Gastbeitrag | Kritik

Portrait der Spezies Mensch¹

von Roland Fuhrmann

Der Kunstpreis „Kaiserring“ der Stadt Goslar wurde 1994 an die Düsseldorfer Fotolegenden Bernd und Hilla Becher verliehen. Letzten Samstag stand nun ihr ehemaliger Schüler, Andreas Gursky, im großen Saal der alten Kaiserpfalz vor 600köpfigem Publikum und bekam den 33. Ring.


"Pyong-yang" 2007, mit Betrachterschatten

Gursky kam in Familie, zeigte sich gerührt und sprach, er sei nach dieser festlichen Veranstaltung quasi verpflichtet, weiterzuarbeiten.
Dazu muß man wissen, daß er für das kommende Jahr eine Pause zur eigenen Archivaufarbeitung ankündigt.


auf diesem Stuhl saß der Herr Andreas Gursky

In der aktuellen Ausstellung zum Kaiserring in Goslar zeigt Gursky eine umfassende Werkschau und beginnt in den 1980er Jahren. Damals fotografierte er noch chemisch und ebenerdig. Mit wachsendem Erfolg hob er beständig seinen Kamerastandpunkt. Heute haben seine Bilder die Flughöhe von 3.340.000 $ das Stück² erreicht und sein Fotoauge streicht adlergleich über unser irdisches Treiben. Dabei meidet er Gefahrenzonen. Schlachtfelder, Umweltkatastrophen, Mega-Favelas und Regenwaldfraß sind keine Themen für ihn. Doch der Mensch glaubt an Bilder und läßt sich gern von ihnen manipulieren, auch wenn sie digital übertrieben sind. Und gerade hier könnte Gurskys Realitäts-Multiplikation hin zur Apokalypse ein Beben auslösen. Aber Gursky sucht die Balance zwischen Bildästhetik und Bildinhalt. Seine bildfüllende Müllhalde von 2002³, von ihm selbst als „Weltmüll“ bezeichnet, ist da schon gewagt. Nicht verwunderlich erscheint Gurskys selbsternanntes Alterego, Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ von 1931/32. Auch der vergleicht die Welt mit einem Laboratorium, das „wie eine große Versuchsstätte“ erscheint, und „wo die besten Arten, Mensch zu sein, durchgeprobt und neu entdeckt werden müßten...Das das Gesamtlaboratorium etwas planlos arbeitete und das die Leiter und die Theoretiker des Ganzen fehlten, gehörte auf ein anderes Blatt.“

Gursky im großen Saal der Kaiserpfalz

Auch die Menschenmuster der Massenveranstaltungen in seiner „Pyong-yang“-Serie von 2007 multiplizierte er digital ins Beängstigende. Ist er etwa die Leni Riefenstahl des „Geliebten Führers“ Kim Jong-il ? Vielleicht hat er deshalb Olympia abgesagt. Denn auch hier hätten seine digital geklonten Menschenformationen der Diktatur in Peking sehr geschmeichelt. Oder waren seine Bilder längst Vorbilder dieser Megaveranstaltung?


Gursky vor Guillaume Ier d'Allemagne


unerwartet kleinformatige Retrospektive

Der retrospektive Teil der Goslarer Schau besteht aus handlichen Kleinformaten. Der Betrachter schiebt die Brille in die Stirn und beugt sich dicht ans Glas, um die ohnehin schon kleinen Menschen als Punkte wahrzunehmen. Das ist ein ungewohnter Blick durch Gurskys Kameraauge. Hatte man sich doch an die Formatgigantomanie als sein Markenzeichen gewöhnt. Normalerweise setzt ihm nur das maximale Acrylglasformat von 6 x 2,30 m Grenzen. Doch hier im Kabinettformat versuchen seine Bilder nicht mit Werbetafeln zu konkurrieren (und werden damit verwechselt), sondern lassen das laute Weltgetriebe hinter sich. Seine Bilder sind längst ins „kollektives Bildgedächtnis“ 4 eingegangen und brauchen keine dingliche Größe mehr.



"Bahrain I" von 2005



Cheops-Tapete, das Plakat zur Ausstellung

Am späten Nachmittag fotoperformte Andreas Gursky im Hubschrauber über das Museumsgelände, die 30-Megapixel-Hasselblad im Anschlag. Wir sind gespannt auf sein Goslar in Hauptstadtdimension, mit einem museumsinselgroßen Mönchehaus Museum in der Mitte.


Gursky fotoperformt im Hubschrauber über dem Museum

Als Ausstellungsplakat wählte Gursky sein Motiv „Cheops“ von 2006. Keine Frage, er ist ganz oben und greift nach Unsterblichkeit. Die Laudatio von Marion Ackermann (Kunstmuseum Stuttgart) endet mit dem Zitat: „Alles fällt unauslöschlich der Vergangenheit anheim, nur die große Kunst nicht!...“4


der neue Kaiserringträger hält im Museumsgarten Hof

¹) Gursky über seine Arbeit im art-Interview mit Ralf Schlüter, 2007
²) Versteigerung von „99 cent“ bei Sotheby’s in London, 2007
³) „Ohne Titel“, Nummer XIII, 2002
4) Laudatio von Marion Ackermann, als Katalog zur Ausstellung erhältlich

Die Ausstellung "Andreas Gursky, Kaiserringträger der Stadt Goslar 2008 im Mönchehaus Museum für Moderne Kunst ist noch bis 21.01.2009 zu sehen.


kein Gursky, aber das catering zu Gursky

Gastbeitrag, 15.10.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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