Markus Wirthmann | Alles
Asiatische Kräckermischung Teil II
M50 – Moganshan Lu, Shanghai
Bin mal wieder zu spät gekommen. Nur um ein paar Jahre. Der gewiefte Weltreisende in Sachen Kunst und der Biennalen-Globetrotter bescheidet der Moganshan Lu 50 schon die totale Kommerzialisierung und den alsbaldigen Abgesang. Und ich? Guck´s mir trotzdem an.


Ähnlich wie in der mittlerweile weltweit bekannten Pekinger Kunstfabrik 798 haben sich Künstler und Galeristen in Shanghai schon vor Jahren in einem brach liegenden Industriekomplex breit gemacht. M50 ist die Abkürzung für die postalische Adresse, 50 Moganshan Lu, unweit des Shanghaier Nordbahnhofs und des Jadebuddha-Tempels. Das Areal ist nicht ganz so unübersichtlich aber viel kleinteiliger als sein größerer Vetter in Peking. Außerdem keine ehemalig militärisch genutzte Anlage sondern eine Spinnerei, was sofort angenehm auffällt wenn man sich an die vielen Uniformierten in Peking erinnert die sich irgendwie seltsam mit den Kunsttouristen mischen.

Der Anteil an Flohmarkt-Trash und Hippie-Kunsthandwerk ist, im Unterschied zu 798, erstaunlich gering. Stattdessen fällt im Eingangsbereich sofort der sehr gut sortierte Kunstbuchladen ins Auge. Eine der wenigen Quellen auch europäischer und amerikanischer Druckwerke in der Stadt.
Das wars auch erst Mal mit den guten Eindrücken. Um die wenigen wirklich interessanten Galerien und Kunsträume auf dem Gelände zu finden muss man sich durchwühlen. Der größte Teil der leichter zugänglichen Räume ist vollgestopft mit Traditionellem und dem üblichen Polit- und China-Mist. Das meiste ganz blauäugig und ernsthaft naiv, einiges aber auch ziemlich kalkuliert für die doofen Europäer.

Um an die Perlen von M50 heranzukommen – oder auch nur um der Augenfolter zu entgehen – muss man sich bis in die hinterste Ecke des Geländes hangeln außerdem ist man gut beraten die oberen Stockwerke der Galerietürme zu bevorzugen.

ShanghART, 1996 von dem Schweizer Lorenz Helbling gegründet und seitdem anscheinend ziemlich kompromisslos für chinesische Kunst und Künstler unterwegs. Leute die ihn kennen bezeichnen ihn als schwierig im Umgang aber durchsetzungsfähig wenn es um die Kunst geht. Nun, so muss man wohl sein um Erfolg zu haben in einer Stadt deren Bewohner sich mit einem schwer verständlichen Dialekt auch gegen ihre Landsleute abschotten. H-Space ist ein 800 Quadratmeter großer Ableger von ShanghART und dient als Projektraum und Ausstellungshalle. Augenblicklich ist dort die Ausstellung Involved, kuratiert von Philippe Pirotte, dem Direktor der Kunsthalle Bern, zu sehen.

Auch in der Vanguard Gallery keine Spur von Kulturrevolutions-Kitsch oder anderer zeitgenössischer Chinoiserien.
Aktuell die Ausstellung City of Gaze des Koreaners Jeong-Ju Jeong. Das fragmentarische Architekturmodell eines x-beliebigen Gewerbebezirks wird mit dem Modell eines Tempelchens in traditionell asiatischer Bauweise konfrontiert. Gemeinsam ist beiden, dass sie mit Mini-Kameras versehen sind. Einige der Kameras drehen sich oder verändern ständig ihre Brennweite. Hin und herschalten zwischen verschiedenen Blickwinkeln erzeugt ein überzeugendes und klaustrophobisches SciFi-Ambiente.

Die OFOTO Gallery zeigt mit It is I too eine Gruppen-Selbstportrait-Ausstellung mit 21 chinesischen Künstlern. Ob der seltsam vieldeutige Ausstellungstitel beabsichtigt ist lässt sich aus meiner Sicht nicht abschließend beurteilen. Auch die besten Köpfe hierzulande verlassen sich gern mal auf die Übersetzungsmaschine von Google. Die Arbeiten jedenfalls sind gern vieldeutig, aber selten seltsam. Man kann hinterher das Gefühl haben etwas von China verstanden zu haben ... Keine Angst, dieses Gefühl hält nicht lange an.

Die ifa-Gallery (nicht zu verwechseln mit dem Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart) zeigt gerade die Arbeiten des Kollektivs Island 6, oder die Arbeiten eines Teils der weitverzweigten internationalen Truppe. Ganz dahinter gestiegen bin ich noch nicht aber die Website island6.org weist Standorte nicht nur in China sondern auch in Marrakesch und Paris aus. Hier bei ifa zeigt die Truppe LED-Animationen die ziemlich aufwändig in Fundstücke und fragmentarische Grafiken eingearbeitet sind. Ein bisschen zu handlich vielleicht aber interessant.

shack island 6 ist ein Ableger – oder vielleicht sollte man besser Ablegerchen sagen, denn der Showroom der Galerie ist maximal acht Quadratmeter groß. Im Augenblick führt dort Konstantin Bayer als Gastkurator und Artist in Residence Regie. Am Ende seines Studiums gründete er in Weimar schon die Produzentengalerie Eigenheim und nun sieht und hört man an allen Einschlägigen Kunstecken in Shanghai von ihm. Mal sehen ob ich den bei meiner nächsten Shanghai-Tour an die Angel kriege um ein Interview mit ihm zu machen.
Markus Wirthmann, 20.11.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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