Markus Wirthmann | Kritik
Der lange Marsch zu den chinesischen Kunstfabriken
Apartment Art in China 1970s-1990s (1)
The Ecology of Post-Cultural Revolution Frontier Art
Shuimu Contemporary Art Space, 798 Art District, Peking
Oktober 2008

"Apartment Art" is a term, which I put forward to summarize a very important phenomenon in Chinese contemporary art during the former three or four decades.“ Gao Minglu
Im Westen wundert man sich schon seit geraumer Zeit über das scheinbar plötzliche Auftauchen der Kunstfabriken in Chinas Großstädten - und den damit einsetzenden Boom der zeitgenössischen Kunst im Reich der Mitte. 798, eigentlich die Bezeichnung einer einzigen Fabrikhalle im weitläufigen, ehemals militärisch genutzten Industriegelände von Dashanzi in Peking und, nicht ganz so bekannt, M50 in Shanghai, sind mittlerweile zum Synonym für diese Agglomerationen von Künstlerateliers, Galerien und Projekträumen geworden.
Die Gründungsväter sind mittlerweile schon Legende bzw. Klischee und im weltweiten Kunstbetrieb geläufige Namen: Ai Weiwei, Yue Minjun, Zhang Huan etc. pp.
Der Trend hält an und, befördert durch das allgemeine Interesse an der Kunst Chinas sowie der Euphorie durch die Olympischen Spiele dieses Jahr und die Expo Shanghai 2010, entstehen, vor allem im Osten Chinas, neue Projekte.
Dass dies alles nicht aus dem luftleeren Raum entstanden sein kann, ist den meisten Kunstinteressierten aus dem Westen nicht klar. Natürlich hat die Öffnung zum Westen, die trotz ihrer katastrophalen Rückschläge seit dreißig Jahren anhält und dieses Jahr auch mit einer Vielzahl von Veranstaltungen und kunsthandwerklichen Sondereditionen begangen wird diese Freiräume am Ende ermöglicht. Aber der Weg von der „Self-Claimed Avant-garde“, so eine Kapitelüberschrift, über subversive Ausstellungen in den Wohnungen der Protagonisten oder von Freunden bis zu den Kunstfabriken war hart und immer begleitet von Zensur und Repression.

„Appartment Art ...“ verfolgt diesen Weg mit großer Liebe zum Detail in einer dokumentarischen Ausstellung. Viel Fotomaterial wurde zusammengetragen, das einen Einblick in die Szenen und ihre Selbstdarstellung erlaubt. Dass die Gruppen in dieser Zeit nicht vollkommen abgeschottet waren, zeigen zum Beispiel Bilder, auf denen Robert Rauschenberg mit jungen chinesischen Künstlern diskutiert.

Besonders eindrücklich sind die Nachinszenierung einzelner Ausstellungssituationen und der komplette Nachbau einer Hutong-Wohnung mit realitätsnaher Rekonstruktion der Einrichtung samt Kunstwerken. Das lässt ein recht überzeugendes Bild der damaligen Situation vorm inneren Auge des Betrachters entstehen.

Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen und, so zumindest mein Eindruck, sehr gut recherchierten Katalog. Der folgende Katalogtext von Gao Minglu, dem Chef-Kurator der Ausstellung, ist auf der Website von artintern.net zu finden:
In the 1970s, some young artists, distant from official political art, had periodically gathered together and exhibited works of modern art style in their personal "strongholds" ---family apartments, such as activities of the "No Name Group". After the Cultural Revolution, from the late 1970s to the middle 1980s, modern art started to enter into official art galleries. However, some works of radical or avant-garde styles were still unable to be exhibited openly. Therefore, some young artists continued to exhibit their works in "apartments", especially those works in abstract and expressionist forms. (Graph I, Graph I]). During this period, on the one hand, "Apartment Art" adopted academically and politically uncooperative gestures; on the other hand, it continued to explore the modern art style of "art for art's sake". Therefore, it had become the representative of marginal art, in addition to academic and official art (which paid attention to social themes as "Scar", "Rustic" and aesthetic beauty in form). The artists of "Apartment Art" had very close interactive relations with the saloon youth in the late 1970s, which preferred poems, photography and so on. At the same time, they actively took part in the political activities such as "the Xidan Democracy Wall". As a result, from the latter part of the Cultural Revolution to the middle 1980s, "Apartment Art" had become an important part of the Chinese contemporary art which was in pursuit of modernity, and simultaneously it posed as the most radical one.



Markus Wirthmann, 03.12.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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