Michael Reuter | Interview

Neue Kuratorin an der Staatsgalerie Stuttgart


Alice Koegel

Alice Koegel hat Mitte September den neu eingerichteten Posten der wissenschaftlichen Kuratorin für zeitgenössische Kunst an der Staatsgalerie Stuttgart übernommen. Ihr Arbeitsbereich umfasst Kunst ab 1980. Sie studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Pädagogik, arbeitet seit 1997 als Kritikerin und Kuratorin und hat zahlreiche Texte und Publikationen über zeitgenössische Kunst, Film und Video veröffentlicht. Die sonnendeck-Redakteure Hansjörg Fröhlich und Michael Reuter trafen Koegel zum Interview.

Frau Koegel, Anfang September war noch London ihre Heimat. Willkommen in Stuttgart! Was haben sie in Großbritannien gemacht?

Ich war Kuratorin für Performance und zeitgenössische Kunst an der Tate Modern. Mein zweiter Aufenthalt in London nach meinem Studium am Goldsmiths College. Die Stelle umfasste das gesamte Spektrum von Performance, sowohl historische als auch zeitgenössische Positionen. Wir haben zum Beispiel ein Projekt mit Tony Conrad gemacht, der nicht nur im Bereich Performance wichtig ist, sondern auch einer der Pioniere des strukturellen Films und der Minimal Music ist.

Was hat sie bewogen, an der Tate aufzuhören?

Die Stelle hier an der Staatsgalerie hat mich gelockt. Sie ist neu definiert worden. Die Kunst ab 1980 in allen Medien rückt jetzt in mein Blickfeld.

Welche Merkmale hat ihre Tätigkeit als wissenschaftliche Kuratorin für zeitgenössische Kunst?

Sie ist nicht medienspezifisch, das heißt, sie berücksichtigt, dass die zeitgenössische Kunst, aber auch die Kunst des letzten Jahrhunderts gattungsübergreifend ist. Es stellt sich auch die Frage, wie sich zeitgenössische Kunst, wie sich junge Kunst definiert. Aktuell kann durchaus etwas sein, was in den 70er oder 60er Jahren stattgefunden hat. Es gibt in diesem Haus umfangreiche Archive, wie das Archiv Sohm oder das Marcel Duchamp Kabinett. Mit jungen Künstlern und diesen Archiven zu arbeiten, würde mich reizen. Dazu kommt die fantastische Sammlung der Staatsgalerie mit Werken ab dem 14. Jahrhundert. Ich möchte auch nicht nur auf die bildende Kunst schauen. Mir ist wichtig, die Kunst im gesellschaftlichen und historischen Kontext zu sehen.

Christoph Büchel scheint in seiner Ausstellung „Deutsche Grammatik“ im Fridericianum Kassel das Museum als Institution abschaffen zu wollen. Brauchen wir noch Museen?

Die Idee, das Museum aufzulösen, gegen das Museum zu rebellieren, die Institution zu hinterfragen, hat sich durch alle Avantgarden gezogen. Das ist durchaus eine Frage, die man sich immer wieder stellen muss. Aber Büchel postuliert sicher nicht die Abschaffung des Museums. Warum sollte er sonst im Fridericianum ausstellen? Aber was ist das Museum? In gewisser Weise ist es immer ein Speicher. Das unterscheidet zum Beispiel die Staatsgalerie von Institutionen ohne eigene Sammlung, mit anderen Möglichkeiten, mit zeitgenössischer Kunst umzugehen. Das Museum ist und bleibt eine wichtige Institution. Es spiegelt seine Sammlung, seine Kunst im gesellschaftlichen Kontext und in der Kunstgeschichte. Das Museum ist ein öffentlicher Ort, kein starres Archiv. Im Idealfall ein Ort ständiger Neuverhandlung von Kunst aus gegenwärtiger Perspektive.

Sean Rainbird hat Ende 2006 zu seinem Amtsantritt gesagt: „Das Ausstellungsprogramm soll neben dem Stammpublikum ein neues, vor allem junges Publikum ansprechen ...“. Da ist bisher nicht viel von zu sehen. Lässt sich ein junges Publikum, wenn überhaupt, nicht am ehesten über provokante, zeitgenössische Kunst gewinnen? Das wäre doch jetzt ihr Job?

Es geht nicht um Provokation. Es wäre schade, wenn nicht auch leisere Positionen Raum bekommen. Ich denke, daran muss man langfristig arbeiten. Es kann nicht das Ziel sein, über Partys und Blockbuster-Ausstellungen die Leute anzulocken. Das würde am Kernauftrag des Museums vorbeigehen. Das Museum kann versuchen, historische Positionen über die Arbeiten zeitgenössischer Künstler zu vermitteln. Wir müssen eingefahrene Wahrnehmungsmuster aufbrechen. An der Staatsgalerie werden wir verstärkt unter zeitgenössischen Aspekten mit der Sammlung arbeiten.

Womit werden sie sich in den nächsten Monaten beschäftigen?

Ich bin sicherlich erst einmal ausgiebig damit beschäftigt, die Depots und Archive kennenzulernen, um Ausstellungen und Konzepte entwickeln zu können. Am 12. Dezember ist die Neueröffnung des Erdgeschosses der Alten Staatsgalerie. An der Neuhängung werde ich mitwirken und dort Aspekte der zeitgenössischen Kunst einbringen. Es gibt Überlegungen zu einer Ausstellung, die sich auf die Werkbund-Ausstellung „Film und Foto“ von 1929 in Stuttgart bezieht. Unsere Ausstellung, die für den Sommer 2009 angedacht ist, soll die heutigen Bezüge zwischen Film und Foto zur zeitgenössischen Kunst aufzeigen. Wir wollen auch eine Serie „Offenes Depot“ entwickeln.

Das Kunstmuseum erhält mittlerweile mehr Aufmerksamkeit als die alte Tante Staatsgalerie.

Ich sehe die anderen Häuser nicht als Konkurrenz. Je sichtbarer zeitgenössische Kunst wird, desto besser. Aber Umbauzeiten (die zweijährige Umbauphase wurde im Juli 2008 abgeschlossen) sind immer schwierige Phasen, wo die Sichtbarkeit eines Hauses eingeschränkt ist.

Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 64, November 2008.

Michael Reuter, 06.11.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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