Christoph Bannat | Essay

80 Jahre Mickey Mouse und Epcot

Am 18. November 1928 startet "Steamboat Willie" von Ub Iwerks und Walt Disney seinen Siegeszug um die Welt. Die Musikclips Mickey’s Choo Choo, The Karnival Kid, Haunted House und der wunderbare Skeleton Dance (alle auf Youtube) entstanden zwischen 1928 und 1929. Damit war der Grundstein für einen global player gelegt.


Epcot-Ilustration

Disney-Iwerks-Zeichentrickfilme setzen das, was Wilhelm Busch mit seinem Eispeter, einem Mensch in unterschiedlichen Aggregatzuständen, und den zu Entenfutter gepixelten Max und Moritz bereits vorgezeichnet hatte, in Bewegungen um. Allen physikalischen Gesetzmäßigkeiten entbunden wurde nach Herzenslust gemorpht, was den Zeichnern unter die Finger kam. Auf dieser entfesselten Zeichentrickwelt baute Walt Disney vor 80 Jahren sein Imperium auf und wurde der Welt reichster Zeichner. Was aber macht einer, der mit wilden Zeichentrickfilmen maßlos viel Geld verdient? Der seine Hauptfigur Mickey, einen ehemaligen Tramp, erfolgreich in einer kompletten Parallelwelt namens Entenhausen sesshaft werden läßt. Einer, der mit allen Drüsen der Welt des schönen Scheins huldigt? Er entwirft weiter; ein Jahr vor seinem Tod (1966) präsentiert Walt Disney EPCOT.


Epcot-Grundriss

EPCOT (von engl. Experimental Prototype Community of Tomorrow) wird erstmals 1964/65 auf der New Yorker Weltausstellung vorgeführt.

www.the-original-epcot.com beschreibt die Geschichte seiner Vision und http://de.wikipedia.org/wiki/Walt_Disney_World_Resort das, was aus Epcot wurde und
http://de.wikipedia.org/wiki/Epcot liefert Hintergrundinformationen.
Lesetipp: Gelehrtenrepublik von Arno Schmidt. Hier wird eine Inselstadt unter den Bedingungen des "Kalten Krieges" entworfen.

"EPCOT ... wird ein Fingerzeig für neue Ideen und Technologien sein, die jetzt erst entstehen in den kreativen Köpfen innerhalb der amerikanischen Industrie. Es wird eine Gesellschaft von morgen sein, die nie fertig sein wird, sondern ständig neue Technologien und Systeme ausprobiert. EPCOT wird ein Vorzeigeprojekt für die Welt sein, für die Erfindungsgabe und Vorstellungskraft der freien amerikanischen Wirtschaft."– Walt Disney


Epcot-Präsentation durch Walt Disney


Walt Disneys ursprüngliche Vision von EPCOT war eine Modell-Stadt, die 20.000 Einwohner beheimaten kann, und so quasi ein Feldtest für moderne amerikanische Stadtplanung und -organisation sein würde. Die Stadt würde kreisförmig angelegt werden mit Geschäfts- und Verkaufsflächen in der Mitte, Verwaltungsgebäude, Schulen und Erholungsgebiete in einem zweiten Kreis um diese herum, und am Rand würden die Wohnsiedlungen gebaut werden. Verkehr oberhalb der Stadt würde nur über Monorails und so genannte PeopleMover (wie sie in Magic Kingdoms Tomorrowland vorhanden sind) stattfinden. Der Auto-Verkehr würde in den Untergrund verlagert, um den Fußgängern eine sichere und verkehrsfreie Situation auf der Oberfläche zu ermöglichen. Walt Disney sagte dazu (übersetzt): "Es wird eine geplante und kontrollierte Stadt sein, die als gutes Beispiel für die amerikanische Industrie, Forschung, Schulen und für kulturelle Möglichkeiten dienen soll. In EPCOT wird es keine Slums geben, weil wir nicht zulassen werden, dass sich solche je entwickeln können. Es wird keine Landeigentümer geben, und es werden auch keine politischen Wahlen abgehalten. Die Menschen werden keine Häuser kaufen, sondern treten in ein Mietverhältnis ein und bezahlen moderate Mietpreise. Es gibt keine Pensionäre, denn jeder muss ein Leben lang nach seinen Möglichkeiten arbeiten." Das Originalmodell von dieser futuristischen Stadt EPCOT, kann besichtigt werden in der Tomorrowland Transit Authority-Attraktion im Magic Kingdom Park. Wenn der Parkbesucher sich in den PeopleMover setzt und dieser bei der Attraktion Stitch’s Great Escape eintritt, steht dort das Modell hinter Glas auf der linken Seite.( Text aus http://de.wikipedia.org/wiki/Epcot)


Epcot-Modell

Disney dient in seinem Epcot-Werbefilm www.the-original-epcot.com von 1966 ein Speichenrad als Vergleich für den Grundriss seiner Stadt, die imaginäre Achse bildet ein Hochhaus, geplant als Hotel- und Kongresszentrum. Während der Disney-Konzern zum global player wird, entwirft sein Gründer im eigenen Land ein geschlossenes Gesellschaftssystem. Das Rad, Sinnbild des Fortschritts, erscheint im Film merkwürdig singulär, sich um sich selbst und, so scheint es, um seiner selbst willen drehend. Walt Disneys Vision eines totalitären Sozialismus amerikanischer Prägung erschrickt. Er ist der Stein gewordene Gegenentwurf zu Steamboat Willies Flussfahrt – die Fahrt des Tramps auf dem Fluss des Lebens. Denkt man sich beides zusammen, so wäre die lebendige Stadt das Ideal. Und Leben heißt wachsen. Wie aber geht das, wachsen? Vollzieht es sich nicht am Menschen? Und heißt das nicht auch immer zurück wachsen?


Christoph Bannat, 23.11.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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