Christoph Bannat | Bücher
D. Diederichsen, F. Butzmann-Interview

Umschlagzeichnung, Frieder Butzmann
Zwei Bücher, die sich im Dunstkreis von bildender Kunst und Musik bewegen:
Eigenblutdoping von Diedrich Diederichsen und
Musik im Großen und Ganzen von Frieder Butzmann
Beide Bücher lohnt es sich zu lesen. Auch wenn bei letzterem die nonlineare Lesebewegung von eher der eines Flaneurs als der eines fortschreitenden Wanderers entspricht.

Bandschlaufe - Foto aus dem Buch von Frieder Butzmann
In beiden Büchern wird der Loop als Metapher benutzt. Bei Diedrich Diederichsen entspricht der Loop dem modernes Lebensgefühl von inhaltsloser Langeweile in ewigen Variationen von Wiederholungen, aus denen es auszubrechen gilt. Für Frieder Butzmann ist der Loop das Synonym für die Komposition des Abendlandes. Und er trauert, dass der Loop, dessen Möglichkeiten noch bis in die 80er Jahre spielerisch erforschte wurden, heute nur noch seiner Kraft beraubt als rhetorische Vereinbarung in Erscheinung tritt.

Loop - Foto aus dem Buch von Frieder Butzmann
Ein anderer Loop, einer für die Vergangenheit: In Benjamins Passagen-Werk erscheint unter »Langeweile, die ewige Wiederkehr« das Fließband als Loop und Fabrikarbeit als der ökonomische Unterbau der ideologischen Langeweile der Oberklassen. Das war die »alte Langeweile« in einer Massengesellschaft, in der sich große Bevölkerungsschichten noch auf gleichgeschaltete, durch Maschinen bedingte Körpererfahrungen berufen konnten. In Zeiten von Ichvermassung, Lebendigkeitsterror und Authentizitätspornos, wie Diederichsen sie beschreibt, sind die gleichgeschalteten Körpererfahrungen weniger offensichtlich und zunehmend elektronisch geprägt. Das wirft die Pollesch-Frage auf, wo sind wir wirklich von einander berührt, wo berühren sich unsere Leben wirklich jenseits des Melodramas.

Altdorfer-Loop - Foto aus dem Buch von Frieder Butzmann
Diederichsen bemüht sich um Wege aus dem Loop, indem er den Begriff Montage der Sozialpsychedelik mit intersubjektiven Motiven in die Welt setzt. Das erweiterte Bewusstsein verliert sein Ich um sich im Du wieder zu finden. Einem »den letzten beißen die Hunde«, wird ein »wer sich selbst verliert, der wird sich finden« einer christlichen Dialektik entgegengestellt. Nicht der Loop, sondern die kollektive Improvisation dienen als Modell.

Umschlag Eigenblutdoping, Dietrich Diederichsen
Mit »Ohne Sarkasmus kann es kein gesundes Verhältnis heutiger Aufklärung zu ihrer eigenen Geschichte geben« beschreibt Peter Sloterdijk 1983 in Kritik der zynischen Vernunft diese Verhältnisse ausführlicher und bezeichnet den »bitteren Einzelgänger« als ein Massenphänomen, den eine vorgerückte Industriezivilisation produziert. Nur leider wächst aus dem Unbehagen an der Kultur keine aktive Kritik.

