Esther Ernst | wo ich war

ROLDANUS ULRIC - GREATMORE STUDIOS - GUGULECTIVE - FUGARD ATHOL

 

ROLDANUS ULRIC
Should I stay or should I go
Woodstock, Cape Town
+ Einkaufswagen (Trolleys) haben in Südafrika einen ganz besonderen Wert. In der Johannesburger-Innercity gibt es sogar den Beruf "Trolley-pusher". Ein Trolly-pusher arbeitet meist in hektischen und unübersichtlichen Taxiumsteig-Gegenden und transportiert in Windeseile Gepäck zwischen dichtem Verkehr.
Obdachlose verstauen ihr übrig gebliebenes Hab und Gut in Trolleys und bauen diese manchmal zu ganzen Behausungen um.
Trolleys gehören in Südafrika, in den verschiedensten Varianten eingesetzt, zum Strassenbild dazu.
Der holländische Künstler Ulric Raldanus hat während seines Stipendiums eine Installation aus sieben Supermarket-Trolleys realisiert. Jeder dieser sieben Trolleys hat Roldanus mit für Südafrika typischen Gegenständen (Stacheldraht, Glasperlenschmetterlinge, Zeitungsheadlines-Werbeplakate, Palmblätter...) bestückt. Eine tolle Aktion bestand darin, die Trolleys nach einem Aufsehen erregenden Umzug durch Woodstock wieder der Strasse zu überlassen.

 

GREATMORE STUDIOS
10 years at Greatmore Studios
Cape Town
+ Die Greatmore Studios befinden sich in einem grosszügigen Bungalow in Woodstock, einer der aufregenderen Stadtteile von Kapstadt, und sind das Pendant zur Bag Factory in Johannesburg. Subventionierte Atelierplätze sind rar in Südafrika, umso erstaunlicher ist es, dass man sich ganz schön wundert über die Kunst dort. Zum 10-jährigen Jubiläum öffneten die Ateliers ihre Türen und luden zum Rundgang ein. Auffallend sind die fliessenden Grenzen zwischen gebastelter und zum Teil ganz charmanter "Townshipkunst" (aus Abfall zusammengeklebte Stadt- und Wellblechsiedlungsansichten), geschliffenem und geöltem Kunsthandwerk aus Holz oder dick aufgetragenen Kohleportraits, die in vielfältigster Weise in den Greatmore Studios anzutreffen sind. Es arbeiten überwiegend jüngere und schwarze Künstler hier, von denen wahrscheinlich die wenigsten je eine Ausbildung an einer Kunstuniversität genossen haben.
Schwierig, schwierig.

 

GUGULECTIVE
Künstlerzusammenschluss
Guguletto, Cape Town
+ Guguleto ist ein traditionelles Xhosa Township in den Cape Flats von Kapstadt. Hier kämpfen viele ums tägliche überleben und die Aussicht auf ein gewaltfreies Leben ist relativ klein. Khanyi, Mitbegründerin von Gugulective, führte uns dort herum und lud uns in das Büro, das Herzstück von Gugulective, ein. Das Büro ist ein Drei-Zimmer-Häuschen, in dem 8 junge Künstler sich zu einem Kollektiv zusammengeschlossen haben, sich gegenseitig unterstützen, Ausstellungen, Konzerte und Performances auf der Strasse oder in einem zur Galerie umstrukturierten Shebeen organisieren, eine Bibliothek und andere soziale Projekte auf die Beine stellen. Neulich wurden sie vom "HAU" nach Berlin eingeladen und haben dort in einer installierten Wellblechhütte im Freien performt. Ihre Arbeiten beziehen sich konkret auf die sozialen und politischen Missstände, ihr Hauptanliegen, so schien mir, ist durch die Kunst mit den Menschen darüber zu kommunizieren, sie zum Agieren herauszufordern. Ganz schön beeindruckend und ganz schön viel Energie in dieser Trostlosigkeit.

 

FUGARD ATHOL
Hello and Godbye
Baxter Theater, Cape Town
+ ich war schon so lange nicht mehr im Theater, weil ich davon meistens wahnsinnig schnell genervt bin, Südafrika schien mir ein guter Anlass, mal wieder einen Versuch zu starten. Arthol Fugard ist einer der bekanntesten Autoren hier, und "Hello and Goodbye" hat er in den 60-ern geschrieben. Die Geschichte kreist um zwischenmenschliche Probleme, der Abnabelung von den Eltern, Familie als einen Abgrund und so weiter. Ein bisschen ein Mix aus "Endstation Sehnsucht" und "Wer hat Angst vor Virginia Woolf", nur längst nicht so gut geschrieben, etwas langweilig und viel zu lang und uralt sowieso (von der Kritik überaus gelobt und als zeitlos beschrieben...). Entspannend daran fand ich, dass ich dieses afrikaans-englisch, von Schauspielern fein säuberlich gesprochen, zum ersten Mal problemlos verstand, auf lauten Partys versteh ich nämlich höchstens die Hälfte. Ein belangloser Abend und das werte ich mal positiv. Das Baxter Theater ist ein toller, in den 70-iger Jahren gebauter Theaterkomplex mit mindestens drei Bühnen, etwas ausserhalb von Kapstadt.

Esther Ernst, 30.11.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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