Christoph Bannat | Kritik

Dzama, Magritte, Polke u. m.


Marcel Dzama, On the banks of the river, 2008

"Die deutsche Provinz wird immer besser", hieß es Ende der 90er, da sich die Künstler dort anstrengen, nach Berlin zu kommen. Das bezog sich auf die Schauspielkunst. Für die bildende Kunst gilt dies für Frankfurt, Köln versucht noch, krampfhaft bemüht seinen Weg zu finden, und München könnte interessant werden, da von dieser Stadt keiner etwas in Sachen Kunst erwartet.



Rene Magritte, Die Hungersnot, 1948

Die großen bildungsbürgerlichen Ausstellungen finden seit Jahren in Frankfurt in der Schirn statt. Nach Odilon Redon, James Ensor, Turner Moreau Hugo, nun La Période Vache von Rene Magritte, 1948. Dabei sind es nicht nur die Namen, sondern die intelligenten, visuell wie inhaltlich herausragenden Aufarbeitungen der Ausstellungen, die überzeugen. Selbst für einen Durchreisenden, für den Frankfurt nur ein kurzer Zwischenstopp ist, sind diese Ausstellungen ein großer Mehrwert. Diesmal bleibt zu hoffen, dass die wütende Nachkriegsfrustration von Rene Margritte, sein Austritt aus der kommunistischen Partei 1949, seine Flugblätter "Der Blödmann", "Der Scheisser" und "Der Arschficker" und die Zeichnungen eines gewissen Deladoes, die Magritte bei der Epoche Vache beeinflusst haben sollen und in Kinderzeitschriften erschienen, endlich einmal zu sehen sein werden. www.schirn.de


Marcel Dzama, The Underground, 2008

München. Marcel Dzamas Zeichnungen schienen sich zunehmend in schematischen Variationen, in der Nähe eines weltzugewandten Henry Darger, zu erschöpfen. Mit seine Dioramen erweitert er sein Oeuvre. Große Ausstellungen tun seinen Arbeiten gut, denn sie nehmen ihnen das Niedliche. Die sich überlagernden Bild- und Denkschleifen der paradoxen Paarung von niedlich und grausam, nostalgisch und zeitgemäß, Sex und Gewalt, eingebettet zwischen Illustration und Comic, eigenen Bildfindungen und medialen Vorbildern, Kleinkunstplastik und raumgreifenden Entscheidungen verknüpft er in dieser Ausstellung kunstvoll miteinander. www.pinakothek.de


Ernst Ludwig Kirchner - Späte Bilder

In Berlin bewies Julius Werner mit seiner Kirchner-Ausstellung (Späte Bilder, bis 25.10.2008) Weltmuseumsqualität. An ihr hätte man gut die Unterschiede von komplex und kompliziert, bunt und farbig manifestieren können, und was Verfeinerung in der Vereinfachung bedeutet. In der Ausstellung manifestierte sich etwas, was man künstlerische Intelligenz nennen könnte. Wen aber sollte das interessieren? Es gibt heute keinen Diskurs, der Kunstwerke wie Fakten behandelt.


Boris Kudojarow, Cleaning The Streets after the Leningrad Blockade, 1944

Zur Zeit läuft bei Julius Werner Sigmar Polke - Linsenbilder. Ein müder Abklatsch seiner eigenen Findungen. Längst hat Polke die Bodenhaftung, verankert in Alltagsmythen, verloren und zitiert sich nur noch selbst. So wird sein Polke-Fleck zum verblichenen Signet seiner selbst, der längst seine ironische Kraft verloren hat. Neue Inhalte kommen bei ihm nur noch aus der Schulfunkwelt und beschäftigen sich mit "Wissenswertem aus der Welt des Wissens" und der dort vorgelebten Bilderwelt. Wir warten auf die DVD-Box seiner 16mm-Filme, oder seiner gesamten Filme, täglich verteilt über einen Monat im Nachtprogramm der ARD.
www.juliuswernerberlin.com


Jewgeni Chaldej, Burning Building in Budapest, 1944

Mit der Surrealisten-Sammlung Scharf-Gerstenberg hat Berlin auch eine neue Adresse für Zeichnungen bekommen. Wo sonst kann man Wols, Bellmer und Thomkins Zeichnungen in Berlin als Dauerausstellung sehen? Außerdem gibt es in der Sammlung schlecht gemalte Magrittes, die vielleicht die besseren sind, jene die seine Haltung zur Malerei eindringlicher verbildlichen.
www.smb.museum, Sammlung Scharf-Gerstenberg.


Ivan Shagin, Amused Russian Soldiers in Front of a German War Slogan, Berlin 1945

Am spannensten ist Berlin, wenn es seine Archive öffnet. Meine Lieblingsfotobücher sind die Auktionskataloge des Berliner Auktionshauses Bassenge. Vom 24.11 bis 02.12.2008 wird dort eine Sammlung sowjetischer Kriegsfotografien der Jahre 1941-45 zu sehen sein, um anschließend auseinandergerissen und einzeln verkauft zu werden. Der Katalog zur Sammlung ist heute bereits ein großartiges Dokument, das mit der Belagerung Lenigrads beginnt und mit dem Einmarsch in Berlin endet. Zeit und Tod wohnen der Fotografie wie keinem anderem Medium inne, bei Kriegsbildern wie diesen wird das überdeutlich.
www.bassenge.com


Ivan Shagin, Exausted Russian Soldier next to dead German Soldier, Berlin 1945


Christoph Bannat, 18.11.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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