Michael Reuter | Kritik

In der Dunkelheit hinterlässt das Licht Spuren


© Ralf Spieß

Grundlage der Arbeiten von Volker Schöbel (64) sind fotografische Abfälle. Probestreifen oder misslungene Abzüge unterschiedlicher Schwarz-Weiß-Papiere landen in einem dunklen Mülleimer, in dem die Entwickler-, Stopp- und Fixier-Chemikalien zwischen den Schnipseln weiter wirken. Auf zufälligem, fotochemischem Weg entstehen im Laufe der Zeit abstrakt anmutende Farbcollagen in erdigen Tönen. Aus unzähligen dieser Puzzleteile – als Leiter der Freien Fotoschule Stuttgart sitzt der Künstler an der Quelle – hat Schöbel über die Jahre etwa zweitausend besonders interessante Fragmente herausgefiltert, die als Grundlage für unterschiedlich große Bildtableaus dienen. Eine komplette Arbeit kann aus fünf oder aus über hundert einzelnen Teilen bestehen.

Aber nicht nur der Zufall hat dieses vieldeutige Werk hervorgebracht. Schöbel greift an einigen Stellen in den Prozess ein. So fügt er belichtete, weiße Fotopapiere zu den anderen Papierabfällen hinzu. Er nutzt Blutlaugensalz, um die Collagen aufzuhellen und die gedämpften Farben zum Leuchten zu bringen. Er tariert geduldig die Komposition der einzelnen Collagen aus, indem er mit Schere und Tesafilm Störendes entfernt oder Notwendiges hinzufügt. Schließlich pinnt er alles an eine Wand und greift über Monate hinweg immer wieder in die Reihenfolge der Bilder ein, setzt Wertigkeiten neu und arbeitet an einer ausgewogenen Farbbalance des Tableaus.


© Volker Schöbel

Als Ergebnis präsentieren sich Bilderfluten, in denen das Auge des Betrachters stundenlang wandern kann. Jeder Block sei wie ein einziges Bild, schwärmt Schöbel, erst in der Vielschichtigkeit und Vielfarbigkeit des Ganzen könne das einzelne Bild bestehen.
Und tatsächlich schälen sich nach und nach immer neue Formen und Figuren heraus, denn trotz ihrer inhaltlichen Dichte sind die Tableaus eine leere Projektionsfläche für Träume und Fantasien. Wie in den Tiefen der Kristallkugel einer Wahrsagerin findet sich für jeden, der mit dem inneren Auge auf die Collagen schaut, eine neue, eigene Geschichte.

Einen Teil seiner Arbeiten präsentiert Volker Schöbel noch bis 24. Januar 2009 in der Galerie Nieser, Große Falterstr. 31/3, 70597 Stuttgart.

Michael Reuter, 10.12.08 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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