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Immer wieder malen gehen. Die Bilder von Felix Wunderlich


Prozession, 130 x 110 cm, 2002

Ich glaube an das Gute und das Böse in der Malerei. Sie friert beide Zustände ein, macht sie bestimmbar. Im wirklichen Leben fließt das Gute übergangslos in das Böse, egal wie viel Rosenkränze auch gebetet werden. Ich kann Gott malen, in Wirklichkeit ist er nicht zu sehen.

Über die Jahre habe ich mir angewöhnt, die Ölfarbe in Schichten aufzutragen. Ich male viele Bilder gleichzeitig, wegen der Trockenzeit. Die Ölfarbe trocknet langsam, und so dauert es manchmal sehr lange, bis ich an einem Bild weiterarbeiten kann, was mir aber hilft, nicht alles Gemalte sofort wieder zu verwerfen. Ich male im Winter oder an Tagen der schlechtesten Laune ein dunkles, deprimierendes Blau. Im nächsten Sommer oder wenn sich meine Laune bessert, korrigiere ich die Stimmung mit freundlicheren Farben. Der Winter ist aber noch an manchen Stellen zu sehen. Aus meinen verschiedenen Stimmungen entsteht so über die Zeit eine Komposition. Manchmal bin ich aber auch total ausgebrannt, dann verfeinere ich nur eine Zierleiste mit Mustern oder benutze den Projektor und folge seinen Anweisungen aufs Genaueste.

Ich bin Maler geworden, weil ich für meine Mutter schöne Bilder malen wollte. Jetzt male ich Bilder für meine Freundin oder für den Weltfrieden. Manchmal male ich auch nur für die Kunst, manchmal male ich gegen sie. Ich sage immer: „Galerist! Der Künstler ist mehr als nur ein angestellter Mitarbeiter im Kunstbetrieb!“

Immer wieder malen gehen.

Die Kunst ist als Auftrag manchmal schwer zu ertragen. Der Auftraggeber hat kein Gesicht. Er kann einfach verschwinden, hat vielleicht nie existiert und trotzdem verlangt er durch mich nach Ausdruck. Ich male viel Unverständliches, wenn ich als Übermittler von Nachrichten missbraucht werde, die ich nicht begreife. Manchmal schicke ich dann kleine Voodoo-Puppen in die Welt, weil ich die Aufträge nicht mehr tragen kann. Kleine Fetische aus Horn, Fingernägeln, Haaren, Zähnen, aber auch Faltenwürfen, Adidasstreifen oder zu enge Hosen. Toll ist es, wenn ein Anderer das Bild versteht. Der Adressat ist gefunden! Er nimmt das Bild mit nach Hause und hängt es sich zur Andacht an einen Nagel.


Stabat Matar, 190 x 300, 2008

Ich spreche von Wiedergeburt, Auferstehung und Schuld. Ich male Kreuze, Heiligenscheine und andere religiöse Requisiten, male Martyrien und Selbstgeißelung. Religiöser Scheiß steckt doch in jeder Kunst. Der Künstler hält Andacht vor seinem Bild. Ich male im Stehen, Knien und Sitzen, wie auf einer Gebetsbank. Das sind Rituale, die auch ein Teil der Malerei sind. Der Heiligenschein und das Kreuz sind Erfindungen der Malerei. Interessante Aufgaben, die es zu lösen gilt. Ich würde gerne mal die Heiligen Drei Könige treffen.

Ich spreche von Vererbung. Ich habe die Nase von meinem Opa geerbt, aber auch seine Gefühle, Narben und Träume. Alles ist mehr oder weniger nur ein Erbe.

Wenn Dinge sich überschneiden, ist immer das Dahinterliegende, nicht Gemalte, nicht Ausgeführte das Interessante. Wie bei einer Sonnenfinsternis. Wenn ich ein Schwert male, das sich auf dem Bild mit einem Faltenwurf kreuzt, ist es wichtig zu wissen, ob das Schwert den Faltenwurf durchdringt und wieder hinauskommt oder ob es einfach nur davor liegt. So kann man ganz einfach Vordergrund und Hintergrund verbinden. Durch einen Stich mit einem Schwert.

Manchmal hab ich vor dem Gemalten Angst. Ich habe aber keine Angst vor dem Bildersturm. Diesmal wird es ein anderes Medium treffen, vielleicht das Fernsehen. Abwarten. Die Malerei kann viel Zeit gewinnen, wenn sie nicht zu viel Gewicht bekommt. Außerhalb des Rampenlichts lässt es sich besser malen.

Der Kugelschreiber setzt einen schönen Kontrast. Das Kritzeln kann nur er. Einen kleinen Strich neben den anderen stricheln, vergleichbar mit den primitiven Kalendern in Gefängniszellen, die anzeigen, wie lange man schon sitzt.


Felix Freitag, 30 x 40, 2006

Ich male weder gegenständlich noch abstrakt. Beides verlogene Begriffe. Viele Künstler gehen missbräuchlich mit der Malerei um. Am Anfang ist das in Ordnung, als Ausdrucksmittel für irgendwelche psychischen Zustände. In der Pubertät habe ich auch meine Gefühle gemalt. Aber ein Künstler muss sich entwickeln, sonst wird die Malerei gemein zu ihm und lässt ihn hängen.

Ein Bild ist nie fertig oder vollendet. Wenn zu viele Bilder zu schnell fertig werden, ist da schon was faul. Ich bin auch kein Fan von Serien! Ich bin eher Einzelgänger, weil es die Zeit so verlangt, und male einzelne Bilder.

Kunstmessen sind Schlachtfelder. Im Plastikeimer liegt zwischen Trinkbechern, Bananenschalen, Noppenfolie und Klebeband eine zerrissene Zeichnung.

Ein Viereck als Bildträger finde ich gut.

Alte Meister finde ich gut.

Der Speer ist mir lieber als der Revolver.

Bodybuilder sind das große Symbol unserer Epoche. Einer Zwangsepoche!

Ich spreche nur, wenn ich gefragt werde.


Bodybuildingcontest, 190 x 160, 2004

Ein Text zur Malerei von Felix Wunderlich. Bearbeitet von Michael Reuter.
Informationen zum Künstler finden sich hier und da und dort.

Michael Reuter, 06.10.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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