe ich Torsi geschaffen, deren Schründe und Klüfte ein Stück der Psyche charakterisieren sollten. Danach gab es Alltagsgegenstände, Ottomanen, kleine Petit Fours. Ich habe seltsame Utensilien erfunden und ihnen auch seltsame Titel gegeben, wie ‚Fluchtfahrzeuge’, ‚Abstandshalter’, ‚Rettungsringe’ und ‚Bojen’. Ich vergebe Titel, die eine Art Spielraum für den Betrachter eröffnen. Jeder soll sich sein eigenen Gedanken machen können. Die Titel spielen für mich immer auch auf die psychische Situationen, auf die existenziellen Befindlichkeiten des Menschen an".
Einige Formen werden zusätzlich mit Bleiblech überzogen, das gleichzeitig weich und formbar aber auch schwer und schützend wie eine Rüstung sein kann.
Eine besondere Rolle in ihrem Werk spielen die „Dolinen“. Riesige, trichterförmige Gebilde, deren Bezeichnung der Geografie entlehnt ist. Dolinen sind durch Erdeinbrüche und Ausspülungen entstandene Senken. Die größte Doline „Only To The Open Sky“ installierte Hartlieb 1995 im Socrates Sculpture Park, Long Island City/New York aus Kantholzern von amerikanischen Bäumen. Sie hatte eine Höhe von fünf Metern und konnte nur vom Hubschrauber aus eingesehen werden.

Foto: © Ralf Spieß

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Michael Reuter, 20.10.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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