Christoph Bannat | Interview

Kuba-Reisecomic von Reinhard Kleist


Alle Foto entstanden nach Originalen im Atelier von Reinhard Kleist, Ausschnitt

Schöne Idee. Die Geschichte fängt an, wenn das Buch zuende ist. Zuvor erfährt der Leser nur fragmentarisch, was der Comiczeichner Reinhard Kleist in Kuba erlebt hat. Damit ist Reinhard Kleist ein Kunstgriff gelungen, die Konzentration des Lesers richtet sich so mehr auf die einzelnen Zeichnungen.


Ausschnitt

Zeichnungen, die mal skizzenhaft locker auf den Seiten verteilt oder formatfüllend und durchkoloriert durchs Buch führen (Havanna - eine kubanische Reise, Carlson). Zum Ende hin gewinnt der assoziativ angelegte Reisecomic an Fahrt. Dann lässt Reinhard Kleist uns an seinen inneren Monologen mit den Konterfeis Fidel Castros teilhaben, und das macht neugierig, wie es weiter geht.

Nach Guy Delisles Arbeitsaufenthalt in China (Shenzhen) und Nord-Korea (Pjöngjang), Craig Thomas' Reise durch Europa und Marokko sowie nach Dirk Schwiegers interaktiv angelegtem Tokyo-Aufenthalt (alle bei Reprodukt erschienen, www.reprodukt.com) beginnt sich das Reisecomic als eigenes Genre zu etablieren. Diese Comics sollten in jeder Reisebuchhandlung stehen. Neu ist, dass der Carlson-Verlag einem Zeichner die Reise mit einem Buchvorschuss bezahlt.

Christoph Bannat: Wie kam es dazu, dass Ihnen das Angebot gemacht wurde?

Reinhard Kleist: Es gibt ja in Frankreich viele Reisecomics von Christoph Blain, der ist auf dem Polarmeer gefahren. Emmanuel Lepage war in Brasilien, und dann gibt es noch den Zeichner Jaques Fernandez, der viel im nahem Osten, Istanbul, Syrien, Irak unterwegs ist, und die waren schon ein Vorbild für uns.

C.B.: Für Sie und ihren Verleger Michael Groenewald?

R.K.: Ja. Dann hat mich Carlson gefragt, ... "überleg dir mal ein Land". Und dann dachte ich an Kuba, auch weil zu der Zeit viel in den Nachrichten kam und spekuliert wurde, dass Fidel Castro krank sei und sich von seinen Ämtern zurückziehen würde, und keiner wisse, wo er ist.

C.B.: Für mich treffen zwei Kulturen im Buch aufeinander: die westliche "Kultur des Zweifels" und die Kultur des Glaubens. Des Glaubens an die Revolution, verbunden mit dem Zwang zum Glaubensbekenntnis. Ein Bekenntnis, das im Falle Kubas sicherlich einer existenziellen Selbstbehauptung gleichkommt. Dabei wirkt das Bild der Insel vor den Augen einer Weltmacht wie eine (wahnwitzig) reale Revolution, die mit ca. 30 Kämpfern begann, und einem heroischen, auf Selbstopferung basierenden Personenkult (Che Guevara) bis heute weltweit als linke Traummetapher. Was im Spannungsfeld zwischen revolutionärem Anspruch und Alltagswirklichkeit für Kräfte wirken, davon handelt auch ihr Reisecomic.

R.K.: Jeder, mit dem man spricht, hat unglaublich viele Bilder zu Kuba im Kopf, und auch ich hab mir nicht wirklich vorstellen können, wie es hinter diesen Bildern aussieht, von den tollen Autos, dem verfallen Havanna und dem nachrevolutionären Kuba.

C.B.: Gab es Vorgaben vom Verleger?

R.K.: Nein, es gab gar keine Vorgaben. Wir haben uns vorher ausgedacht, was wir haben wollen. Es war klar, dass ich ein Blog (www.carlsen.de/blog/reinhard-kleist) mit meinen Erlebnissen schreibe, mich mit Leuten treffe und Geschichten sammle, die dann ins Buch einfließen sollten. Es war eine Idee, das Buch schon in seiner Entstehungsgeschichte verfolgen zu können.

