Gastbeitrag | Kritik
in der Alten Post
von Martin Steffens
post barroco
in der Alten Post
Karl-Marx-Straße 97-99
bis 25.10.2008

Im alten Neuköllner Postamt an der Karl-Marx-Straße ist seit Juni 2008 ein temporärer Kunstort entstanden, in dem bereits verschiedene Ausstellungen auf ca. 1.000 m² präsentiert wurden. Durch das Engagement der [Aktion! Karl-Marx-Straße] konnte in Kooperation mit dem Kulturnetzwerk Neukölln e.V. das exponierte Gebäude nach 5 Jahren Leerstand wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Mit post barroco ist nun unter der Kuratorin Antje Gerhardt eine Ausstellung realisiert worden, die den Ort – das eigentlich neorenaissancehafte Bauwerk und die Schalterhallen im Stil der späten 70er Jahre – geschickt in Szene setzt. Mit Beratung von Bonaventure S. B. Ndikung (Marseille / Berlin) wurden hier 18 Künstler versammelt, die Arbeiten aus den Bereichen Skulptur, Installation, Video, Zeichnung, Collage, Fotografie und Malerei ausstellen.

Durchgängige These der Ausstellung ist es, eine Analogie der Lebensumstände und des Lebensgefühls zwischen unserer Gegenwart und dem Zeitalter des Barocks zu belegen. Zwar wird kein kohärentes Bild eines Post-Barocks entworfen, kein neuer Trend innerhalb der Gegenwartskunst postuliert. Dennoch lassen sich die unterschiedlichen Kunstwerke auf den gemeinsamen Nenner beziehen. Kurz skizziert sind die Themenfelder: Macht und Kunst, Krieg und Trauma, Sinnenfreude und Vanitas, Dualismus von Geist und Körper.
Neben den ausgestellten Werken sind unauffällig Originalzitate barocker Dichter und Philosophen eingestreut, die dem Besucher eine vertiefende Betrachtung ermöglichen. Das Konzept der Ausstellung erschließt sich in der Zusammenschau der Arbeiten vor Ort und ist hier nicht näher zu erläutern.
Thilo Droste reagiert mit seiner Arbeit auf die im Ort vorhandene Kunst am Bau: „Ausblick“, eine Wandarbeit von Matschinsky-Denninghoff (1981/82). Kongenial wird das Relief mit flexiblen Aluminium-Lüftungsrohren nachgestaltet und in die dritte Dimension des weiten Raums entlassen.
Lutz Bertram reagiert mit seiner Fotoserie „AKW Rheinsberg“ auf die Vanitasvorstellung barocker Kunst. In den nüchtern fotografierten Aufnahmen des 1991 stillgelegten Kernkraftwerks am Stechlin wird das Grauen des lauernden Todes mit einer krassen Unbedarftheit kontrastiert, die sich in der naiven, ja banalen Ausstattung des Gebäudes spiegelt.
Joris Vanpoucke widmet sich in seiner 2008 entstandenen Zeichnungsserie „consumed“ den Schrecken des Krieges und der politischen Verantwortung, nicht ohne sich den Mechanismen einer Werbeästhetik und markanter Parolen entziehen zu können.
Marco Goldensteins „Tatbestand“ zeigt Collagen, die im Sinne eines Memento Mori den Verlauf irdischer Existenz zwischen Geburt, Tod, Macht und Spiritualität auslotet.
Henning Kappenberg zeigt zwei Gemälde auf Leinwand, die historische Landkarten nachempfinden. Neben der technischen Präzision der Umsetzung verbergen die extremen Querformate einen inhaltlichen Kontext. Sie zeigen einerseits einen Ausschnitt der Landkarte Frankreichs mit Cro-Magnon, dem paläontologischen „Ursprung“ der Menschheitsgeschichte in Europa, und ein Detail des Zweistromlandes als Wiege der Zivilisation.
Elke Graalfs stellt eines ihrer großformatigen Strickbilder aus, das eine perspektivische Sinnestäuschung barocker Wandgestaltungen im Sinne eines Tromp L’Oeil-Effekts reflektiert. Das gemalte Strickgewebe erhält eine verwirrend räumliche Dimension mit Tendenzen zur Raumdurchdringung und Raumauflösung.
„Darkroom“ von Line Claudius und Jan Goldweida verspricht eine sinnliche Erfahrung, die gleichwohl im Widerspruch zum Titel steht. Hier werden Sinne einzeln bedient. Füllige, beinahe rubenssche, dabei aber abstrakte Alabasterskulpturen sind im Dunkeln zu ertasten und schließlich auch mit dem Auge zu begreifen.
Ronald Wozniak huldigt einem herkulischen Männerbild, das etwa in den Muskelmännern Hendrik Goltzius’ eine gewisse Analogie finden mag. Bodyb(u)ilder sind hier eingebettet in einen Jahreszeitenzyklus. Filigrane Apparaturen sorgen für Bewegung innerhalb der Objekte, doch sind die Kraftmenschen hier auf ein sinnloses Dasein reduziert; Heldentaten sind in der Gegenwart trotz aller potentiellen Kraft obsolet geworden.
Anton Unai schließlich eröffnet mit seiner Wandinstallation eine Art Wunderkammer der Gegenwart. Nicht kostbare Präziosen und Materialien werden hier gezeigt. In der Ansammlung profaner und zusammengetragener Fragmente entsteht gleichwohl ein sinnenverwirrendes Pandämonium einer Welt, die hier jedoch keine neue Struktur und Deutung erfährt. Kann Welt heute noch erfasst und im Zusammenhang gedeutet werden?
Weitere Arbeiten im Bereich Video und Sound (Manfred Kirschner, Petra Lottje, Julia Lonicer) können nur kurz benannt werden. Im Zentrum steht der Mensch im Zwiespalt zwischen Individualität und medialer Macht, die sich subtil oder aggressiv zu äußern vermag.
Die Ausstellung post barroco ist klug kombiniert und ansprechend gebaut, nicht ohne den Raum zu seinem Recht kommen zu lassen. Wer mag, kann sich hier vielfältig anregen lassen, der vergangenen Zeit des Barock nachzuspüren und auf Echos in der Gegenwartskunst zu lauschen.
Text: Dr. des. Martin Steffens
Post barrocco ist ein Projekt im Rahmen der [Aktion! Karl-Marx-Straße], gefördert durch den Fachbereich Stadtplanung des Bezirksamt Neukölln. Hier gestalten die Akteure des Neuköllner Bezirkszentrums gemeinsam die Zukunft der Karl-Marx-Straße. Weitere Informationen unter: www.Aktion-KarlMarxStrasse.de
post barroco in der Alten Post
Karl-Marx-Straße 97-99, 12043 Berlin
Ausstellungsdauer bis 25.10.2008, Mi-So 15-20 Uhr
Gastbeitrag, 17.10.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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