F wie Fetisch - Foto aus dem Buch von Frieder Butzmann
Anfang der 1980 Jahre ist für Diederichsen und Butzmann die Zeit, in der sie ihre Sozialisation als leidenschaftliche Dilettanten erfahren.
Christoph Bannat: Herr Butzmann, würden Sie sagen, dass Ihre künstlerische Sozialisation Anfang der 80er Jahrer stattfand?
Frieder Butzmann: Nein, kaum! Ich hatte in den Jahren davor im stillen Kämmerlein meine laute Welt aufgebaut und manchmal auch öffentlich präsentiert. Das meiste aber einfach mit meinen geliebten Tonbandgeräten festgehalten, manches davon tatsächlich auf kleinen kurzen Tonbandschlaufen/Loops. Musikstücke, die ca. 5 Sekunden lang waren und sich ewig wiederholten. Ich war ja sozusagen in einer Krise wie die gesamte Musik und hatte viel für die 80er angesammelt. Gefreut hat mich dann zu bemerken, dass es anderen ähnlich ging.
Wie würden sie diese Krise kurz beschreiben?
Frieder Butzmann: Naja, die Krise war die: Die Popmusik war Mitte der 70er monumentaler, bunter, sogar musikalisch ausgefeilter geworden, aber eben nicht gerade mit Sprengkraft, Aktualität und Innovation angefüllt. Es begann auch die Zeit, in der sich die Popmusik am liebsten selbst zitierte. Nicht unähnlich dem Bereich, mit dem ich beschäftigt war: die Neue Musik mit großem »N«. Die dachte, sie würde sich täglich neu erfinden, indem sie auf die für sich selbst gepachtete große Vergangenheit zurückblickte. Es entstand dabei ab den 50ern wunderbare Musik, meine liebsten Musikstücke von Stockhausen, Nono, Schnebel, Schaeffer usw. Aber ab den frühen 70ern reproduzierte die Neue Musik sich nur noch selbst und sonnte sich im warmen Bett staatlicher Subventionen. - Da durfte sie nicht mehr so rigoros voranschreiten ... wurde langweilig ... unaktuell.
Ihr Buch, ausgehend von Ihren Erfahrungen und Ihrem Wissen über Musik (sie haben Musikwissenschaft studiert) ist einer strengen lexikalischen Linearität unterworfen, die durch eine Verweis- und Fußnotenstruktur aufgebrochen wird. Gleichzeitig referiert Ihr »Kompendium von Gedanken zur Musik« auf Literatur, bildende Kunst und soziale Phänomene. Die Struktur des Buches funktioniert (unter Einbeziehung des WorldWideWeb) wie ein Loop. Würde man den Verweisen innerhalb des Buches folgen, wäre man in einem lebenslangen Loop gefangen. Hat Sie dieses Motiv, vielleicht auch als musikalisches, beim Schreiben interessiert?
Frieder Butzmann: Ja, das kann man sagen. Salopp gesagt, funktioniert Musik machen ein wenig wie Kochen. Ich schaue mir ein Rezept an, dann habe ich die Struktur, Kuchen, Suppe, Dessert oder Salat und dann denke ich nach, womit ich die Struktur füllen könnte. Und auch wenn ich schreibe, dann mache ich das so. Ein Lexikon ist das Buch geworden, weil man sich dann die vielen Übergänge von einem Thema zum anderen sparen kann. Man kann sofort auf den Punkt kommen und der Wechsel von einem Gedanken zum nächsten ist schneller und abwechslungsreicher. Das sind Gedanken, die man auch beim Musik machen hat!
»Der Kopf ist rund damit das Denken die Richtung wechseln kann«, heißt es bei Francis Picabia. Bei Ihnen scheint dies ein ganzkörperliches Motiv zu sein. Sie verweisen auf Jean Paul, Wols, Dieter Thomas Heck, Cage, Adorno bis Zero, oft sehr sinnlich motiviert. Das scheint den ganzheitlichen Anspruch von Dilettanten alles, unter zu Hilfenahme der schönen Anekdote, verbinden zu wollen. Im Gegensatz die Vertiefung in ein Thema, um von diesem ausgehend Welterklärungsmodelle zu entwickeln. Propagiert Ihr Buch die Haltung des kulturinteressierten Flaneurs - bzw. anders gefragt: wie würden sie ihre Haltung bezüglich des Buches beschreiben?
Frieder Butzmann: Ja, Flaneur ist gar nicht so schlecht. Ich reisse vieles nur an, weil ich gerne etwas weg lasse, wovon ich denke, das steht schon an anderer Stelle, und zwar ausführlich genug. (Ich sage hier: Fußnote! Schauen Sie im anderen »MGG« nach, dem 29-bändigen »Musik in Geschichte und Gegenwart«.) Dann bleibt bei mir viel subjektiv Beobachtetes übrig. Und ich springe gerne und kombiniere gerne. Wenn man Dinge zusammenbringt, die sonst nicht gemeinsam in Erscheinung treten, dann gibt es in deren Kombination eine merkwürdige Reaktion und die Dinge selbst werden unter Umständen verfremdet, ohne verbogen zu werden. – Schauen Sie (der Leser!) doch da, wo Sie jetzt gerade sitzen, nach links und schauen den Gegenstand dort an. Dann schauen Sie nach rechts und schauen den Gegenstand dort an. Was haben die beiden Gegenstände gemeinsam? Wenn Sie zwei Gegenstände gefunden haben, die fast noch kein Mensch je zusammengebracht hat und trotzdem eine Gemeinsamkeit gefunden haben, dann hatten Sie gerade eine Erkenntnis über die Welt! Gratulation! Vielleicht gelingen Ihnen noch weitere Erkenntnisse und vielleicht ist eines Tages die allerneueste Relativitätstheorie dabei oder gar die Idee zu einem Number-One-Hit in den American Charts!?

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Christoph Bannat, 19.11.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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