C.B.: Warum wurden Sie als Zeichner ausgewählt?

R.K.: Sie wollten einen Zeichner, der gerade im Gespräch ist (Reinhard Kleists Johnny Cash-Biografie "I see the Darkness" erscheint heute in 5 Sprachen) und der auch vom Stil her, also in Richtung Illustration, gut passt.

C.B.: Ist es nicht schwierig, etwas erleben zu müssen, also unter Verwertungszwang zu stehen?

R.K.: Ich war hin und her gerissen, wie ich das jetzt finden soll. Ich hatte zwar das Privileg, nichts machen zu müssen, hatte aber den Druck im Nacken, dass ich ein gutes Buch abliefern will. Dabei war ich nur einen Monat in Kuba und musste das Blog machen, musste zeichnen und mir Gedanken machen, wie ich das Buch dann zusammenbauen soll, da bin ich manchmal an meine Grenzen gekommen. Und am Ende der Reise war ich nicht zufrieden mit den Sachen, die ich mitgebracht habe.

C.B.: Was passierte dann?

R.K.: Ich merkte, dass ich einen Abstand zwischen den Sachen, die ich sehe und erlebe, und denen die ich verarbeiten will, brauche. Meine Idee war ja, tagsüber etwas zu erleben und abends dann zu zeichnen. Das hat in Kuba so gut wie gar nicht funktioniert. Da saß ich manchmal Abends vor dem weißen Blatt und war total frustriert. Das hat sich aber sofort geändert, sobald ich wieder in Berlin im Atelier saß.

C.B. Hattest Du von vornherein eine fortlaufende Geschichte im Kopf?

R.K.: Nein, gar nicht. Das kam erst durch meinen Verleger, der meinte ich bräuchte einen roten Faden, womit er auch recht hatte. Dieser war dann die Geschichte, mit der Schwierigkeit das Blog von Kuba aus zu bedienen, und später das Gespräch mit dem Konterfei von Fidel Castro.

C.B.: Was unterscheidet einen gezeichneten Reisebericht von einem fotografierten?

R.K.: Die Zeichnung ist viel subjektiver als ein Foto. In eine Zeichnung kann man viel reinbauen, mehr erzählen. In der Zeichnung kann ich machen was ich will, ohne dass jemand sagt, dass man den Betrachter manipuliert, denn die Erwartungshaltung des Betrachters ist ja sowieso eine andere. Da ist der Zeichner, der etwas bestimmtes repräsentiert; er repräsentiert eben nicht die Wirklichkeit, wie bei einem Foto, sondern einen Standpunkt, der bereits darin besteht, wie er Striche, Farbe und Flächen ins Verhältnis setzt. In meinem Buch gibt es eine Mischung aus Zeichnungen, die vor Ort entstanden, Comic-Geschichten und Zeichnungen, die ich anhand von Fotos zusammengesetzt habe.

C.B.: Ein Fotograf kann ja schnell vom Ort des Geschehens verschwinden, als Zeichner muss man bleiben bis die Zeichnung fertig ist. Entsteht daraus eine andere Verantwortung dem Umfeld in dem man zeichnet gegenüber?

R.K.: Es war schon manchmal eine komische Rolle, wenn ich den malerischen Verfall der Fassaden zeichnete und wusste, dass andere drin wohnen müssen. Im Buch gibt es dazu eine Zeichnung, die erzählt wie die selbstgezimmerten Einbauten in den Wohnungen den Zerfall der Bausubstanz beschleunigen. So etwas hab ich dann später ins Buch genommen. Als Zeichner hat man die Möglichkeit, stärker zu verfremden, den Fokus der Geschichte zu verlagern und von Bild zu Bild zu entwickeln.

C.B.: Sie haben auch mit Fotos gearbeitet?.

