Michael Reuter | Interview

Mehr Outside geht nicht! Ein Interview mit Jenz Dieckmann, dem Herausgeber der Kunst-Fanzine „INSIDE artzine“


Jenz, Religion

Deine Compilations von extremen Bildern und Grafiken lösen bei vielen Leuten nur eine Reaktion aus: Was für ein kranker Scheiß! Verstümmelte Puppen, Sex- und Gewaltfantasien, morbide Albträume und eine Menge Körper in verschiedenen Stadien des Verfalls. Trauen sich deine Autoren und Künstler überhaupt noch auf die Straße?

Schwer zu sagen, vielleicht sind die meisten ja auch schon weggeschlossen. Unmöglich zu sagen, wer da freiwillig künstlerisch tätig ist oder wer aus innerem Zwang handelt. Ich schätze mal es pendelt zwischen Profi und unterdrückten Normalo, der seinen psychischen Druck in seinen Bildern loswerden muss, um nicht Amok zu laufen. Davon mal abgesehen, ist die Definition "kranker Scheiß" ja auch eher subjektiv. Auch das Grauen besitzt Aspekte von Schönheit und Sinn. Die Zombiebabypuppen eines Jeremi Rimel haben Reaktionen bis hin zu Morddrohungen gegen den Künstler hervorgerufen.

Aus welchen Löchern kommen deine Künstler gekrochen und aus welchen kunsthistorischen Quellen saufen sie?

Die Beiträge kommen aus allen Winkeln dieses verkommenen Planeten (Europa, USA, Australien, Brasilien, Hong Kong, Japan). Der kollektive Wikipediageist wird wahrscheinlich dunkle Strömungen von Hieronymus Bosch bis H.R. Giger ausfindig machen. Mit Sicherheit aber sickert zwischen den Zeilen der Licht abweisende, kosmische Wahnsinn idiotischer wurmgesichtiger Intelligenzen in die Wahrnehmung des Lesers. Definitiv außerirdisch!

Du definierst die Fanzine als „Artscum“, Kunst-Abschaum. Betrachtet ihr euch als Outsider? Seid ihr staatsfeindlich, antiklerikal oder gar anarchistisch?

Wahrscheinlich alles zusammen. Artscum macht sich keine Gedanken um Gesetze, Moral und Political Correctness. Damit macht man sich automatisch zum Outsider. Artscum ist das Tabasco in der Wunde, nicht das Überreden mit vernünftigen Argumenten. Provokation als Schlüssel zu der abgestumpften, egozentrischen Wahrnehmung einer Öffentlichkeit, die vornehmlich nur ihre Ruhe haben will.


INSIDE artzine Cover #11, Fabrice Lavollay, Lying Fairy - 2006 (30/42 cm), www.fabricelavollay.com

Internetseiten wie „rotten.com“ sind in der Darstellung von menschlichen Grausamkeiten noch einen ganzen Zacken härter. Wo liegen deine Grenzen?

Es geht nicht um die bloße Darstellung von körperlicher Verstümmelung. Seiten wie "rotten.com" sind nicht viel besser als Spannersendungen wie "Explosive" oder "Akte 08". Da geht es auch nur um den Rausch an dem Elend anderer. Um bei dem Beispiel von eben zu bleiben, echte Bilder von verbrannten Babys in einer Zeitschrift abzubilden wäre in der Tat krank. Durch den Transport von Schmerz, Gewalt und/oder Aggressivität in eine künstlerische Arbeit entsteht aber etwas Neues. Etwas Bedrohliches, Unangenehmes, etwas das scheinbar in uns allen lauert. "Rotten.com" bestätigt, dass das Leben grausam und brutal ist, INSIDE artzine lässt erahnen, warum das so ist.

Du machst in unregelmäßigen Abständen Ausstellungen unter dem Titel GALERIA ABSURDUM. Wann gibt es wieder etwas zu sehen?

Die nächste Ausstellung ist eine Art Werkschau des INSIDE artzines unter dem Titel "Artscum over Dresden". Ort ist die Galerie KNARK ART, Torgaur Str. 24, Dresden. Der gesammelte großformatig ausgedruckte Auswurf aus diversen INSIDE artzine Nummern ist den ganzen November jeweils Mittwochs und Sonntags von 18-21 Uhr zu ertragen.


Kris Kuksi, Lust and Selfabuse, www.kuksi.com

Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 64, November 2008.

Michael Reuter, 11.11.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

Kunst-Blog.com, Copyright 2005-2014. Alle Rechte vorbehalten.

Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.

 

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar zu »Mehr Outside geht nicht! Ein Interview mit Jenz Dieckmann, dem Herausgeber der Kunst-Fanzine „INSIDE artzine“«




Automatisch anmelden?