R.K.: Fotos sind für mich nur Gedankenstützen. Es gibt nur ein Bild, das ich 1:1 abgemalt habe. Wenn ich ein Foto habe kann ich mir die Perspektiven zeichnerisch selbst suchen, wenn ich mir die Grundformen vergegenwärtige. Ich benutze Fotos als Referenzmaterial. So setze ich große Panoramen wie den 47. Geburtstag der Kommunistischen Jugend zeichnerisch aus unterschiedlichen Fotografien zusammen

C.B.: Sie verwenden unterschiedliche Typografien- können Sie dazu etwas sagen?

R.K.: Die Bilder sollen den größten erzählerischen Teil des Buches bilden. Der Text ist oftmals lediglich Erklärung zu dem, was man auf den Bildern nicht sehen kann. Geschichtliche Zusammenhänge etwa, oder Anekdoten, die außerhalb des Bildrahmens passiert sind. Es gibt drei Typographien im Buch. Eine erklärt die politischen und geschichtlichen Zusammenhänge, eine andere meine Alltagswelt in Kuba und eine eher Lautmalerische, die sich der Sprache und Geräuschen widmet, die Dialoge in den Comicseiten zum Beispiel, aber auch die Musik, die aus den aufgedrehten Autoradios kommt.

C.B.: Wann haben sie die Zeichnungen koloriert?

R.K.: Es gibt Zeichnungen, die ich vor Ort koloriert habe, viele aber erst im Atelier. Ich hab versucht, dem Leser eine Temperatur zu beschreiben. Oft habe ich eine Farbauswahl getroffen, die eigentlich nicht so war, die aber eine bestimmte Atmosphäre vermitteln soll. Es gibt ein Bild vom "Platz der Revolution", wo die Gruppe von Senioren über den Platz läuft. Da gab es natürlich einen blauen Himmel und das Che-Bild war betongrau, das hab ich später in Ocker-Töne übersetzt, um die unglaubliche Hitze spürbar zu machen, so wie ich mich daran erinnert habe. So auch bei dem Bild vom Soldaten, der sich den Schweiß abwischt.

C.B.: Wie sind sie auf die Idee der Zwiesprache mit Fidel Castro gekommen?

R.K.: Zunächst gab es keine reale Person die ich so hätte einbauen können. Das ist ja eine alte Comicidee, dass der Erzähler einen Sidekick oder eine Gegenstimme braucht, die einem die Geschichte noch einmal aus einem anderen Blickwinkel erzählt. Und wer könnte das besser als Fidel Casto selbst, auch wenn das etwas paranoid und größenwahnsinnig klingt.

C.B.: Wie geht’s weiter?

R.K.: Ich möchte noch mal nach Kuba fahren und an einer Biografie von Fidel zeichnen.

C.B.: Nicht von Che?

R.K.: Über den gibt es schon so viel. Ich finde Fidel interessanter. Che ist für mich wie ein Abenteurer. Fidel ist derjenige, der sich, bis heute, auch verantwortlich für sein Land zeigt.

Anmerkung: Carlson brachte in diesem Jahr eine historische Che-Biografie von 1968 heraus. Unter grafischen und comic-historischen Gesichtspunkten ist diese ein großartiges Dokument. Doch leider auch verantwortungslos, was den Text und die Reproduktion des Mythos Che betrifft. So wird sein Scheitern in Afrika und später in Bolivien nicht thematisiert. Ebenso wenig die 550 Todesurteile in der Festung La Cabana auf Kuba, die unter seiner Aufsicht verhängt und vollstreckt wurden. Ein Widerspruch zu seinem Mythos als fürsorglicher Arzt, wie er im Comic kultiviert wird und der von Taz- Kulturredakteur Andreas Fanizadeh im Vorwort leichtfertig übergangen wird. Widersprüche offen zu legen und auszuhalten sollte als Stärke gelten. Reinhard Kleist versucht diese Stärke zu kultivieren, das macht Mut.




www.reinhard-kleist.de
Nächste Ausstellungen im Kunstverein Bieberach e.V., 6. Dez. bis 6. Jan., und in Hamburg www.chezlinda.de.

Christoph Bannat, 22.11.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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